Seemeister-Vignetten

Einen Kommentar zu diesem Thema gibt es in der nächsten Ausgabe des Midgard-Digest.

Die nachstehenden kurzen Beiträge stellen Gerüchte dar, die Spielleiter ihren Gruppen zugänglich machen können, wenn sie einzelne Elemente des Zyklus der Dunklen Meister einbauen / vertiefen / vorbereiten wollen. Sie nehmen entweder auf in nächster Zeit erscheinende Abenteuer oder auf in der Entwicklung befindliche Handlungsstränge Bezug, die in späterenBeiträgen - z.B. im Gildenbrief - weiter verfolgt werden. Wie den Spielerfiguren die jeweiligen Informationen zugänglich gemacht werden, muß dem Spielleiter überlassen bleiben. An einigen Stellen kann es sich als sinnvoll erweisen, sie durch Barden, weitgereiste Händler o.ä. zu verbreiten; anderes kann in bestimmten Kreisen, in denen die Spielerfiguren verkehren (Magiergilde, Diebesgilde, Tempelorden) zu den gerade aktuellen Gerüchten gehören.

 

Erstaunliche Kunde kommt aus dem Wolfsschädel, der Heimstatt des Frosthexers Njord in Waeland: Nach all den Jahren muß er schlußendlich seiner Geliebten Gullveig überdrüssig geworden sein, denn der tevarrische Thaumaturg Diogo Torralva, der sich aus nicht weiter bekannten Gründen kürzlich im Wolfsschädel aufhielt, berichtet von einer Frau namens Nortia, die an der Seite des Frosthexers gesehen wurde. Torralva beschreibt Nortia als "ganz hübsch, aber sehr ernsthaft und ein bißchen düster; naja, muß sie auch sein, wenn sie es in der Einöde mit dem alten Knacker aushält." Es werden derzeit noch Wetten abgeschlossen, was mit dem Thaumaturgen passiert, falls Njord von dieser Bemerkung erfährt; immerhin hat er das letzte Mal, als jemand eine abfälige Bemerkung über ihn machte, beinahe eine ganze Stadt eingefroren (s. Die Rache des Frosthexers). Gullveigs Schicksal ist ungeklärt; die wenigen, die vom Wolfsschädel zurückkehrten, spekulieren, sie könnte zum neuesten Bestandteil des Gangs der Opfer des Eises geworden sein.

 

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll die Auffindung einer mysteriösen "Anrufung der Sieben Hüter", die in "Thalassas heimlichen Hallen" ruhen sollen, als Teil eines Buchs in der Königlich-Albischen Bibliothek zu Cambryg die Führung des - unbestätigten Gerüchten zufolge - in Thalassa angesiedelten Ordens der Weißen Rose schwer beunruhigt haben. Die (nicht sehr gut informierten) Quellen sind sich indes nicht darüber einig, ob dies daran liegt, daß ein geheimer Plan des Ordens so plötzlich enthüllt worden sei, oder ob sich der Orden darum Sorgen mache, welche heimlichen Hallen es denn in Thalassa gäbe, von denen man noch nichts wisse. Da am Rande des Zaubererkongresses zu Beornanburgh verlautete, die Quelle der Information sei ein sich selbst als "Weißer Assassine" bezeichnender Herumtreiber, ist mit Sicherheit Vorsicht geboten, was den Wahrheitsgehalt der Information angeht.

 

Im Umfeld des Kongresses zu Beornanburgh war zu erfahren, daß Elhylin, das Oberhaupt der Gilde des Blauen Vogels in Corrinis, über nicht näher genannte Kanäle in den Besitz des legendären Booke of Fyrengard gelangt sei, das Lebenswerk Timaros des Großen (26. Magus Priorus des Covendo Mageo de Cevereges Lidrales - 2135 nL bis 2202 nL - und Begründer des sog. "Zweiten Goldenen Zeitalters"), der sich der Erforschung der Feuerebene verschrieben hatte. Da allgemein bekannt ist, daß die Gilde des Blauen Vogels in der Rangliste der Wichtigkeit der Magiergilden der bekannten Welt eher hinten zu finden ist (was Eingeweihte in der Regel den Fähigkeiten Elhylins zuschreiben), gingen die Anwesenden indes davon aus, daß es sich hier um den schwachen Versuch handelte, das Ansehen der Gilde von Corrinis durch die Ausstreuung eines bombastischen, aber letztlich doch absurden Gerüchts wenigstens ein klein wenig zu erhöhen. Glaubt man den Anwesenden, schlug dieser Versuch indes fehl: Bevor er den Kongreß überhastet verließ, antwortete Furunkel der Fiese auf eine entsprechende Frage: "Elhylin wer? Kann der überhaupt lesen?"

 

Über den Wearran-Paß sind in den letzten Tagen Gerüchte nach Alba getragen worden, daß eine Gruppe älterer und völlig verrückter Magier, die angeblich der valianischen Gilde der Mondschwinge angehörten, in einem kleinen clanngadarnischen Dorf namens Glennwiddtuwin ein furchtbares Gemetzel angerichtet hätten. Die Berichte sind wirr und widersprüchlich, doch werden des öfteren große, fliegende Wesen erwähnt, die im Dienst einer unbekannten Zauberin gestanden hätten. Aus der gleichen Region werden unerklärliche Attacken gegen die örtlichen Druiden berichtet, in denen in teilweise schon grausamer Art und Weise Jagd auf diese Zauberwirker gemacht werden soll. Der albische Adlige Wilfryd MacTuron, dessen Burg nahe am Wearran-Paß liegt und bei dem sich die Magier angeblich aufgehalten hätten, tat indes alle derartigen Berichte als "grober Unfug; diese Wilden suchen doch nur einen Grund, über uns herzufallen" ab. Auch die von zwei Schwertschwestern der Dwiannon, die kurzzeitig die Gastfreundschaft der MacTurons genossen hatten, vehement vertretenen Berichte, sie hätten kurz vor den beschriebenen Ereignissen beobachtet, wie sich MacTurons Getreidespeicher verdoppelt habe, tragen nicht dazu bei, das Geschehene durchschaubarer zu machen.

 

Wer nach Sirwah in Kairawan kommt, sucht gern das Bayt el-Bilali (übersetzt: das Haus der Wohltaten) auf, ein Gästehaus, das nicht nur für gutes Essen und ausgezeichnete Unterkunft, sondern auch für seine illustre Klientel bekannt ist. Einer der Stammgäste in diesem Haus ist der scharidische Barde Kasim es-Saghir, bei den Bewohnern der Region aufgrund seiner oft hämischen Lieder auch als "der Spötter" bekannt. Kasim, zwar mit einer scharfen Zunge, aber nur durchschnittlichem Geschick mit der Laute gesegnet, soll vor einigen Tagen eine neue Ballade vorgeführt haben, in der er Andeutungen machte, daß der "Tag der Gleichheit" weitaus näher sei, als der normale Mensch denke. Weitaus auffälliger als diese (im Grunde nicht neue) Ankündigung war indes das Instrument, auf dem er spielte: Noch nie hatte man in Sirwah eine so schöne und wohlklingende Laute gehört, und alte Stammkunden des Etablissements mochten erst gar nicht glauben, daß sie Kasim es-Saghir gehöre. Über die Herkunft des Instruments schwieg er sich aus und meinte nur, ein Freund habe ihm dazu verholfen.

 

In Tidford konnten kürzlich Gäste des Wirtshauses Zur Rose und zum Dorn ein seltenes Schauspiel erleben, als der angesehene albische Barde Donlan MacConuilh, vor wenigen Tagen aus Corrinis angereist, in sichtlich angetrunkenem Zustand eine gar absonderliche Geschichte erzählte: In Corrinis sei es nächtens zu mehreren gewalttätigen Übergriffen gegen die Stadtbevölkerung gekommen, die in der Regel im grausamen Tod der Betroffenen endeten. Während die Stadtwache völlig ratlos war, soll der gerade anwesende berühmte rawindische Abenteurer Kor die an den Opfern zu findenden Spuren unzweideutig als solche von Sritras identifiziert haben! Nun weiß jedes Kind, daß es in Corrinis allerlei Wesen gibt, aber mit Sicherheit keine Sritras. Donlan schwört zwar bei seinem magischen Dudelsack, daß es in der geheimnisumwitterten Halbwelt des Basars von Corrinis ein Bordell gäbe, das von einer Sritra geleitet würde, die in die Geschehnisse verstrickt sei, aber das ist natürlich blanker Unfug. Die ortsansässige Klatschbase Gwenifer Brodingum hat sogar bereits damit begonnen, Donlan offen lächerlich zu machen, und Gerüchten zufolge arbeitet Nordlan-Ion an einer neuen Ballade des Spotts, in der Donlan und seine "Erlebnisse" in Corrinis die Hauptrolle spielen sollen. Wollen wir hoffen, daß hier nicht ein Stern der albischen Sangeskunst plötzlich untergeht!

 

Immer mehr verdichten sich in Moravod die Gerüchte von zwei Schwarzalben, die auf der Suche nach anderen Schwarzalben seien und bei ihrer Informationssuche gegenüber der moravischen Bevölkerung nicht gerade zimperlich vorgingen. Nachdem schon mehrere abseits größerer Siedlungen gelegene Häuser und Höfe in Flammen aufgingen, haben sich nun die Hexenjäger des Falls angenommen. Einer der wenigen Überlebenden eines solchen "Kundschaftergangs" der Schwarzalben wußte nach seiner langwierigen und von vielen Rückschlägen begleiteten Heilung (die bekannte moravische Schamanin Sollveig meinte dazu: "Solche Wunden habe ich ja noch nie gesehen!") zu berichten, daß es den widerlichen Kreaturen nicht nur auf ihre "degenerierten Beinahe-Verwandten" ankäme, sondern sie auch auf der Suche nach einer Frau namens Siorlynn seien, von der sie mit weitaus mehr Respekt reden würden. Ein Leonesser namens Duardo Demordo stehe wohl in den Diensten dieser Siorlynn, doch bevor der Zeuge den Rest des Dialogs mithören konnte, übermannten ihn die Schmerzen, und er verlor das Bewußtsein.

 

Großer Jubel herrschte kürzlich im abgeschiedenen Halfdal, dem Wohnort der Halblinge Albas. Anlaß der Feierlichkeiten war die Rückkehr von Berthil Berserker und seiner Frau Dotty, die im Rahmen des mit dem Frosthexer Njord geschlossenen Abkommens diesen für längere Zeit bekocht hatten. Während der mehrtägigen Festmahle berichteten die beiden Heimkehrer, im großen und ganzen eine angenehme (wenn auch etwas kalte) Zeit verbracht zu haben und von Njord gut behandelt worden zu sein; allenfalls hätte sie gestört, daß der Wolfsschädel recht häufig von irgendwelchen Fremden heimgesucht wurde, die diesen oder jenen Händel mit dem Frosthexer austragen wollten, ohne dabei auf die anderen Bewohner des Wolfsschädels im allgemeinen sowie zwei harmlose Halblinge im besonderen Rücksicht zu nehmen. Das Ehepaar Berserker konnte die Heimreise antreten, nachdem ihre Ablösung, die Brüder Paddy und Dommy, eingetroffen und von ihnen eingearbeitet worden waren. Das heimgekehrte Paar, das zu Ehrenbürgern seines Heimatdorfs ernannt wurde, plant nun, eine Gaststätte für nordische Spezialitäten zu eröffnen.

Rainer Nagel

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

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