Der Drachenzahn
Eine Kurzgeschichte

Der alte Zwerg legte den Tiegel mit der Schleifpaste beiseite. Die Diamantkörner hatten seine großen, schwieligen Hände wund gescheuert. An vielen Stellen war die Haut aufgerissen und blutete. Doch es hatte sich gelohnt! Der Drachenzahn war endlich fertig. Wochenlang hatte er ihn mit Meißeln und Feilen bearbeitet, seine besten Werkzeuge dabei ruiniert, bis der Eckzahn des roten Drachen die Form eines Schwertes angenommen hatte. Weitere Wochen waren vergangen, in denen er die Riefen und Klippen mit der Diamantpaste abgeschliffen und mit dem Blut seiner rissigen Hände ausgewaschen hatte.

Jetzt endlich war die Waffe glatt wie polierter Marmor und schärfer als die beste geschmiedete Klinge. Der Drachenzahn war härter als jeder Stahl und gefeit gegen die Macht der Elemente. Etwas von der urgewaltigen Macht des Drachen und seiner äonenalten Zauberkraft ruhte in diesem Schwert und würde hoffentlich auf seinen Träger übergehen. Den Preis dafür hatte der Zwerg mit seinem Blut bezahlt.

Müde erhob sich der Zauberschmied von seinem Platz an der Werkbank. Wo seine zerschundenen Hände sich auf der schweren Steinplatte abstützten, blieben dunkle Flecken zurück. "Hätte nie gedacht, daß ich auf meine alten Tage noch Gefallen an der Schnitzerei finden würde," murmelte er, während er zu dem Wasserfaß neben der Esse schlurfte. Der alte Zwerg tauchte die Hände tief in das eiskalte Naß und wusch die blutigen Risse aus. Er griff nach dem Tuch, das neben dem Faß an der Felswand hing und rief:" Handlanger! Bring Salbe und Verbände." Kaum hatte der Zauberschmied ausgesprochen, schwebten ein Tiegel und zwei lange Streifen aus weichen Leinen auf ihn zu. Der Tiegel öffnete sich selbständig und verharrte abwartend vor dem Gesicht des Zwerges in der Luft. "Was würde ich nur ohne dich anfangen, Handlanger," brummte dieser und bediente sich aus dem Salbentopf. Nachdem er seine geschundenen Hände dick eingeschmiert hatte, hielt er sie ausgestreckt vor sich. Wie von Zauberhand wickelten sich die Stoffstreifen um die schwieligen Pranken des Zwerges.

"Gut gemacht. Jetzt zieh mir noch die Handschuhe an – die weichen Wildlederdinger, die der Elf mitgebracht hat." Sofort kamen die beschriebenen Handschuhe durch die Luft geflogen und schoben sich über die Verbände auf die klobigen Zwergenhände. Sie waren sehr edel gearbeitet, aus hellbraunem Hirschleder, mit kunstvoll eingeflochtenen Goldfäden, die Blätter- und Rankenmuster auf dem Handrücken und am Handgelenk formten.

Zweifelnd schüttelte der Zauberschmied den Kopf. "Diese Art von Kleidung ist nichts für einen richtigen Zwerg, aber in die eisenbeschlagenen Kampfhandschuhe kann ich meine Pranken jetzt nicht reinquetschen." Der ohnehin nicht erwartete Kommentar des dienstbaren Geistes blieb aus. Mit einem Schulterzucken nahm der alte Zwerg den Drachenzahn von der Werkbank und verstaute ihn in einer alten Eichentruhe. "Räum auf und mach sauber, Handlanger. Wir erwarten bald Gäste."


Der Zwerg sah sein Gegenüber fragend an. "Nun?" Der große, breitschultrige Mensch wog den Drachenzahn prüfend in der Rechten. "Es ist viel zu leicht. Wie soll ich mit diesem Knochen einen kraftvollen hieb ausführen?" Der Zauberschmied lächelte still. "Ihr werdet keinen kraftvollen Hieb brauchen," prophezeite er. "Geht dort drüben zu dem alten Eisenklotz neben der Esse und schlagt zu." Der Mensch blickte zweifelnd auf das Schwert in seiner Hand, ging dann aber doch zu dem großen Eisenklumpen hinüber. Er wappnete sich gegen den Aufprall und den nachfolgenden Schmerz in seinen Handgelenken und schlug halbherzig zu. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, als der Drachenzahn durch das Eisen schnitt wie durch Butter. Die Augen des Mannes weiteten sich erstaunt. Jetzt sah er die Waffe in seinen Händen bewundernd an. Die Schneide war scharf und makellos. Sie hatte nicht die kleinste Scharte zurückbehalten.

"Welch außergewöhnliche Waffe," stieß er hervor. Zufrieden lehnte sich der alte Zwerg in seinem Stuhl zurück. "Sie ist eines Königs würdig oder eines Grafen wie euch, Valkord," stellte er fest. "Seid ihr nicht als der beste Schwertkämpfer eures Volkes bekannt? Mit dieser Waffe wäret ihr fast unschlagbar."

Der Mann strich vorsichtig über die flache Seite der Klinge. "Das fast könnt ihr getrost beiseite lassen," prahlte er. "Aber es ist so einfach, so schmucklos; nichts was einen wahren Kämpen zieren könnte."

Unwillig verzog sich die Miene des Zauberschmiedes. "Wozu braucht ein wahrer Mann schnöden Tand. Die Ehre und der Ruhm, die er mit dieser Waffe erringen kann, werden ihm mehr Zierde sein, als aller Schmuck der Welt."

Graf Valkord, der immer noch den Drachenzahn hielt, starrte den Zwerg kalt an. "Wohl gesprochen Schmied," mußte er anerkennen. "Bleibt nur noch die Frage der Bezahlung." Der Zauberschmied wurde hellhörig und setze sich wieder aufrecht hin. "Nun, der Preis war verbindlich vereinbart. Wenn Gold in dieser Menge euch zu schwer ist, könnt ihr auch in Edelsteinen bezahlen," bot er an.

Ein breites Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Menschen. "Sagt mir, Schmied, warum sollte ich mir diese Mühe machen?" Seine Stimme triefte vor giftiger Freundlichkeit, während er die Klinge langsam auf den sitzenden Zwerg richtete. "Wer wollte mich aufhalten, wenn ich mich entschlösse, mich mit diesem Schwert in der Hand zu verabschieden?"

Der Zauberschmied blieb ruhig auf seinem Lehnstuhl sitzen und verzog keine Miene. "Ohne meine Hilfe werdet ihr diesen Raum nicht verlassen können," erklärte er leise. "Ich habe ihn mit meiner Magie versiegelt."

Gespieltes Entsetzen flog über das Antlitz des Grafen. "Dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als deinem armseligen Dasein ein vorzeitiges Ende zu bereiten," sinnierte er. "Mit deinem Tode würde auch die von dir gewirkte Magie vergehen."

Immer noch verharrte der alte Zwerg ruhig auf seinem Platz. "Seid euch da nicht so sicher, Graf," erwiderte er ruhig. "Wir Zwerge arbeiten für die Ewigkeit. Nur was über unseren Tod hinaus bestand hat, ist für uns vor Wert."

Überlegend legte der Mensch den Kopf schief und rieb sich mit der freien Linken das Kinn. "Das Risiko muß ich eingehen," stellte er schließlich fest und stieß mit dem Drachenzahn nach der ungeschützten Brust des Zauberschmiedes. Doch das Schwert schnitt nur durch leere Luft und fuhr schließlich in die Lehne des nun verlassenen Stuhles.

Daneben rollte der Zwerg mit einem Geschick, das man seinen alten Knochen und klobigen Gliedern niemals zugetraut hätte, über den polierten Feldboden und brüllte: "Handlanger, die Axt!"

Aus der Luft erschien ein uraltes, schweres Schlachtbeil in der Hand des Schmiedes. Der Stiel war blank gewetzt vom langjährigen Gebrauch. Der Stahl des doppelblättrigen Axtkopfes schimmerte matt im flackernden Fackellicht. Ohne auf das protestierende Knirschen seiner alten Gelenke zu achten, sprang der Zwerg auf, schlug die heran zuckende Klinge mit der flachen Seite der Axt beiseite und versenkte im Rückschwung die breite Schneide des Schlachtbeiles in der Brust des Angreifers. Das protestierende Kreischen der zerspringenden Glieder des Kettenhemdes wurde vom häßlichen Knacken berstender Knochen begleitet. Stöhnend sank der Mensch zu Boden. Der Drachenzahn entglitt seiner kraftlosen Hand.

Gelassen beugte der alte Zwerg sich über den sterbenden Grafen. "Soviel zu eurer Ehre, Graf Valkord," brummte er. "Doch sagt mir eins: Hättet ihr das auch versucht, wenn ihr gewußt hättet, daß ich es war, der den Drachen tötete, aus dessen Zahn dieses Schwert gefertigt wurde?"

Aber die Augen des Menschen brachen schon. Ein letztes Zittern durchlief den großen Körper, dann lag er still. Ein Ausdruck grenzenloser Überraschung und Unglaubens lag auf den bleichen Zügen.

Der Zauberschmied zuckte die Achseln. Er hob den Drachenzahn vom Boden auf und verstaute ihn wieder in der alten Eichentruhe. "Handlanger, räume das hier fort und wische das Blut weg, es kommen noch mehr Gäste," befahl er. Dann setzte er sich an die Werkbank und begann seine Axt zu reinigen.

 

md_tyrfi.gif Tyrfing, Sohn des Ahira
Großmeister der Zauberschmiede & Erster Hüter der Eliwagar

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