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Star Trek - Sternendämmerung

James Tiberius Kirk, Raumschiff-Captain außer Dienst, aber seit seiner Wiederauferstehung von den Toten (vgl. "Die Rückkehr", Heyne SF-TB Nr. 06/5689) neuerlich als Retter des Universums tätig, möchte mit seinem neuen Freund Jean-Luc Picard einige Tage Abenteuerurlaub machen. Aus Gründen der Handlungsdramatik beschließen die beiden, dies auf dem Planeten Bajor und im Schatten der Raumstation "Deep Space Nine" zu tun. Sie haben keine Ahnung, dass sie ihre Atmosphären-Gleitsprünge ausgerechnet über einem Wüstengebiet absolvieren, welches vor dreißig Jahren Schauplatz einer merkwürdigen Episode im bajoranisch-cardassianischen Krieg war. In Bar’trila, der verlorenen Stadt, wurde eines jener als "Tränen der Propheten" bekannten Artefakte vermutet, die der im Wurmloch über Bajor hausenden Superintelligenz zugeschrieben werden und dem Finder quasi übernatürliche Macht verleihen. Damals konnten die Bajoraner die Cardassianer unter hohen Opfern von diesem Platz verjagen. Die Überlebenden beider Seiten haben den lockenden Schatz freilich nicht vergessen.

Unsere gleitenden Helden werden zum Absturz gebracht. Die Notlandung lässt sie in der glühenden Wüste stranden. Während sie zum hoffentlich feuchten Horizont streben, bleibt ihnen viel Zeit, sich über Vergangenes zu unterhalten. Das bedingt eine lange Kette primär Kirkscher Reminiszenzen an glorreiche "Enterprise"-Zeiten und die Einsamkeit des Captains, der in brenzliger Lage kurzentschlossene Entscheidungen treffen muss.

Die Handlung wird wieder aufgenommen, als Kirk und Picard in eine merkwürdige archäologische Ausgrabungsstätte stolpern. Die verlorene Stadt wurde gefunden - von den Bajoranern, aber wohl nicht nur von ihnen, denn just fiel Professor Nilan einem merkwürdigen Unfall zum Opfer - oder wurde er ermordet, wie es sein Kollege Corrin Tal vermutet? Als neuerliche "Unfälle" weitere Opfer fordern, wird klar, dass hier eine feindliche Macht am Werk ist. Oder sind es etwa religiöse Fundamentalisten unter den Bajoranern selbst, die es nicht dulden wollen, eventuelle Artefakte als Objekte der Wissenschaft "missbraucht" zu sehen? Die Lage ist undurchsichtig und eskaliert, als auf Kirk und Picard ein Mordanschlag verübt wird, der Letzteren in einem See versinken lässt. Ist Picard tot? Mit der für ihn typischen Mischung aus Elan und Zorn geht Kirk auf Konfrontationskurs und stört den Gegner auf ...

Der rasende Rentner macht erneut das All unsicher. "Sternendämmerung" ist der furiose Auftakt einer "Star Trek"-Kirk-Trilogie, die im Dezember 2003 mit "Captain’s Blood" (deutsch: November 2004, "Sternennacht") fortgesetzt wurde, um im Frühjahr 2005 mit "Captain's Glory" zu enden. Weil er trotz seines überlebensgroßen Egos kein Dummkopf ist, hat sich William Shatner wiederum der Unterstützung des schreibenden Ehepaars Judith und Garfield Reeves-Stevens versichert. Eine kluge Wahl, denn kaum jemand kennt sich so gut im "Star Trek"-Universum aus und trifft vor allem den Ton, der uns seine Protagonisten seit vielen Jahren zu lieben und teuren Feierabend-Gästen im Fernsehzimmer macht.

Shatner möchte selbstverständlich "Star Trek"-Luxus-Science-Fiction produzieren. Das meint er sich und seinem Publikum als der leibhaftige und einzige James T. Kirk schuldig zu sein. Der Leser honoriert und schätzt es, nicht zum x-ten Male mit einem Abenteuer der legendären Fünfjahresmission behelligt zu werden, die sich längst alle irgendwie ähneln. "Sternendämmerung" gelingt darüber hinaus, was man in Kino und Fernsehen oft entbehren muss: die (überzeugende) Verklammerung von "Star Trek" der Vergangenheit und Gegenwart, zwischen denen die Handlung immer wieder springt.

Damit stellt sich "Sternendämmerung" tapfer der quasirealen, Jahrhunderte umspannenden Fiktion, welche die "Star Trek"-Saga heute darstellt. Das Autorentrio fürchtet nicht die faktenreiche Historie (oder ihre detailversessenen, pingeligen Kenner), sondern stellt sie in den Nutzen ihrer Geschichte. Noch in den Nebensätzen werden immer wieder Ereignisse aufgegriffen, an die sich womöglich nur der absolute Trekkie erinnert. Das lässt ein außerordentlich dichtes Hintergrundgewebe entstehen, auf dem der eigentliche Plot stabil ruht.

"Ruht" ist der zutreffende Ausdruck, denn obwohl stets etwas geschieht, ist "Sternendämmerung" sichtlich die Ouvertüre zu einem Spektakel, das sich wohl mindestens über 1200 Druckseiten hinziehen wird. So reihen sich zunächst zwar spannend geschriebene, aber zusammenhanglos wirkende Episoden aneinander, bis endlich ein roter Faden - der Kampf gegen die "Totalität" - sichtbar wird. Wer barockes Breitwand-Fabulieren schätzt, wird mit "Sternendämmerung" auf seine (oder ihre) Kosten kommen.

Wer ist der beste "Enterprise"-Kapitän aller Zeiten? William Shatner kennt die Antwort auf diese Frage genau, und seit er "Schriftsteller" geworden ist, nutzt er jede Gelegenheit, die Trekkies auf seine Seite zu ziehen. Dieses Mal konnten ihn die Reeves-Stevens offenbar nicht so gut kontrollieren wie sonst. Das Ergebnis: ein durch Raum und Zeit kapriolender Kirk, den sein "Freund" Picard gnädig begleiten darf (wenn er denn Schritt halten kann).

Jean-Luc Picard ist in der Tat ein manchmal recht dröger Zeitgenosse, aber zum Steigbügelhalter des entfesselten Kirk degradiert zu werden, das hat er ganz sicher nicht verdient! Auf der anderen Seite weiß Shatner anschaulich zu machen, dass die Sturm- und Drangzeit der Föderation Männer wie ihn - Tatmenschen - benötigte, die nach der Konsolidierung einer nüchterner forschenden Generation Platz machen konnten und mussten. Picard ist in der Krise durchaus zu schnellen, die Regeln großzügig auslegenden Entscheidungen fähig. Kirk lebt allerdings in einer Welt, der jeden Moment eine potenzielle Ausnahmesituation entspringen kann. Das hat ihn geprägt und zu dem unberechenbaren Strategen werden lassen, der geachtet und gefürchtet (oder verflucht) wird.

Interessant sind Kirks Selbstreflexionen, die viel vom wahren William Shatner verraten. "Im Gegensatz zu den verlorenen Details standen die Gefühle der damaligen Zeit ... Einen Traum verwirklicht zu haben, mit hoch angesehenen Profis und guten Freunden zusammenzuarbeiten ... Er konnte immer noch auf jene Erinnerungen zurückgreifen, auch wenn manche von ihnen dunkler und schmerzhafter waren" (S. 100). Diese Passage spiegelt womöglich Shatners lückenhafte und geschönte Erinnerung an seine "Star Trek"-TV-Tage wider, die er nach Auskunft seiner erbosten Schauspieler-Kollegen weitgehend vergessen hat, um sie erst im Alter lukrativ wieder zum Leben zu erwecken.

William Shatner wurde am 22 März 1931 in der kanadischen Großstadt Montreal geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der McGill University ebendort, wurde aber schon in jungen Jahren Schauspieler. Das hat er ebenfalls von der Pike auf gelernt - und zwar zunächst im Theater, wo er u. a. in zahlreichen Shakespeare-Stücken auftrat. 1956 ging Shatner nach New York zum Broadway. Parallel dazu spielte er in TV-Dramen, die damals noch live gesendet wurden. Zwei Jahre später tauchte Shatner in "The Brothers Karamazov"/"Die Brüder Karamasow" an der Seite von Yul Brunner und Maria Schell im Kino auf.

Der echte Durchbruch blieb (zunächst) aus. In den nächsten Jahren spielte Shatner in zahlreichen Kinofilmen und TV-Shows, die - vorsichtig formuliert - nicht in die Geschichte eingegangen sind. Darin lieferte er trotz seiner theatralischen bis pathetischen Darstellungsweise durchaus achtbare Leistungen ab, die ihm die Kritik bekanntlich gern abspricht. 1966 bis 1969 folgte die Hauptrolle in "Star Trek - The Original Series", gefolgt von einer langen Durststrecke und den für Shatner inzwischen typischen Rollen in B-Movies und Fernsehserien.

Mit unerhörter Zähigkeit blieb Shatner am Ball. Die Rückkehr als Captain Kirk in den "Star Trek"-Kinofilmen brachte ihm endlich die Popularität, die er sich wünschte. Er nutzte sie geschickt, um eine parallele Karriere als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Gang zu bringen. Seine Aktivitäten als Schauspieler schränkte er gleichzeitig keineswegs ein, versuchte sich als Sänger, wurde Pferdezüchter, gründete eine Firma für Spezialeffekte ("Core Digital Effects") - und entwickelte schriftstellerische Ambitionen.

Von Anfang an sah sich Shatner dabei primär als Lieferant von Plots und Ideen, die dann von Profischreibern in literarische Form gegossen wurden, aber unter seinem zugkräftigen Namen erschienen. Als Ghostwriter für die "Tek War"-Serie (ab 1994) fungierte SF-Veteran Ron Goulart. Da der Erfolg sich in Grenzen hielt, besann sich Shatner seines Alter Egos James T. Kirk, dem er mit tatkräftiger Unterstützung der Reeves-Stevens (s. u.) ins Leben zurückkehren ließ.

Mit seinen mehr als 70 Jahren denkt Shatner offenbar nicht an den Ruhestand. Er legt sich ein Arbeitspensum auf, das einen halb so alten Mann schrecken könnte (vgl. dazu www.williamshatner.com). In seiner Rolle als unwürdiger Greis besetzt er im Kulturleben der USA heute etwa dieselbe Nische wie hierzulande Dieter Bohlen oder früher Verona Feldbusch und hat sich als Trash-Ikone und Amerikas liebster Toupetträger eine solide Alterskarriere aufgebaut. William Shatner ist in dritter Ehe verheiratet, hat vier Kinder und lebt heute in Südkalifornien und Kentucky.

Judith and Garfield Reeves-Stevens schreiben Romane und Drehbücher. Außerdem sind sie Produzenten für Kinofilme und Fernsehserien (z. B. "Sir Arthur Conan Doyle’s The Lost World"), Ideenlieferanten für SF- und Fantasy-Games und, und, und ... Im "Star Trek"-Universum zählen die Reeves-Stevens zu den besten der Fließband-Literaten des Franchises. "Federation" (dt. "Die Föderation", Heyne-SF Nr. 06/5684) zählt zu den Bestsellern der gesamten Serie. Garfield allein schrieb bisher fünf Thriller, die Elemente der Science-Fiction mit der des Horrors verknüpfen.

Das Paar arbeitet außerdem als kompetente "Star Trek"-Chronisten, die über die verschiedenen Serien großformatige, sehr informative und unterhaltsame Sachbücher verfasst haben, die auch in Deutschland erschienen sind, bevor der "ST"-Buchmarkt implodierte. Die Reeves-Stevens sieht man auch in einer der vielen begleitenden Dokumentationen zur Wieder- bzw. Erstveröffentlichung des ersten "Star Trek"-Films dozieren.

(Weitere Informationen lassen sich der Website www.reeves-stevens.com entnehmen.)

Eine Rezension von



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Michael Drewniok
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Name: Sternendämmerung

Art: Roman für Star Trek; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2003

ISBN-10: 3-45387-068-9

ISBN-13: 978-3-45387-068-0

Preis: 8 Euro

Kontakt: Heyne
Homepage: www.randomhouse.de/heyne/

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