Spielercharaktere: Der Weg! - nicht das Ziel

Hiya! Dirks 'Earthdawn'-Traktat (Usenet) hat mich etwas inspiriert, über das Thema Weg im Sinne des japanischen -do nachzudenken. Ist es so schwer nachvollziehbar, daß als zentraler Charakterplot wirklich ein philosophisches Konzept, daß einen prozeßorientierten Reifungsprozeß beinhaltet, den SC trägt?
Der Weg des Schwertes, der Weg des Kriegers, der Weg des Diebes sind im Grunde doch alles nur Chiffren für das, was wir in manchen Systemen mit der Bio(graphie) des SC andeuten.

Wenn ich jetzt mal so ein klassisches Werk wie Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre heranziehe, und den dort geschilderten Reifungsprozeß des Charakters als archtypisch annehme, ist RPG doch oft nur ein "Versuch in Charakterstudie", wenn man mal den munchkinism außen vor läßt. Das Experimentieren mit alternativen Handlungssträngen, Reaktionen und bestimmte Entwicklungsmustern gibt uns doch erst die Chance, für den jeweiligen SC einen Weg zu finden. Und das ist erst der Anfang.

Ich will jetzt gar nicht großartig irgendwelche Koryphäen (Asimov, Stackpole, etc.) heranziehen, aber das RPG greift IMHO auch ins RL über. David Gemmell (brit. High-Fantasy Autor) erzählte in einem Interview, daß er einen Brief eines Fans gekriegt habe, der ihm en detail erzählte, daß er bei einer Prügelei auf einem S-Bahnhof dazwischengegangen sei. Und zwar motiviert durch folgenden Gedanken: "Was würde denn wohl <Charakter XY> jetzt tun? Bestimmt nicht danebenstehen." Da die Sache auch noch gut ausging, war der Fan Gemmell zutiefst dankbar. Und beschloß weiterhin für das Gute zu streiten. Und Gemmell gab zu, daß dieser Brief IHM immer dann weiterhelfe, wenn ER demotiviert zum Schreiben sei.

Wenn ich das aufs RPG und den oben geschilderten philosophischen Ansatz des Wegs übertrage, dann bürde ich zwar dem SL eine ganz hübsche Verantwortung auf, gebe dem RPG aber auch ganz neue Perspektiven. Wenn es denn dazu beitragen kann, daß Entwicklungen im fiktiven, schmerzfreieren Raum vollzogen werden, und wenn denn diese ins RL übernommen werden, dann ist das doch das beste Argument für RPG, trotz aller Kritik (aus den USA oder von RTL ). Ausschlaggebend ist weder das System noch der Background in diesem Fall (AD&D Ravenloft z.B. ist nicht schlechter als Greyhawk), sondern die gelungene Transkription.

Für die individuelle Entwicklung kann ein Abschnitt auf dem Weg des Vampirs oder auch dem Weg des Assassinen genauso wichtig sein, wie für jemand anderen die Erfahrungen, die er in der Gruppe mit gruppenspezifischer Kommunikation unter Streß macht.

Worauf ich nun eigentlich hinauswill: wenn ich mir, als jemand, der insgesamt schon ein gutes Jahrzehnt am RPG hängt (Früher Vogel fängt den Wurm! *g*), einige SC, die ich lange Zeit geführt habe, oder auch SC aus der Anfangszeit (DSA, alte Edition) betrachte, dazu die biographischen Notizen, (so sie noch vorhanden sind) wird mir einiges klarer. Daß ich mich z.B. lange vergeblich auf dem Weg des Magiers versucht habe. Daß ich eine Zeitlang fast zelotenhaft dem Weg des Klerikers folgte. Und daß alle meine Dieb-SCs früher oder später in andere Charakterklassen abwanderten. Also schaut Euch doch ruhig mal Eure ältesten SCs an, die ihr noch greifbar habt. Und denkt zurück. Und vielleicht... lächelt dabei. Über Euren persönlichen Weg.

Gruß

Alexandre W.-Ribeiro

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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