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Romane - Manitou

Klein, aber fein ist das Privatkrankenhaus "Schwestern von Jerusalem" in New York City. Die folglich gut situierte, noch sehr junge Karen Tandy kann sich daher mit Recht vertrauensvoll an Dr. Hughes wenden, gilt er doch als Koriphäe seines Metiers. Besonders als Fachmann für Tumorerkrankungen hat er sich einen guten Namen gemacht. Trotzdem ist er erschrocken, als ihm seine neue Patientin ihren Nacken zeigt: Dort wuchert eine Schwellung, wie man sie nicht im Lehrbuch findet. Diverse Röntgenuntersuchungen führen zu einer bizarren "Diagnose": Der Tumor ist eine Art Embryo, der sich im Zeitraffertempo entwickelt und seine Wirtin schon bald auch geistig unterjocht.

An einem deutlich weniger eleganten Ort der Stadt fristet Harry Erskine, der unter dem Künstlernamen "Der unvergleichliche Erskine" alten Damen die Zukunft aus den Karten liest und dabei den echten Kontakt zum Reich der Geister durch Fantasie und Erfindungsreichtum ersetzt, sein bescheidenes, aber zufriedenes Dasein - bis zu dem Tag, an dem ihn die Nichte einer alten Stammkundin aufsuchte: Karen Tandy, die nicht nur unter besagtem Tumor, sondern auch unter seltsamen Träumen leidet, in denen eine holländische Galeone aus dem Jahre 1651 eine wichtige Rolle spielt.

Harry verliebt sich ein wenig in seine Besucherin. Bald hat er aber auch ein persönliches Interesse daran, das Rätsel zu lösen. Eine Kundin, der er wahrsagt, beginnt plötzlich in holländischer Sprache unverständliche Drohungen auszustoßen und wird dann von einer unsichtbaren Macht die Treppe hinabgeschleudert. Harry holt Verstärkung und bemüht eine alte Freundin, die über echte parapsychische Fähigkeiten verfügt. Bei einer Séance taucht der Geist eines Indianers auf, dessen Attacken die Anwesenden nur mit knapper Not entkommen.

Inzwischen ist Karens Tumor fast so groß wie der Körper seiner Wirtin geworden. Dr. Hughes und seine Kollegen sind verzweifelt, hat sich der Parasit doch so ins Nervensystem eingenistet, dass eine Operation unmöglich ist. In dieser Situation ist Hughes geneigt, Harry Gehör zu schenken, der mit seiner Theorie von der bevorstehenden Wiedergeburt eines indianischen Rachegeistes vorstellig wird.

Ein Fachmann muss her - der Medizinmann Singing Rain (der eigentlich im Immobiliengeschäft tätig ist). Er erkennt zu seinem Schrecken den Gegner: Misquamacus ist es, der vielleicht mächtigste Zauberer seines Volkes, der mit dem Weißen Mann noch eine Rechnung offen hat, seit ihn holländische Siedler Mitte des 17. Jahrhunderts in den Tod getrieben haben.

Nun ist Misquamacus also wieder da - orientierungslos und wie immer äußerst schlecht gelaunt. Es stimmt ihn ganz gewiss nicht versöhnlicher, dass die verschwenderisch eingesetzten Röntgenstrahlen seinen neuen Körper schwer geschädigt haben. Der erzürnte Geist setzt seinen Zauber ein, um sich zu rächen - und seine dämonischen Verbündeten lieben es, in der Welt der Menschen eine möglichst blutige Spur zu hinterlassen ...


Graham Masterton (geb. 16. Januar 1946) ist nicht nur ein sehr fleißiger (100 Buchtitel bisher, und jährlich kommen zuverlässig drei neue hinzu), sondern auch ein in seiner neuen amerikanischen Heimat (eigentlich ist er Schotte) recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch dagegen seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken oder den berühmt-berüchtigten Sex-Leitfäden, haben in einem Vierteljahrhundert den Weg über den Großen Teich gefunden, wo sie sich unter denen, die das Phantastische lieben, zu begehrten Sammelobjekten entwickelt haben. Im deutschen Festa-Verlag erscheinen seit kurzem weitere Masterton-Werke - eine willkommene Gelegenheit, einen Blick zurückzuwerfen auf ein frühes Werk dieses Schriftstellers.

"Der Manitou" markiert Mastertons Debüt als Autor, was es zu berücksichtigen gilt, wenn man diesen Roman beurteilen möchte - dies und das Wissen, dass Masterton ihn 1974 binnen einer einzigen Woche niederschrieb. Das erklärt freilich eine Menge - die anspruchslose Handlung oder die schlichte Figurenzeichnung beispielsweise. Auf der anderen Seite verspricht Masterton nie mehr als er zu halten bereit ist: Horror der handfesten Art! "Der Manitou" ist schnell, durchaus witzig, gespickt mit drastischen Effekten. Auf kaum mehr als 170 Seiten wird die Story ohne Pausen vorangetrieben.

Probleme gibt’s immer dort, wo Masterton einhält, um der Handlung Tiefe zu verleihen. Er bildet sich offensichtlich viel ein auf sein Wissen um die indianische Kultur und Mythologie, kommt aber trotzdem niemals über die peinlichen "Roter Mann = besserer Mensch"-Platitüden hinweg, wie sie Hollywood im "New Cinema" der 70er Jahre kultivierte.

Zwar angesprochen, aber nie wirklich beantwortet wird außerdem die Frage, wieso der angeblich so schlaue Misquamacus eigentlich volle dreieinhalb Jahrhunderte übersprungen hat, um ausgerechnet in der Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts aufzutauchen. Wäre es nicht ein Zeichen echter Intelligenz gewesen, schon nach fünf oder zehn Jahren zurückzukehren? Für einen Geist, der außerhalb der Gesetze von Raum und Zeit steht, legt Misquamacus ein bemerkenswert schlechtes Gefühl für Timing an den Tag. Da hat es schon etwas rührend Hilfloses, die magische Eroberung der Welt ausgerechnet in einem Krankenhaus zu starten ... Aber natürlich sollte man über Sinn & Unsinn solcher für den raschen Konsum bestimmten Unterhaltungsliteratur lieber nicht intensiver nachdenken.

"Der Manitou" war in den USA überraschend erfolgreich. Bald wurde Hollywood beim jungen Horror-Talent vorstellig, doch dies leider nur in der Gestalt des jungen William Girdler, dessen Filmografie bis dato nur Sch(l)ock-Klassiker wie "Asylum of Satan" (1972) oder "Three on a Meathook" (1973) auflistete. Aber Masterton liebt das Abwegige, und so stand Misquamacus’ Zelluloid-Zauberschlacht nichts mehr im Wege. “Manitou”, der Film von 1978, ist mit Tony Curtis (!), Stella Stevens, Ann Sothern oder Burgess Meredith erstaunlich gut besetzt. Ganz offensichtlich wandelt "Der Manitou" hier auf den Spuren der "Exorzisten"- und "Omen"-Reihen, die Mitte der 70er Jahre Geldfluten in die Kinokassen spülten. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass sich die genannten Darsteller 1978 gerade in einem Karrieretief befanden, das in den meisten Fällen bis heute andauert (außer bei Meredith; der ist inzwischen tot). Die ohnehin schlichte Story wurde durch kein geniales Drehbuch geadelt (um es höflich auszudrücken), und Girdler ist nicht Orson Welles (und sollte es auch niemals werden; nachdem "Der Manitou" ein bescheidener Erfolg geworden war, recherchierte Girdler 1978 auf den Philippinen für seinen ersten Big Budget-Hollywood-Film - und stürzte prompt mit dem Hubschrauber ab; ein neues Opfer des Misquamacus?). So blieben wie so oft im phantastischen Film nur die Spezialeffekte, die dem Streifen Kontur verliehen. Sie sind ordentlich, können aber aus heutiger Sicht natürlich nicht mehr überzeugen. "Der Manitou" erfreut sich in Amerika trotzdem noch eines gewissen Rufes, weil er den dauerpubertierenden US-Boys den erregenden Anblick blanker Busen in einem "richtigen" Spielfilm beschert, was in den 70ern tatsächlich möglich war.

In Deutschland war des Manitous Wiedergeburt auf der Kinoleinwand immerhin Anlass genug, mit Misquamacus die 1978 ebenfalls im Zeichen der phantastischen Renaissance ins Leben gerufene "Horror-Bibliothek" des Bastei-Lübbe-Verlages prominent einzuleiten. Heute dürfen sich die wohl nicht gerade zahlreichen Besitzer dieses Bändchens glücklich schätzen - über ein hübsches Sammlerstück und die wehmütige Erinnerung an eine Zeit, da jeder deutsche Taschenbuch-Verlag mindestens einen einschlägigen Titel pro Monat auf den Markt brachte.

Misquamacus ließ der unverhoffte Erfolg seines ersten Auftretens übrigens nie lange im Geisterreich verweilen. Schon 1979 war er wieder da; die Chronik seiner neuen Untaten trug hierzulande den sinnigen Titel "Die Rückkehr des Manitou" und signalisierte schon dadurch, dass dieser seit dem letzten Mal wenig dazugelernt hatte. Nach Deutschland hat es dieser Aufguss dessen ungeachtet ebenfalls geschafft: Unter der Bandnummer 70014 trieb Misquamacus erneut in der "Horror-Bibliothek" seinen faulen Zauber. Aber Powhow Nummer drei ("Burial: a Novel of the Manitou", 1992) musste dann doch ohne die deutschen Bleichgesichter stattfinden; schade, denn inzwischen hatte Masterton einiges dazugelernt als Autor.

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Michael Drewniok
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Name: Manitou

Art: Roman für Romane; 173 Seiten; Taschenbuch;

Publikationsjahr: 1975/1978

ISBN-10: 3-40401-043-4

ISBN-13: 978-3-40401-043-1

Kontakt: Bastei Lübbe
Homepage: www.bastei-luebbe.de

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Letzte Änderung / Last modify: 2008-01-20