Die Spiel’98 - Spielemesse in Essen

Mit diesem Bericht möchte ich allen Lesern die Chance zu einem kleinen nachträglichen Rundgang über die just vergangene Spielemesse geben - zwar kann Euch auch dieser Bericht nicht ermöglichen die Spiele selbst auszuprobieren und zu begreifen, aber immerhin hoffe ich, daß es für einen kleinen Einblick reicht.

Diesmal war es mir eine Ehre bereits am Mittwoch die geheiligten Hallen betreten zu dürfen. In Begleitung meiner bezaubernden Mitarbeiterin und Freundin Monika, fanden wir uns bereits um 11:00 Uhr zur Pressekonferenz ein. Eine Vielzahl von Journalisten befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Konferenzraum, als die Organisatoren der Messe auftraten und neben allgemeinen Informationen auch ein freundliches Willkommen überbrachte. Bei einem gemütlichen Kaffee konnte man sich hier bereits über die ersten Pressemappen hermachen und sich auf die zu erwartenden Neuheiten einstimmen.

Die Preisträger des deutschen Spielepreises wurden auf der Messe bekanntgegeben, als da wären (nur die ersten drei der 10 Plätze):

  1. Euphrat & Tigris von Reiner Knizia (Hans im Glück Verlag)
  2. Ursuppe von Doris Matthäus und Frank Nestel (Spiele von Doris & Frank)
  3. Elfenland von Alan R. Moon (Amigo)

Der Sonderpreis "Träger der goldenen Feder" für die vorbildlichsten Regeln ging an

    Die Macher von Karl-Heinz Schmiel (Hans im Glück Verlag)

Der Deutsche Kinder-Spielepreis ging an

    Zicke Zacke Hühnerkacke von Klaus Zoch (Zoch Verlag)

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Danach ging es zur Presseschau, wo man konzentriert viele der 300 Neuheiten bewundern konnte.

Mein erster Weg führte mich dabei, vorbei an Kinderspielzeug und weniger interessanten Dingen zum Krimsus-Krimskrams-Kiste-Tisch, der gleich drei Neuheiten zu bieten hatte. Freunde des bereits im MD vorgestellten Spiels Beutelschneider werden sich wohl über die Erweiterung Gaukelspiel freuen. Sieben neue Spielkarten, ein Deckblatt und eine kurze Anleitung mit der Regelerweiterung findet man in der Tüte, die man für nur 3,80 DM erwerben kann. Die Karten sind optisch noch ansehnlicher als die ursprünglichen, unterscheiden sich aber natürlich nicht von der Rückseite her. Für die Voyeure unter Euch gibt es eine Bauchtänzerin (fesch!), viele magische Charaktere, einen Jongleur und einen Narren. Jede Figur hat natürlich ihre eigenen Besonderheiten.

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Weiterhin gab es ein ganz neues Kartenspiel namens Der Herr der Wichtel. Hier können 3-5 Personen gegeneinander um den verwaisten Posten des verstorbenen Häuptlings buhlen. Der Marktplatz wird zur Wahlurne und der, dessen Fürsprecher die meiste Macht haben, wird der neue Nachfolger werden. Doch wo ist der Wahlleiter ? Ohne ihn gibt es keine Abstimmung ... Na, da kann man den gewonnenen Zeitaufschub noch für die Besserung der eigenen Konditionen nutzen, sprich mächtigere Fürsprecher anwerben oder *fiesfies* den anderen Spielern ihre vergraulen und abwerben. Die Mitglieder des Dorfes wandern dabei über den Marktplatz und können (auch per Bestechung) motiviert werden, dem eigenen Gefolge beizutreten. Wer am Ende (Der Wahlleiter wird gefesselt gefunden und befreit) die hochrangigsten Fürsprecher (maximal vier) auf der Hand hat, gewinnt. Das Spiel macht optisch einen sehr guten Eindruck, das Spielprinzip ist originell - allein das geringe (oder gar negative) Gewicht weiblicher Fürsprecher wird einigen Feministinnen sicherlich aufstoßen - tut dem Spiel aber ansonsten keinen Abbruch.

Die dritte Neuigkeit ist ein universelles Fantasy-Abenteuer, auf das ich irgendwann sicherlich noch einmal näher eingehen werde.

Weiter ging mein Weg - vorbei an den sich durch die Gänge drängenden Menschenmassen - zu einem Tisch der sich samtbedeckt und durch ein Schwert geziert, hervortat. Dahinter und davor erklärten Edelmann und Burgfräulein dem staunenden Publikum das neue Rollenspiel Askalon, das sich stark am Mittelalter orientiert, Fantasy-Elemente wegläßt und den Spieler mit einen knallharten Realität konfrontiert, in der Wunden meist zu Verkrüppelungen, Narben, Amputationen oder gar zum Tod führen. Heilung per Magie, die in anderen Spielen einen Freibrief darstellt, gibt es hier nicht. Auch hiermit werde ich mich, später noch eingehender Beschäftigen. Informationen kann man jedoch bereits im DROSI erfragen.

Sehr interessant sah Verräter aus. Dem Modetrend folgend, ebenfalls ein schlankes Kartenspiel mit üppigem Spielvolumen. Adlung gestattet hier 3-4 Spielern für zwei konkurrierende Fürstenhäuser um fruchtbare Landstriche zu wetteifern. Der Gesinnungswechsel gehört hier zum Spiel und nur der gefuchste Wendehals kann das Spiel für sich entscheiden.

Der Mario Truant-Verlag stellte die Spiele Jean d’Arc 1429 und Versailles 1682 vor. An Rollenspielmaterial konnte man Einblick in Fading Suns, Hyperborea und BloodRace nehmen. Zum Inhalt kann ich leider wenig berichten, da mir hier einfach die Zeit fehlte.

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Wer sich vor einiger Zeit traurig um die Aufgabe von Schmidt-Spiele (einst DSA) sorgte, konnte auf dieser Messe eine echte Überraschung erleben, denn die Firma ist wieder da ! Wie aus dem Nichts, ohne Warnungen oder eine Erklärung, quasi ein Phoenix aus der Asche. Das neue (normale) Spiele-Programm sah dem Neustart entsprechend gering aus (vier Spiele).

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Gerade im Aufbau befand sich der Stand der Dausend Doden Drolle (DDD) bei meinem ersten Besuch. Hier konnte man sich gleich mehrmals Überraschen lassen, denn sowohl die Allerneueste, als auch alle alten Ausgaben des Dausend Dode Drolle ab Magazin Nr. 1 waren wieder erhältlich.

Eine Premiere feierten die drei DIN-A3 großen doppelseitigen Landkarten von Errain, Parinov und den Sturminseln, die ein treuer Leser bereits aus dem DDD kennen dürfte. Die Karten wurden Handcoloriert und auf der Rückseite mit den wichtigsten gesammelten Informationen aus dem DDD versehen. Die Karten dürften für je ca. 12-15 DM erhältlich sein und machten einen recht guten Eindruck.

AMIGO hatte zu dieser Messe ganz groß aufgefahren. Neben einem Mega-Stand, der immerhin fast eine halbe Halle einnahm, füllte der Spiele-Hersteller und Vertrieb einen eigenen Presseraum, etwas abseits des Trubels. Die Präsenz die Amigo lieferte, war in jedem Fall überwältigend, was allerdings den dargebotenen Produkten nur gerecht erschien. So gab es eine große MtG-Tradingcard-Area mit vielen Spieltischen, eine AD&D-Area mit Einführungsrunden, eine ausgewachsene Bohnanza-Meisterschaft mit Siegerehrung am Freitag (Essen Cup’98) und diversen berühmten Fantasy-Zeichnern. Aber auch die anderen Produkte konnten aus der Spielothek geliehen und probegespielt werden.

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Darunter war z.B. auch der Neuling Der Tiger ist los. Hier besuchen 2-4 Kinder (ab 5 J.) den Zoo und stellen entsetzt fest, daß alle drei Türen des Tigerkäfigs nicht abgeschlossen sind. Von der schlafenden Tigerin geht derzeit keine Gefahr aus, doch das Junge droht zu entwischen. Da ist Eile angesagt und Kooperation, denn die Türen lassen sich nur von jeweils zwei Spielfiguren gleichzeitig schließen. Gelingt es den Spielern nicht, alle Türen rechtzeitig zu schließen, verlieren alle - besser noch, sie schaffen es in Teamwork. Das Spiel kostet ca 20.-DM, was meiner Ansicht nach recht günstig erscheint.

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Für AD&D hat AMIGO große Pläne, so sollen neben den gerade zur Messe erschienenen Neuheiten bald weitere deutsche Neuauflagen erscheinen. Dazu gehört z.B. das Monster-Kompendium der Vergessenen Reiche, das bald wieder erhältlich sein soll. Schon greifbar waren dagegen folgende Titel: Kämpfer & Diebe Set (Box), Magier & Priester-Set (Box), Der Drachenkult (Quellenband, Hardcover) und ein neues Abenteuer Schwingen des Unheils. Die Boxen kosten (nur!) je 50.-DM, der Quellenband 35.-DM und das Abenteuer 20.-DM.

Weitere Ankündigungen gefällig ? Die Quellenbände Talländer & Cormyr, Bund der Harfner, Die Teufel der See, stehen neben diversen Abenteuern in den Startlöchern.

Für Bohnanza gab es die Erweiterung La Isla Bohnita (ca. 10.-DM), welche das Spiel erweitert und turbulenter macht.

Alle MtG’ler freuen sich wahrscheinlich über die deutsche Öffnung des Portals zum Zweiten Zeitalter und Urzas Saga (Starter & Booster).

Ganz andere - nämlich feuchte - Wege, ging Götz Vincent mit seinem Esparanca (Spanisch für Hoffnung), das den Untertitel Hoffnung auf das Geld der Tiefe trägt. Wer nichts gegen die Farbe blau hat, sollte sich das Spiel mal näher anschauen. Es ist eine Mischung aus Planspiel, Strategie und Glück, bei dem die Schätze versunkener Schiffe geborgen werden sollen (3-4 Spieler, ab 10 J.).

Eine neue Ausgabe des Magazins Odysee aus dem Ulisses Verlag (z.B. ERPS) machte mich durch Ihren Preis aufmerksam. Ganze 0.-DM sind aufzubringen. Der Preis steht aber in keinem Verhältnis zum Inhalt, denn der läßt sich sehr gut verdauen. Zwar stolpert man allerorts über die immerhin fast 25% Werbung, dafür bekommt man aber für sein nicht bezahltes Geld: eine Menge Abenteuer, Szene-News, eine ERPS-Ecke, ein Artefakt (Hexenhammer von Alexander Huiskes), viele Rezensionen und witzige Comics. Eine tolle Sache, die über einen ‘erweiterten Katalog und Werbeträger’ hinausgeht und ein ordentliches Fanzine mit einem fast unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis liefert - ca. 60 Seiten mit gutem Layout. Das Ding erhaltet ihr bei allen Sponsoren (sprich den Leuten, die mit Werbung vertreten sind) und in einigen Rollenspielläden. Ggf. vielleicht auch direkt beim Verlag.

Ebenfalls nicht zu übersehen war der Kosmos-Verlag mit Klaus Teuber. Nach seinem Dauerbrenner Die Siedler von Catan hat sich auch das entsprechende Kartenspiel gemausert und verfügt nun über fünf (!) neue Erweiterungssets (je 12.-DM), die mit verschiedenen Themen, neue Kraft und Überraschungen bringen. Das Brettspiel wurde um die beiden, teilweise schon als Poster vertriebenen, gelungenen Szenarien Cheops und Alexander der Große erweitert, die beide in einer Box vereint verkauft werden. Man kommt so für nur 20.-DM in den Besitz eines sehr großen doppelseitigen Spielfeldes und diverser Papp-Spielsteine.
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Abseits des immergrünen Zweiges versuchte sich Kosmos Neuling Sofies Welt ein Publikum zu machen. Hier besucht man verschiedene Zeitepochen und muß dort passende Fragen beantworten, um mit den errungenen Wissenspunkten das Spiel zu gewinnen. Für meinen Geschmack war das Design etwas zu psychedelisch und hektisch, weshalb ich mich auch nicht näher damit befaßte.

Hasbro präsentierte eine Vielzahl von Computerspielen die Adaptionen von bekannten Brettspielen und Kinofilmen sind. Besonders aufgefallen ist mir dabei Cluedo, bei dem es um die Aufklärung von immer anderen Mordfällen geht.

Feder & Schwert war wieder einmal auf einem Partnerstand mit White Wolf versammelt und ließ ein paar Neuheiten aufblitzen. Das am meisten ersehnte Goodie von WW - die limitierte Luxus Edition der dritten Version von Vampire mit Artworks-Band, war bereits weit vor dem Messestart vergriffen. Als normalsterblicher Fan hatte man wohl gar keine Chance an eines der ca. 2500 Exemplare (weltweit!) zu kommen, so daß wohl maximal die Händler ein Exemplar ergattern konnten. Gerüchte um Sammlerpreise von mehr als 200% (NP war ca. 160.-DM) machen bereits die Runde. Meiner Meinung nach schon eine traurige und dumme Sache, hätte man sich doch selbst mit einer 10.000 Auflage weltweit als Limitat behaupten können und den vierfachen Reibach gemacht.

Feder & Schwert brachten dagegen weit mehr greifbare Relikte raus: Für Magus gab es den Quellenband Hexenkreuzzug, Trinity (ehemals Aeon, Infos siehe DROSI) wurde eingedeutscht und der Quellenband Wien bei Nacht für VdM war einsehbar.

Der Initiator der Essener Spielemesse und Verlag rund um die Spieleszene, der Friedhelm-Merz-Verlag, wartete neben sein fürsorglichen Betreuung für Presse, Besucher und Standpersonal mit eigenen Produkten auf. Die Spieler-Pflichtlektüre Pöppel-Revue und der 800 Seiten starke Spiele-Almanach Spiel '99 (32.- DM) konnten am eigenen Stand eingesehen und erworben werden.

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Auch Pegasus war auf der Messe vertreten und hatte reichlich Waren und Freunde um sich gescharrt. Das große weiße Standrondell beherbergte neben dem Pegasus-typischen Programm (Gurps, W6), bot sich dem Besucher das volle Midgard-Spektum und die Bandbreite des Drachenland-Verlag (Der Letzte Held, Traumreisen-Reihe). Eine heiß erwartete Neuheit war die neue deutsche Ausgabe von Cthulhu (5. Auflage), womit der lang verschmähnte Cthulhu-Spieler hierzulande endlich wieder zu seinem Recht kommt: Grundregeln und Support für sein Lieblingssystem. Leider hatte Pegasus den Termin nicht einhalten können, und so bleibt dem verwöhnten Rollenspieler nur die Hoffnung, daß man das Hardcover noch unter einem ansehnlichen Weihnachtsbaum vorfinden kann, an dem noch grüne Nadeln hängen.

Goldsieber stellte sein neues Spiel Pfeffersäcke dem Publikum vor, bei dem es um den Machtkampf bedeutender Handelsfamilien im Mittelalter geht (ca. 60.-DM). Für das kommende Frühjahr (99) wird bereits Kontor angekündigt, daß man auf der Messe erstmals testen konnte.

Das Schlagwort Titanic konnte man an vielen Ständen lesen, ob als Kartenspiel oder Brettvariante inspirierte der Film direkt oder auch indirekt (siehe Esperanca) den Spiele-Markt. Wo wir gerade beim Thema Filmerfolge sind: Auch Xena und Hercules haben es von der TV-Leinwand zum Brett und Rollenspiel geschafft. Für das Brettspiel zeigt sich FanPro verantwortlich zu dem ich auch gleich mal hinstapfte.

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FanPro scheint mit seien Tabletops gutes Geld zu verdienen und bringt mit Armalion ein DSA-Pendant heraus. Der Grundpreis von 99.-DM und die jeweiligen Erweiterungen a 45.-DM (vorläufiger Sonderpreis für 10 Figuren-Sets) machen dieses Spiel jedoch zu einem teueren Hobby - vielleicht für Freunde des Rollenspiels.

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Längst bekannt ist die neue Version von Shadowrun im englischen Original. Das Update zur Version 3.01 erstrahlt in neuem Glanz. Die Illustrationen wurden komplett erneuert und Regelfehler ausgemerzt, wobei jedoch Kompatibilität gewahrt worden sein soll. FanPro ist für die deutsche Version zuständig, konnte jedoch auf der Presseschau nur eine gefakte Version vorweisen (altes 2.01 Hardcover mit neuem Umschlag). Der Preis soll bei 69.-DM liegen.

Die Gilde der Fantasy Rollenspieler brachte neben einer neuen Ausgabe der Windgeflüster (Vereins-Magazin) auch jede Menge Informationen und Zeit für Fragen der Rollenspielneulinge mit. So lagen hier neben Informationen über die Regionalvertretungen und deren Conventions aus und natürlich auch über den Großcon Feencon, der 1999 in einer neuen Location stattfinden soll. Neueste Informationen findet man unter (come.to/feencon).

Abschließend kann man die Spielemesse nur als reinen Erfolg bezeichnen, wieder einmal wurden diverse Rekorde des Vorjahres gebrochen: Knapp 140.000 Besucher bevölkerten an den vier Tagen die Halle, davon 700 Journalisten. 463 Aussteller aus 18 Nationen nahmen teil und zeigten unzählige Produkte aus allen Bereichen der internationalen Spieleszene und immerhin 300 Neuheiten.
Insgesamt tendiert der Markt etwas zum Zweierspiel, hält aber auch - wie bereits im Vorjahr - genügend Neuheiten im Bereich der hochwertigen Gesellschaftsspiele für 3-6 Personen. Ansonsten fand man reichlich Erweiterungen für bereits gut laufende Spiele - die damit ebenfalls gute Absatzchancen genießen.

Die nächste Spielemesse in Essen findet am 21. - 24. Oktober 1999 statt. Vielleicht nutzen Sie ja dann die Möglichkeit sich durch die drängenden Massen zu arbeiten und am Abend glücklich aber erschöpft auf ihren eigenen Stapel Prospekte und Neuerwerbungen zu schauen.

Dogio the Witch

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