Aibon Schwarzhaar

Auf der kleinen Lichtung war es still. Kein Lüftchen regte sich und so blieb auch die Oberfläche des Teiches, der in deren Mitte lag, spiegelglatt. Die Vögel des Waldes kündeten mit ihrem vielstimmigen Gesang das Kommen eines neuen Tages, obgleich die Sonne die Wipfel der Bäume noch nicht erklommen hatte. Ohne Vorwarnung traten zwei in den Farben des Waldes gewandeten Personen aus den Schatten der großen Bäume hinaus auf die kleine Lichtung. 'Wir sind da, Ethal' , sprach die eine Gestalt zur anderen, während sie die Kapuze ihres Umhangs in den Nacken legte. 'Hier, Meister?' , fragte der jüngere der beiden Männer mit ruhiger Stimme, während er es seinem Begleiter gleichtat und sein Haupt entblößte. 'Ja Ethal, hier an diesem Ort soll deine heutige Lehrstunde stattfinden.' Der Alte deutete in Richtung des mit Seerosen bedeckten Teiches, während er weitersprach: 'Komm, laß uns dort drüben, neben dem Teiche, einen Platz für uns suchen.' Der jüngere Mann nickte und folgte dem Alten. Auf seinen knorrigen Wanderstab gestüzt, ließ sich der weißbärtige Mann nahe des Ufers auf einem Felsen nieder. Unweit von ihm, fand auch sein Begleiter einen Platz. Endlich sitzend, schloß der alte Mann die Augen und atmete tief die kühle, frische Luft des noch jungen Morgens ein. Dann sprach er, wobei er die Augen geschlossen hielt: 'Diese herrliche Ruhe. Eine Enklave des Friedens. Ist es nicht wunderschön hier, Ethal?' Sein Schüler legte den Kopf zur Seite als Lausche er einer verborgenen, lieblichen Melodie, dann antwortete er: 'Ihr habt recht, Meister, dieser Ort ist wahrlich schön. Und er birgt große Kraft, das spüre ich.' Der Alte schlug die Augen auf und blickte seinen Gegenüber prüfend an. Dann nickte er zufrieden, wobei er zu Schmunzeln begann und sprach: 'Du hast viel gelehrnt, Ethal.'
'Ich hatte einen sehr guten Lehrer', antwortete der jüngere Mann von großem Ernst erfüllt. Quittierend nickend fuhr der Alte fort: 'Fünf Jahre weilst Du nun schon an meiner Seite und in dieser Zeit habe ich dir viel beigebracht. Tag für Tag lehrte ich dich neue Dinge. Dinge, von denen die meisten Menschen nicht einmal etwas ahnen.'
'Ihr habt recht, Meister. Ich schulde Euch viel!' Von aufflammendem Zorn erfüllt, unterbrach der Alte seinen Gegenüber ernergisch: 'Redet nicht solch einen Unfug, Etahl, ihr benehmt euch wie ein törichter Aspirant. Ihr schuldet mir gar nichts! Ihr schuldet es der Welt, den Menschen, dem großen Geist, aber mir, Alris tal Kjem, schuldet ihr nichts!'
'Ihr habt recht, Meister, bitte entschuldigt meine Torheit', kam es als Antwort, wobei der jüngere Mann beschämt sein Haupt senkte. 'Es ist nur, ... ich vergaß ... ', stammelte der Schüler des Alten. 'Schon gut, schon gut, Ethal', erklang die Stimme seines Mentors besänftigt - gar väterlich. 'Wir sind alle nur Menschen. Und es liegt nunmal in unserer Natur schnell zu vergessen.'
'Wie meint ihr das, Meister?' fragte der junge Mann verunsichert. Der Alte begann zu lächeln und antwortete: 'Das weißt Du wirklich nicht, Ethal?'
'Nein, Meister, es tut mir leid. Bitte sagt, was meint ihr?'
'Nun, Ethal, es ist einer der Gründe, warum wir hier sind, warum Du und ich hier sitzten. Es ist einer der Gründe, warum ich Morgen für Morgen aufs Neue meinem hohen Alter trotze, das Haus verlasse und den anbrechenden Tag begrüße.'
'Aber Meister ...', wollte der junge Mann widersprechen, doch der Alte erbat sich mit einem Handzeichen Ruhe. 'Seht, Ethal, dem Menschen ist nur wenig Zeit gegeben. Nur wenig Zeit bleibt ihm, seine Augen zu öffnen und die Welt mit all ihren Facetten zu bestaunen, den Sinn des Lebens zu hinterfragen, zu begreifen, warum alles so ist, wie es ist.' Der Alte ließ für wenige Augenblicke Gesagtes wirken, bevor er weitersprach: 'Aber der Menschen Torheit ist es, diese einmalige Chance, die ihnen gegeben wird, meist zu säumen. Zuviel steht ihnen der Sinn nach den niederen Gelüsten, nach Habsucht, Eitelkeit und dem Streben nach persönlicher Macht. So verlischt schließlich ihr Lebenslicht, ohne daß sie jemals wirklich begriffen haben, was es heißt zu leben.' Der alte Mann sah seinem Schüler fest in die Augen, bevor er fortfuhr: 'Es ist unsere Aufgabe, Ethal, nicht zu vergessen. Weiterzugeben, was dem Menschen zuteil ward und seinen Wissenschatz und seine Erfahrungen zu konservieren. Wir, die Druiden, sind die Hüter des alten Wissens.' Der junge Mann schien die Worte seines Mentors kurz zu überdenken, nickte aber dann zustimmend. 'Sieh nur Ethal. Betrachte als Beispiel nur das Leben der Menschen Albas. Groß waren ihre Vorfahren und Großes wurde von ihnen geleistet. Doch all das, was einst war, ist nun vergessen. Der Bauer auf dem Felde, wer mag es ihm verdenken, weiß wenig über das Land, das er bestellt. Zu groß sind die Sorgen, mit denen er zu kämpfen hat. Tagtäglich gilt es dem Land abzuringen, was er und seine Familie zum Überleben benötigen. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben, doch man ließ ihm keine Wahl. Und der Adel, was ist mit ihm?' Der alte Druide ließ seine rethorische Frage kurz im Raume stehen, bevor er nachsetzte: 'Nun, der Adel ist ein einfältiger Haufen von selbstsüchtigen Toren, der nur auf die eigenen Vorteile bedacht, seinem schnöden Leben von heuchlerischer Ehre, falscher Moral und einem längst stumpf gewordenen Ruhmesglanz nachhängt. Schau sie dir an, die Clans und ihre lächerlichen Zwistigkeiten, wie sie sich gegenseitig beharken wegen nichts und wieder nichts. Eifersüchtigt sprechen sie vom Wert des eigenen Blutes und versuchen doch nur ihre eigene Wertlosigkeit zu übertünchen.' Der alte Druide verstummte und eine eigenartige Stille trat ein, während er mit gesenktem Blicke dasaß und von plötzlicher Trauer ergriffen, trüben Gedanken nachzusinnen schien. So verrannen schier endlose Augenblicke, in denen sein Schüler nichts zu sagen wagte. Schließlich sprach der alte Mann mit leiser Stimme, wohl mehr zu sich selbst als zu seinem Zuhörer: 'Ach Aibon, das Schicksal meinte es nicht gut mit Dir!'
'Wen meint ihr, Meister?' brach sein Schüler, die abermals eingetretene, bedrückende Stille. 'Sagt, wer ist dieser Aibon, von dem ihr sprecht, Meister?' Als der alte Druide aufblickte, brannte neues Feuer in seinen Augen. Neue, unbändige Kraft schien den trüben Glanz seines altersstarren Blickes hinfortgefegt zu haben. Mit einer Behändigkeit, die der Schüler seinem Mentor nicht mehr zugetraut hätte, fuhr dieser von seinem Sitzplatz empor und ließ ihn erschrocken zurückfahren. Die Arme ausgebreitet, sprach der Alte mit erhobener Stimme: 'Wer Aibon Silberhaar ist, willst Du wissen? Aibon ist der Gründer all dessen, was Du hier siehst.' Der Druide drehte sich bei diesen Worten um die eingen Achse. 'Er ist der Gründungsvater Albas, unser aller väterlicher Vorfahr.' Schließlich fügte er mit verächtlich klingender Stimme hinzu: 'Und er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, was sein eigenen Fleisch und Blut, aus dem Land der Auen und Wälder gemacht hat.'
'Bitte, Meister, erzählt mir von ihm.' Zu seiner inneren Ruhe zurückgefunden, antwortete der alte Druide seinem Schüler, ihm tief in die Augen blickend: 'Ja, Ethal, Du sollst von Aibon erfahren, von ihm und seinem großen Traum ......'


Aibon Schwarzhaar (Silberhaar)

Mächtiger gwenniaŽscher Kriegsfürst; Organisierte den Widerstand gegen die valianischen Besatzer und bestritt die Schlacht am Artross-Zug gegen den Dunklen Meister Harwelcar. Besondere Berühmtheit erlangte er durch den Pakt mit den Coraniaid (->Ai`jalda). Als alter Mann begründet Aibon das Land der Wälder (->Alba) zusammen mit seinen Söhnen. Nach seinem Tod kommt es zwischen den Menschen und Coraniaid zur Feindschaft (->Ära der Verfolgung). Außerdem führt Neid und Rivalität unter seinen Nachkommen zu einer Zersplitterung des großen Königreiches. Der Traum von Frieden und Einigkeit des einstigen großen Feldherrn, dessen pechschwarzes Haar ihm seinen Beinamen verlieh, scheint entgültig erstört. Dies sind die Anfänge der Clangesellschaft in Alba.


AiŽjalda

Übersetzt in die Sprache der Menschen "Die Bande der Freundschaft". Betrifft den einander geleisteten Schwur des Coraniaidprinzen JalkeiŽjaro und seines sterblichen Blutsbruders Aibon Schwarzhaar, in Zeiten der Not füreinander da zu sein. Allgemein steht AiŽjalda für die Freundschaft zwischen Coraniaid und Mensch.


Das Versprechen (Überlieferung zum Tag des AiŽjalda)

[...]Und da stieg Aibon Schwarzhaar auf den flachen Fels, der inmitten des großen Kreises von Menschen und Coraniaid stand. Ein silberbeschlagenes Horn in Richtung des Coraniaidprinzen Jalkei erhoben, sprach er mit kraftvoller Stimme: 'Dies ist das Symbol unserer Freundschaft. Wann immer Ihr meiner Hilfe bedürft, stoßet in dieses Horn und ich werde an Eurer Seite sein. Jetzt und immer!' Ein Murmeln erhob sich im Kreis der Anwesenden und eine knisternde Anspannung legte sich spürbar über die Versammlung. Da stieg der Coraniaidprinz Jalkei ebenfalls auf den Fels und alle warden geblendet von seiner Anmut und Schönheit. Feierlich nahm er seinen Stirnreif vom Haupte und sprach: 'Dies ist das Symbol unserer Freundschaft; der Freundschaft zwischen Coraniaid und Mensch. Traget es und ein jeder von uns wird geben sein Leben für Euch. Jetzt und immer!' Das Murmeln der Menge schwoll an, doch die unheimliche Anspannung unter den Anwesenden schien nicht gewichen. Da lichteten sich plötzlich die Reihen des von Coraniaid und Menschen gebildeten Kreises und hindurch schritt eine Gesandtschaft von schwerbewaffneten Zwergenkriegern. Jeder Laut verstummte und die Anwesenden blickten voller Erwartung in Richtung der Neuankömmlinge; da löste sich ihr Führer, der Zwergenkönig Sennek und stieg auf den Fels zu den beiden anderen. In ihrer Mitte angelangt, zog er sein gewaltiges Schwert aus der Scheide und hob es über den Kopf. Dann rief er mit donnernder Stimme: 'Dies ist das Symbol unserer Freundschaft. Es ist die mächtige Klinge Zarkazar, geschmiedet von Darin, dem Sohn Bogols und Siskis. In der Hand unseres Volkes wird sie an Eurer Seite sein. Jetzt und immer!' Da entlud sich die aufgestaute Anspannung der Anwesenden wie ein Donnerschlag und Menschen, Coraniaid und Zwerge fielen sich jubelnd in die Arme. Man feierte ausgelassen die ganze Nacht und noch den darauffolgenden Tag. Dann nahm ein jeder seine Waffen, denn es war Zeit sich den Dunklen zu stellen ....

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