Unter der Stadt
Eine Kurzgeschichte

Warum ich mich seit drei Wochen nicht mehr gemeldet habe willst du wissen! Und warum ich jetzt wieder im Haus meiner Eltern wohne. Ich werde es dir sagen. Ich will es so.

Jetzt schau mich nicht so an. Ich halte es in Wien einfach nicht mehr aus. Ich bin doch nicht der einzige, der aus einer Großstadt wegzieht und nur weil alles so kurzfristig geschah, muss dass doch noch nichts bedeuten.

Nun gut, es steckt etwas dahinter, aber wenn ich dir das erzähle, dann hälts du mich für völlig verrückt. Bitte insistiere nicht darauf es zu erfahren.

Naja, irgendwann muss ich es ja sowieso mal jemanden erzählen. Hole mal den Wein, denn ohne Alkohol werde ich es wohl nicht schaffen dir alles zu erzählen. Bitte glaub mir, dass ich dir jetzt nichts als die Wahrheit erzählen werde, wie es mir als Polizist, ääh ich meine Ex-Polizist, zusteht.

Entschuldige bitte das zittern in meiner Stimme, aber die Bilder kommen mir wieder. Zugegeben, ich habe bis zum Schluss nichts wirklich schreckliches gesehen, aber ich greife vorweg.

Wie du ja weisst, war ich zuständig für vermißte Personen im 2. Bezirk von Wien. Ich hatte gerade einen Anruf erhalten von einer Frau Tiran, die ihre junge Tochter vermißte. Sie war noch völlig aufgelöst, weswegen ich mich auch entschloss, das Protokoll bei ihr aufzunehmen. Es war ein strahlender Julitag. Schöne Menschen liefen geschäftig durch die Stadt. Strahlend blauer Himmel. Hitze. Ich fuhr in meinem Käfer Kabrio natürlich mit offenem Verdeck. Normalerweise reagieren wir auf vermißte Personen ja nicht so eilig, aber bei Kindern ist das natürlich etwas anderes. Da muss alles sehr schnell gehen, allein schon wegen der Öffentlichkeit, auch wenn die meisten Strohmer nach kurzem verschwinden von selbst wieder auftauchen.

Ich kam schließlich an. Schützenstr. 12. Ein sehr alter Teil von Wien. Die Häuser in dieser Straße sind alle weit über 300 Jahre alt und strahlen etwas bedrohliches aus. Sie wirken kalt und ablehnend. Ich fühlte mich nie wohl in der Nähe dieser Häuser und werde auch nie wieder dorthin gehen. Die gepflasterte Straße, das kränklich grüne Efeu, dass sich an einigen Häusern emporschlich. Die Häusermauern, dick wie eine Festung. Das alles und der immer unangenehme Geruch in dieser Straße, besonders im Sommer, legte sich wie ein Schatten auf meine Seele. Hinter den Scheiben, gesichtslose Augen, die jeden Schritt von mir verfolgten. Schließlich kam ich an. Ich suchte gerade das Namensschild auf der Klingelleiste, als die Tür bereits aufgerissen wurde. Im Türrahmen stand eine Frau unbestimmbaren Alters. Der Taint war dunkel, die Augen rot geweint. Sie trug ein etwas altbackenes Kleid, ein bischen wie ein Zigeunerkleid. Ihr dunkles langes Haar war zu einem Zopf gebunden. Das Gesicht wurde von einer langen Nase gekrönt, die über einem schmallippigen Mund aus dem Gesicht herausragte. Sie sprach mich in stark von Dialekt durchsetzten Deutsch an: „Sie sänt der Kommisär, ja?“ Ich nickte. „Jessus und Mariä, bittä hälfän sie mich meinem Kind zu finden. Bitte. Suchen se schnell.“ Ich war etwas überfordert von diesem Überfall. „ Jaja, natürlich. Aber erzählen sie mir doch erst etwas über sie. Ist sie schon öfter weg gewesen, oder haben sie schon alle ihre Freund...“ „Nain, nain, sie verstähn falsch. Weiß ich wohin sie ist verschwundän, kommt sie nur nicht raus.“ Als ich ihr sagen wollte, dass ich ja dann nichts hier verloren hätte zog sie mich schon zu einem Gulli, der von einem Absicherungsband umkränzt war. „Hier hat sie gäspielt. Ich härte eine Schrei und nichts mehr von ihr gehärt.“ „Sie glauben ihre Tochter ist dort unten? Warum haben sie sie dann nicht selbst geholt? „War ich untän, aber die Tochter weg. Muss gelofen sein. Bittä holen!“ Ich überlegt kurz. Dann holte ich aus meinem Auto meine Taschenlampe. „Ich schau mal nach, vielleicht ist sie ja ganz in der Nähe.“ Als ich mich über den Gulli beugte, bemerkte ich auch schon eine dunkelrote Verfärbung. Getrocknetes Blut. Ich sagte der Frau nichts davon und stieg hinab. Das Tageslicht erhellte den Boden des Abflusskanals, aber ich konnte niemanden sehen. Vielleicht war sie im Schock weggerannt und fand nun nicht mehr hoch. Ich schaltete meine Taschenlampe an. „Ich schau mich hier unten mal etwas um, vielleicht finde ich sie ja. Benachrichtigen sie vielleicht mittlerweile meine Kollegen, damit die wissen, wo ich bin.“ „Bringän se mer mene Tochtä, bitte.“ Hier stand ich also, gerade von den kalten glitschigen Sprossen des Abgangs weggekommen und meine Taschenlampe erhellte die Wände und den Boden der Kanalisation. Moos und ähnliches Zeugs wucherte zwischen den Steinen. Dünne Rinnsale flossen in den Hauptstrom im Zentrum des Ganges. Der Gang war im Querschnitt wie ein halber Kreis, in dessen Mitte das Abwasser in sehr gemächlichen Tempo abfloss. Zu beiden Seiten dieses Hauptstromes gab es Laufwege. Auf einem von diesen stand nun ich. Auf Höhe der Gänge war die Decke ca. 2m hoch, so dass ich gerade nicht gebückt gehen musste. Auf dem Boden lag ein Stück Stoff. Blutgesprenkelt. Sie war wohl beim herunterstürzen an etwas spitzen oder scharfen hängengeblieben. Dann bemerkte ich den Geruch. Schrecklich. Mein Magen hob sich. Da hörte ich ein Wasserrauschen und wieder schwamm ein Geruchslieferant im Strom. Ich würgte, konnte mich aber beherrschen. Dort, ein huschen und quiecken. Bestimmt Ratten. Toll. Schlimmer konnte es nun wirklich nicht mehr werden. Vorsichtig ging ich auf dem feuchten, rutschigen Stein. Nur nicht ausgleiten. Nur nicht auf eine Ratte oder schlimmeres treten. Alle 30 Meter gab es einen weiteren Gulli, durch den etwas Licht nach unten fiel. Auf dem feuchten Boden sah ich einen größeren Blutflecken. Er war nicht geronnen, vermutlich ob der Feuchtigkeit und der kühle hier unten. Gut, ich war auf dem richten Weg. Ich stand still und lauschte. Wassergurgeln, rauschen, tropfgeräusche. Ich überlegte kurz, fluchte über mich und meine Voreiligkeit. Wie hieß das junge Ding eigentlich. Egal. Ich rief: „Mädchen. Hierher!“ Dann lauschte ich. Nichts. Hoffentlich war sie nicht ohnmächtig. Ich ging weiter und nach ca. 50 m kam ich an eine große Kreuzung. Ich suchte den Boden ab und sprang von Seite zu Seite, bis ich wieder einen Blutstropfen fand. Dann ging ich schneller werdend hinterher. Nach einigen Ninuten wurde der Gang niedriger, so dass ich nur noch gebückt laufen konnte. Schließlich endeten die „Bürgersteige“ und ich musste im Wasser laufen. Mit meinen Sandalen. Wenigstens hatte ich eine kurze Hose an. Voller Ekel watete ich durch die dreckigen Abwässer.

Dann hörte ich etwas. Es klang wie ein fernes Donnern. Ich stand still und hörte in die Dunkelheit. Was war das? Langsam und vorsichtig ging ich weiger. Immer noch gebückt, immer noch im Schmutzwasser laufend. Das Donnern wurde immer lauter. Dann fiel mein Licht in die Dunkelheit eines gewaltigen Raumes. Die Wände links und rechts von mir öffneten sich in diese Kaskade, in die mindestens ein Dutzend weitere Gänge mündeten. Alle auf verschiedenen Höhenniveaus und verbunden durch metallene Gänge und Treppen. Wasser ergoß sich aus den Gangenden in den Schlund dieses kreisrunden Raumes und sammelte sich am Boden. Gischt stob nach oben und kleine Strudel zogen und zerrten an den Wasser verschmutzenden Gegenständen. Und dort unten sah ich einen auf dem Bauch liegenden menschlichen Körper, der von den Wellen und Strudeln bewegt wurde. Schnell hastete ich nach unten. Die Treppen und das Geländer waren schleimig-glitschig, aber ich kam ohne auszurutschen nach unten. Durch das hüfthohe Wasser watend kam ich am Körper an. Er war sehr groß. Ich drehte ihn um und sah in das blaue, aufgedunsene Gesicht eines Mannes mittleren Alters. Der Oberkörper war teilweise offen. In seinem inneren war ein Gewirr wurmartiger Tiere. Gleichzeitig kam mir ein Schwall schlechter Luft entgegen, der mich den Körper sofort wieder zu Wasser gleiten ließ. Benommen rang ich um Luft. Die Erinnerung an den Gestank ließ mich würgen. Ich ging weg von dem Toten. Würgend. Ich wollte gerade nach oben klettern, um meine Kollegen zu informieren, als das Licht meiner Taschenlampe in den untersten dieser Gänge fiel. Dort entdeckte ich einen rosafarbenen Schuh, ein Mädchenschuh. Sofort watete ich hin und zog mich in den Gang. Der Schuh sah noch sehr neu aus, konnte also eigentlich nur dem Mädchen gehören. Ich ging den Gang weiter, wohl einer der ältesten der ganzen Kanalisation Wiens. Die Wände waren grünlich schmierig, die Ziegel so alt und feucht, dass ich einen zwischen meinen Fingern zerreiben konnte. Auch hier konnte ich nur gebückt laufen. Am Boden ein kleines Rinnsal. So ging der Gang immer weiter, vielleicht 15 Minuten, bis ich plötzlich stehenblieb. Ich hatte ein knacken wie von brechendem Holz gehört. Da verlor ich den Boden unter meinen Füßen. Einem Krachen und Poltern folgte ein lang anhaltendes Hallen, als wären Steine in eine riesige Höhle gefallen.

Was nun folgt, kann ich nicht beweisen. Vielleicht habe ich mir den Kopf gestossen und alles nur geträumt, oder zusammenphantasiert aber ich werde dir trotzdem sagen, was mich in meine dunkelsten Alpträume begleitet.

Dort waren Geräusche und Bewegungen am Rande des Lichtscheins, aber ich bin mir nicht sicher, dass diese Kreaturen verantwortlich sind für das verschwinden des Kindes. Aber eins nach dem anderen. Ich konnte mich am Rande des Eingestürzten Ganges festhalten und hochziehen, meine Taschenlampe war aber nach unten gestürzt und erhellte einen Teil einer Höhle unter mir. Ich meine, dass ein Teil des zu sehenden Raumes ein Haufen, ein großer Haufen, Knochen war. Blanke weiße Knochen. Ich konnte sehr viel Kleidung sehen, wie in einem Theater, aus den verschiedensten Epochen, nur halt auf einem Haufen geworfen. Und ich hörte Geräusche. Zunächst hatte ich sie gar nicht wahrgenommen, erst als sich die Taschenlampe bewegte und sich mein Blick von den Knochen und Kleidungsstücken löste vernahm ich diesen leisen, abscheulichen, blasphemischen Ton. Ich kann ihn nicht beschreiben, aber ich wußte sofort, dass das dort unten keine von Gottes Geschöpfen sein konnten. Ich starrte wie gebannt in das Halbdunkel unter mir und ab und zu sah ich auch eine Bewegung, ich bin mir sicher, dass ich etwas sah. Diese Bewegungen dieser Wesen hatten etwas diabolisches an sich. Ich kann es nicht in Worte kleiden, es war einfach „anders“. Und dann hörte ich platschende Schritte aus dem Gang vor mir. Plitsch...Platsch ...Plitsch...Platsch. Langsam aber stetig näherte es sich mir. Panik kroch in mir hoch. Trotz der Feuchtigkeit hier unten war meine Zunge trocken. Ich wollte wegkriechen, konnte es aber doch nicht. Langsam schälte sich ein dunkler Schatten aus dem Gang vor mir. Zum Glück konnte ich nichts erkennen, ausser vielleicht, dass dieses gottlose Ding lange Arme und kurze Beine zu haben schien. Affenähnlich. Dann, endlich hastete ich los, ins dunkle zurück. Nach oben. Ans Licht. Immer wieder blieb ich an irgendwas hängen, oder stieß mich. Schließlich konnte ich das Donnern des Wassers aus der Kaskade wieder hören. Endlich. Ich verschnaufte kurz. Und dann, ich weiss nicht, ob es Einbildung war oder nicht. Plitsch...Platsch... Plitsch...Platsch. Es verfolgte mich. Voller Panik rannte ich los, stieß mir Kopf und Glieder und fiel schließlich aus dem Gang in das Auffangbecken. Sofort rappelte ich mich auf. Ich suchte die Leiter. Oh Gott, lass jetzt bitte nicht dies Ding erscheinen. Ich würde es nicht einmal hören. Plötzlich stieß ich an einen Körper. Der Gestank erinnerte mich daran, welcher Köper das war. Wieder musste ich würgen. Schließlich bekam meine Hand das runde Metall eines Geländers zu fassen. Mehrmals ausrutschend zog ich mich zu der Treppe. Verfolgte es mich noch? So schnell es ging, kletterte ich nach oben. Noch immer traf kein Lichtschein meine Augen. Oben angekommen tastete ich nach dem Rand des Ganges. Völlig atemlos setzte ich mich hin. Wieder musste ich würgen. Vermutlich hatte ich Wasser verschluckt. Nach ca. einer Minute hörte ich neben dem Tosen des Wassers ein metallisches Klingen, als würde jemand eine Metalltreppe benutzen. Fast sofort sprang ich auf und hastete weiter. Nur weg. Nur weg. Schließlich Licht. Von oben. Durch die Löcher eines Gullideckels. Hier müssten doch metallene U´s in das Mauerwek getrieben worden sei. Ja, ich konnte sie sehen. Ich griff danach und zog mich hoch, bis zum Gullideckel. Aber ich war zu schwach ihn anzuheben. Verdammt. Da hörte ich es schon wieder. Plitsch...Platsch...Plitsch...Platsch. Es kam näher und ich konnte nicht mehr. Tränen rannen über meine Wangen. Da stoppten die Schritte unter mir. Ich hörte, wie etwas patschend auf Metall stieß. Es kommt hoch. Es wird mich holen, genau wie die anderen, deren Skelette ich gesehen habe. Noch einmal stieß ich mit aller Kraft gegen den Gulli und tatsächlich er bewegte sich. Warmes tageslicht erhellte mein Gesicht. Ich zog mich ins freie. Erst krabbelnd, dann rennend, wie von Sinnen entfernte ich mich von dem Gulli. Ich weiss nicht, wie lange ich so rannte, aber schließlich in einm Park, auf einer Wiese brach ich zusammen. Erst zwei Stunden später, es wurde gerade dunkel, konnte ich mich wieder bewegen. Ich ging in meine Wohnung und dort im Badezimmerspiegel sah ich erst, wie schrecklich ich aussah. Und ich stank abscheulich. Während ich noch unter der Dusche war, überlegte ich mir, was ich gesehen hatte, ob ich es gesehen hatte. Da klopfte es an meiner Tür. Es war meine Vermieterin. Jemand hatte etwas für mich abgegeben. Es war mein Geldbeutel. Da wußte ich, dass ich aus Wien weg musste. Denn meinen Geldbeutel hatte ich in der Kanalisation verloren.

Pit

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

© Copyright by Dogio