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Romane Fantasy - Inquisitor-Zyklus 2: Blut des Inquisitors

Die Maske des Roten Todes
Zwischen Vampirismus, Ketzertum und Genetik ist dieser zweite Roman aus dem Inquisitor-Zyklus angesiedelt – eine recht heftige Mischung, die jedoch in kleinen, die Spannung steigernden Häppchen dargeboten wird. Fans von Edgar Allan Poe dürften diesen Roman ebenso mögen wie Leser, die "Der Name der Rose" verschlungen haben. Das letzte Kapitel ist nämlich schamlos der klassischen Poe-Story "Die Maske des Roten Todes" nachgebildet. Allerdings ist dieser Effekt nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern bildet den folgerichtigen Höhepunkt der zweigleisigen Erzählung.

Handlung
Im ersten Handlungsstrang, der sich mit dem zweiten abwechselt, begleiten wir den rassistischen Genetiker Lycurgus Pinks auf seiner "Laufbahn" in der westlichen Welt. Nachdem er Experimente an farbigen Patienten angestellt hatte, war er von Prof. Linus Pauling entlassen worden und stellte seine Dienste dem gleichfalls rassistischen Ku-Klux-Klan zur Verfügung. Pinks hat eine Mutation entdeckt, die es dem Klan ermöglicht, ein Massensterben unter den Farbigen Louisianas einzuleiten. Die Mutation der sog. "Sichelzellenanämie" betrifft das Hämoglobin-S, eine Variante des Sauerstoffträgers im menschlichen Blut. Der Ausbruch der Sichelzellenanämie wird allgemein der "Rote Tod" genannt, denn sobald ein Opfer an Sauerstoffmangel leidet, bricht die Krankheit aus, indem die Blutgefäße verstopfen (Thrombosen) und platzen – dem Blutverlust folgt ein qualvoller Erstickungstod. Die Frage, die sich Pinks' Gegenspieler stellen, etwa auf Kuba: Woher stammt die Mutation der Sichelzellenanämie?

Diese Frage beantwortet der zweite Handlungsstrang in erzählender Form, also mit dichterischer Freiheit. Der uns aus dem ersten Band "Der Schatten des Inquisitors" bekannte Inquisitor Nikolas Eymerich wird von seinem Chef in die kleine Stadt Castres in Südfrankreich geschickt, um dort 1.) die Häresie der Katharer auszumerzen, 2.) mehrere Mordfälle aufzuklären und 3.) um den dort herrschenden Grafen Othon de Montfort den Wünschen der Kirche willfährig zu machen. Denn Frankreich steht im Hundertjährigen Krieg kurz davor, an die Engländer zu fallen ...

Während seiner ersten Tage entgeht Nikolas mehreren Anschlägen in der schmutzigen Stadt, in der die Abfallprodukte der zahlreichen Färbereien die Häuserwände mit roter Farbe versehen haben – ein unheimlicher Anblick, der Schlimmes ahnen lässt. Gnadenlos verschafft er sich Geltung und Respekt und deckt Sünden auf. Im Hause Monfort nämlich steht es nicht zum Besten: Othon hat mit seiner Schwester, die nun seine Frau ist, Kinder gezeugt, von denen Sophie das sonderbarste ist. Mit wachsendem Entsetzen finden Eymerich und seine Helfer heraus, dass sie, im Grunde ein bedauernswertes Geschöpf, eine Mutation ist: Sophie ist darauf angewiesen, regelmäßig frisches Blut zu erhalten. Sie hat Sichelzellenanämie. Doch erst der ketzerische Kult, den ihr Liebhaber und Aufpasser aufgebaut hat, gewährleistet diese Blutzufuhr.

Zunächst ist Eymerich geneigt, hart gegen Sophie und die Montforts vorzugehen, überlegt es sich jedoch anders. Denn nicht dieses Opfer der Genetik ist schuldig, sondern die Anhänger des mörderischen und unchristlichen Kults um das Blut, in erster Linie das Bürgertum. Eymerich hegt nicht umsonst einen Abscheu vor allem Krankhaften und Unreinen: Mit einem ganz besonderen Autodafé bereitet er dem unchristlichen Spuk von Castres ein Ende. (Eine Autodafé ist eine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen.)

Mein Eindruck
Ein genetischer Defekt, geboren aus Inzest im Mittelalter, droht in der nahen Zukunft die ganze westliche Welt auszulöschen. Denn Pinks hat ganze Arbeit geleistet und das Gen für Sichelzellenanämie auch auf die Weißen übertragen. Dadurch ist dieser Roman auch reinster weltumspannender Horror, wie man ihn von Edgar Allan Poe kennt, obwohl die Basis des Grauens eine wissenschaftliche Erklärung hat. Hier herrscht die diabolische Methodik des Doktor Mengele in Auschwitz ebenso wie der Verfolgungswahn, der die spanische Inquisition kennzeichnete.

Und mittendrin steht die zweifelhafte Gestalt des Inquisitors Nikolas Eymerich, eine Art Antiheld, der Züge von Sherlock Holmes trägt. Ihm folgen wir zwar gerne bei seiner Aufspürung der Ursachen für die Missstände in Castres und der Täter. Doch leider ist er auch berechtigt, härteste Urteile ausführen zu lassen: als Polizist, Richter und Henker in einer Person. Es fällt uns schwer, dies zu billigen.

Doch der Autor lässt uns keine andere Wahl als die Schlussfolgerung, dass Nikolas noch zu milde war: Hätte er nämlich Sophie, die erste Trägerin der Mutation, getötet, wäre wohl der Nachwelt 650 Jahre später der genetische Holocaust, den Pinks einleitete, erspart geblieben. Ironischerweise war genau diese Abschaffung des Menschen das ursprüngliche Ziel des Blutkultes von Castres ...

Offensichtlich ist dies zwar ein enorm spannender Kriminalroman, aber einer, der durch seine beunruhigenden Andeutungen zu schwerwiegenden Schlussfolgerungen zwingt. Insofern ist das Buch nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch gute Literatur (solange man sich nicht mit Erwartungen an tiefe Charakterisierung etc. aufhält).

Die Übersetzung ...
... trägt stark zum guten Eindruck bei, den das Buch hinterlässt. Nur habe ich mich gefragt, ob "Benedikt von Norcia" bei uns nicht unter dem Namen "Benedikt von Nursia" bekannter ist. Diese Frage könnte ein Kirchenhistoriker besser beantworten.

Eine Rezension von



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Michael Matzer
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Wie wird gewertet?

Name: Inquisitor-Zyklus 2: Blut des Inquisitors

Art: Roman für Romane Fantasy; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 2005

ISBN-10: 3-45317-899-8

ISBN-13: 978-3-45317-899-1

Preis: 9 Euro

Kontakt: Heyne
Homepage: www.randomhouse.de/heyne/

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20