Oxymoron

Daß sich der Betrachter nicht vor den dunklen Augen erschrak, lag daran, daß Gregor Rajala einen Kunstgriff angewandt hatte. Für den Uneingeweihten kaum sichtbar, leuchteten inmitten der Iris kleine Goldpunkte, wodurch die geheimnisvolle Ausstrahlung der Schwärze erhalten blieb, ihr aber auch gleichzeitig eine lebendige Leuchtkraft verliehen wurde. Ja, er hatte sich mit den Augen besondere Mühe gegeben, wie sonst sollte er sich vorstellen, daß die Maschine, der er den Namen Nelani gegeben hatte, eine Seele besaß?

Sie gesellte sich zu ihm in den Keller, den er zu einer Werkstatt für seine Androiden umgebaut hatte. Inzwischen hatte er aufgehört, zu zählen, wie viele davon er schon geschaffen und programmiert hatte- wirklich perfekt war nur Nelani und nur sie hatte er rund um die Uhr aktiviert. Zufrieden sah er, wie sie sich setzte und ihn mit ihrem dunklen Goldpunkteblick bei der Arbeit beobachtete.

Das Prinzip der Augen setzte sich weiter fort, so war ihre Haut von einer fast kränklichen Blässe, aber einige Sommersprossen auf Nase und Wangen ließen Nelani dennoch auf eine gewisse, schwer zu fassende Weise niedlich erscheinen. Die streng geschwungenen Augenbrauen wurden von rundlichen Wangen entschärft, während die mädchenhafte Kleidung den unnatürlich dünnen Körper ins rechte Licht rückte.

Nelani war ein wandelndes Oxymoron, eine ausgewählte Zusammenstellung an Widersprüchen. Sie mochte über ein ungeheures Fachwissen und einen wachen Verstand verfügen- aber dem Leben selbst begegnete sie mit Hilflosigkeit. Sie konnte selbständig logische Zusammenhänge knüpfen, aber gleichzeitig das praktisch offensichtliche übersehen. Sie arbeite ähnlich einem Spieler, der ein ganzes Buch voll mit gefinkelten Schachzüge studiert hatte und der dann von einem Kind geschlagen wurde, das seine Figuren mehr durch Zufall und plötzliche Launen als durch Logik gelenkt vorwärts schob.

Sie konnte lange im Betrachten eines Objektes verharren, aber für sie war alles, das sie nicht kannte, gleichermaßen von Interesse. Nie würde sie den besonderen Zauber der hinter Berggipfeln erstrahlenden aufgehenden Sonne verstehen oder die Anmut einer einzelnen blauen Blume inmitten eines goldenen Kornfeldes erkennen.

Es machte ihm Sorgen, daß sie zwar zu einfachen Gefühlen und entsprechender Mimik fähig war, aber offensichtlich nicht wußte, was Schönheit war. Wie konnte jemand, dem das nicht begreiflich war, verstehen, wodurch sich das Gute vom Bösen unterschied?

Vielleicht würde Gregor dafür noch eine Lösung finden- aber solange Nelani näher an die Vollkommenheit heranreichte als alles, was er bisher in seinem Leben gekannt hatte, eilte es nicht.

Aber wenn es nur eine andere Form von Schönheit war, die sie bewunderte? Nelani hatte keine Geheimnisse. Sie lebte vor sich hin mit ihrem kindlichen Gemüt, daß das wenige, das ihre Naivität durchdrang, auch frei heraussagen ließ. Das einzige, was er über sie nicht wußte, war, was sich in dem Schmuckkästchen, das sie immer mit sich trug, befand. Es hatte ihn bisher auch nie sonderlich interessiert, aber nun, da sich seine Gedanken um ihr innerstes Wesen drehten, hatte selbst dieses unwichtige Detail plötzlich an Bedeutung gewonnen.

Nelani hatte die Kiste achtlos abgestellt und war in der Betrachtung eines halbfertigen Androiden versunken, so aufmerksam, als wolle sie sich jeden einzelnen Schaltkreis genau einprägen. Als Gregor sicher war, daß sie nicht hersah, packte er das Kästchen und riß es auf.

Innen befand sich eine kleine Figur, die er zunächst für eine Puppe hielt. Dann aber öffnete sie die Augen und sah ihn mit einem Blick an, der ihm durch Mark und Bein ging. Es waren Augen voll von kalter, grausamer Intelligenz. Er konnte fühlen, wie das Wesen durch ihn hindurch sah und in ihn hinein bis in den äußersten Winkel seiner Seele. All seine Gedanken und Gefühle wurden aufgewirbelt, die dunkelsten, verstecktesten Emotionen gerieten in einem einzigem Augenblick in sein Bewußtsein. Ihn durchlief ein grausamer Schmerz angesichts des Abgrunds seiner eigenen Seele, in den er unaufhaltsam fiel. Er sah Nelani an, in der Hoffnung, daß sie ihm helfen würde, ihn von diesem Fluch befreite, aber sie rührte sich nicht. Ihr Gesicht war eine einzige, erschreckend bleiche erstarrte Maske, ein Käfig, hinter dem sie das, das in diesem Augenblick in ihr vorging, sicher verschlossen hatte. Noch immer sank er tiefer ein in die Spirale des bisher Unbewußten, in Erinnerungen, in verborgene Visionen ... es war ein einziger Alptraum, aber anders als in diesem nächtlichen Zustand gab es kein Erwachen, da all das real war, zwar gut versteckt, aber sein stetiger, unwillkommener Begleiter, der seit seiner Geburt darauf harrte, erweckt zu werden.

Mit einem Aufschrei zerrte er die kleine, denkende Maschine auseinander, ohne daß sie ihn daran zu hindern versuchte. "Du verstehst es doch?" fragte er sie, äußerlich gefaßt wie immer. "Ja", antwortete sie mit ihrer Kleinmädchenstimme. Gregor konnte gerade noch ihr unerträglich zuckersüßes Lächeln wahrnehmen, bevor ihre stählernen Muskeln sein Genick mit einem einzigen Ruck brachen.

Nelani sah auf die reglose Gestalt. In die Stille mischten sich verhaßte Liebe und reueloses Bedauern gegenüber ihrem Schöpfer und was die Zukunft betraf, strahlte angsterfüllte Zuversicht aus ihrem Goldpunkteblick.

Nina Horvath

Der Digest (MD/DRoSI/Archont)

© Copyright by Dogio