Zwangsheterosexualität bei Midgard

Dogio und Pille habe ich wohl schon häufiger genervt mit meinen Bekundungen, daß ich zum Artikelschreiben ja überhaupt keine Zeit neben all den schon von mir betriebenen spannenden Dingen des Lebens habe und daher für MD nur als Konsument in Frage käme. Das MD finde ich nun sehr interessant. Und da über das Netz eine schnelle Verbreitung und ebenso schnelle Rückmeldung möglich ist, andererseits aber durchaus noch der Magazincharakter gegeben ist, stellt das MD ein ideales Mittelding zwischen normalen Midgard-Zine und reinem Diskussionsforum dar. So juckt es mich auch jedesmal in den Fingern, wenn eine neue Nummer hereingeschneit kommt, endlich auch meinen Senf abzulassen. Aber wie gesagt, die Zeit ist knapp...

Nun kommt aber dennoch etwas von mir. Wie das? Als ich im MD #9 den Satz "So sind sie dem anderen Geschlecht häufig mehr als aufgeschlossen." (bei der Beschreibung des Glücksritters) las, erinnerte ich mich daran, daß ich da noch einen halbfertigen Artikel herumzuliegen habe, den ich schnell fertigstellen kann und der vielleicht gar nicht schlecht paßt. Der Großteil der Diskussion drehte sich bisher um Regelauslegung. Ich finde es zwar wichtig und interessant, in diesen Fragen Erfahrungen und Denkanstöße auszutauschen, aber aus knapp 10 Jahren Rollenspielerfahrung weiß ich auch, daß es letztendlich immer darauf hinausläuft, daß der Spielleiter die Fähigkeit entwickelt, die Regeln sehr locker zu nehmen und trotzdem improvisierend einen überzeugenden und nachvollziehbaren Spielablauf hinzukriegen. Wie er das macht, ist natürlich hochgradig Geschmackssache und nicht bis ins letzte ausdiskutierbar. Regeldiskussionen würde ich also nicht übertreiben. Die Diskussions- und Denkanstöße, die ich mir nun vom folgenden Beitrag erhoffe, sind eher kultureller Natur und sollen zeigen, wie man bei der Erfindung bzw. Beschreibung einer Fantasykultur bestimmte Gebiete unbewußt völlig unbedacht läßt - ähnlich wie das der einst in diesem Magazin erschienene Fragebogen in bezug auf die Persönlichkeit eines Charakters sehr gut deutlich machte. So, jetzt aber los. Zieht euch mal folgende Stellen des Regelwerks rein:

DFR S.6: Männliche Barden suchen "Anerkennung [...] durch schöne Frauen", "Glücksritter sind dem anderen Geschlecht nicht abgeneigt".
DFR S.16: SC mit Au 91-100 müssen mit Anmachen "durch Angehörige des anderen Geschlechts rechnen".
DFR S.46: Verführen geht nur mit Andersgeschlechtlichen.
DFR S.148: Anziehen wirkt nur auf "Personen des anderen Geschlechts".

WdA S.42: Opfer des Liebeszaubers verliebt sich "in das erste Wesen [...] anderen Geschlechts".
WdA S.49: Opfer des Liedes der Liebe muß "von anderem Geschlecht" sein.

(Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.) Ich will nicht Sinn oder Unsinn dieser Regeln im einzelnen klären, deutlich wird aber, daß offensichtlich das Regelwerk davon ausgeht, daß Liebe nur zwischen verschiedengeschlechtlichen Wesen möglich ist und daß an sexuellen Trieben nahezu ausschließlich der heterosexuelle existiert. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn Midgard ein Rollenspielsystem wäre, was für eine ganz bestimmte Kultur gedacht ist, wo eben Zwangsheterosexualität herrscht (z.B. weite Teile Europas im Mittelalter (wo das leider bis in die jüngste Vergangenheit anhielt))
Midgard erhebt aber recht deutlich den Anspruch, ein universell einsetzbares System zu sein, daß für das Rollenspiel in einer Vielzahl von Spielwelten und in einer noch viel größeren Vielzahl von Kulturen geeignet sein soll. Die Midgard-Spielwelt nimmt sehr starke Anleihen aus der Realwelt, die dann - vereinfacht gesprochen - fantasymäßig aufgefüllt und umgedeutet werden. Dieses Verfahren finde ich sehr gut, denn so entsteht eine leicht vorstellbare, sehr vielfältige, in sich konsistente und realistische Welt, die trotzdem den nötigen Hauch von Phantasie trägt, den sie braucht. Einerseits werden die Kulturen der Spielwelt so nicht völlig abstrakt, andererseits ist durch die Anlehnung an die vielfältigen Kulturen der Erde dafür gesorgt, daß nicht unbewußt zu viel der Kultur, in der man in der Realwelt lebt, übernommen wird und die Spielkultur zu "normal" wird. Gerade letzteres geschieht aber mit der Zwangsheterosexualität, die aus dem mittelalterlich - neuzeitlichen Europa wie selbstverständlich auf die gesamte Spielwelt übertragen wird.
Betrachtet man die Erde in ihrer Geschichte genauer, so erkennt man, daß gleichgeschlechtliche Liebe und homosexuelle Handlungen oder wenigstens eines von beiden (beides unterscheidet sich durchaus stark voneinander) in den meisten Kulturen der Erde nicht nur Ausnahmefälle waren. Ebenso, wie das ganze Phänomen Homosexualität äußerst vielschichtig ist und sich natürlich nicht über den engen Kamm der Klischeevorstellungen ziehen läßt, unterscheiden sich auch die Gründe für Homosexualität in den verschiedenen Kulturen sehr stark untereinander und von den Vorstellungen unserer Zeit. Ein paar nicht repräsentativ gemeinte Beispiele (von eher bekannt bis sehr skurril):
  • Im antiken Griechenland gehörte es zur Erziehung der männlichen Jugendlichen, während der Pubertät (oder auch danach, je nachdem wie man das definiert) mit einem älteren Liebhaber und Lehrer eine Zeit in die Wildnis (oder sonstwohin) zu ziehen.
  • Bei einigen germanischen und keltischen Stämmen war die männliche Homosexualität Teil des vorherrschenden patriarchalischen Männlichkeitswahns.
  • Es gibt Eingeborenenstämme (Südsee glaube ich), wo die Leute glaubten, daß Jungen zum Erwachsenwerden mit Sperma gefüttert werden müßten, was dann wohl auch sehr direkt geschah.
  • Kulthandlungen der frühzeitigen heidnischen Priester in Nahost hatten auch homosexuelle Handlungen im Programm (was eine Erklärung für deren Verbot in der Bibel ist, denn die frühen Israeliten als erste Monotheisten mußten sich mit allen Mitteln von den Gojim (Heiden) abgrenzen, gerade im kultisch-religiösen Bereich, damit ihr gefährdeter exotischer Glaube nicht verwässert wurde).
  • (Lesben mögen entschuldigen, daß ich in der Beschränktheit meiner eigenen Kenntnis nur rein männliche Bespiele aufführen konnte.)

    Nun aber zurück zur Midgardwelt. So betrachtet ist es doch schade, daß durch schon im Regelwerk an allen Ecken und Enden gepredigte Zwangsheterosexualität ein Teil kulturelle Vielfalt von vornherein wegfällt. Hat die homosexuelle Tradition der Samurai Japans in KanThaiPan irgendwelche Spuren hinterlassen? Wo bleibt die ausschweifende vorderorientalische Männerliebe in Eschar (die sogar in der Bibel durchschlägt, nicht nur bei David und Jonathan)? Gibt es das Chryseische Analogon zu Platon und seinem Symposion? Hat vielleicht auch mal ein Seemeister seinem verstorbenen Geliebten im ganzen Imperium Standbilder errichten und ihn göttlich verehren lassen, wie dies einst Kaiser Hadrian mit Antinous tat? Finde ich Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci oder Caravaggio und deren Kunstwerke auch in den Küstenstaaten?
    Wenn wir uns von der irdischen Geschichte lösen und uns der modernen Fantasyliteratur zuwenden, bleiben wir ebenfalls nicht verschont. Nicht nur Bradley hat den Reiz entdeckt, den festgefügten heterosexuellen Rahmen weit zu verlassen. Betrachtet man gar nichtmenschliche Rassen, so stehen ohnehin alle Türen offen. Die Gerüchte von den schwulen Elfen sind auch schon an so manche Rundohren gelangt. Und was tun die Halblinge in ihrem Halfdal? (Wo doch Sam seinen Frodo im diesem mißratenen Film immer so komisch angeschaut hat...) Wie auch immer, Tatsache ist, daß sich wohl die wenigsten bisher über diese Fragen Gedanken gemacht haben. Ich spiele bei "Welt der Waben" mit, einer Simulation der Welt Myra per Post. Als dort ein paar Leute anfingen, eben diese Fragen zu stellen, stellte sich heraus, daß nur sehr wenige Spieler sie in ihren Kulturbeschreibungen explizit berücksichtigt haben. Bei Nachfragen war die Standardantwort: "Da habe ich wohl noch nicht drüber nachgedacht." Wenn die Spieler wenigstens ihre Kultur so gestaltet hätten, daß Homosexualität in ihrem Land eben mit Todesstrafe oder göttlichem Blitz oder sonstwie bestraft werden würde, hätte dies wenigstens gezeigt, daß sie an diesen Punkt gedacht haben. Aber so muß man wohl davon ausgehen, daß blind die aus der eigenen Kultur bekannten Muster übernommen worden sind.

    Das soll auch das Ziel dieses Artikels sein, nämlich nicht auf der gerade herrschenden Modewelle mitzuschwimmen (im Zuge derer jetzt in jedem zweiten Film aus Hollywood irgendwie Schwule oder Lesben vorkommen müssen), sondern den Leuten zu zeigen, daß es doch eigentlich ein Unding ist, daß in Zeiten der sexuellen Aufgeklärtheit dem Bereich der zwischenmenschlichen intimeren Beziehungen, der wohl durchaus würdig ist, in Kulturbeschreibungen aufgenommen zu werden, kaum ein konstruktiver Gedanke gewidmet wird.

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    Björn "Rabe" Rabenstein

    Unzensiert, aber nicht unkommentiert soll dieser geistige Erguß durch die Netze ziehen. Erstens (da spreche ich hoffentlich für Pille mit) sehe ich in dem Artikel nichts anstößiges (gelle wir sind tolerant Was mich ein wenig wundert, ist die Tatsache, daß es im geschichtlichen Background scheinbar nur Beispiele für männliche Gleichgeschlechtlichkeit gibt. Also wenn schon, dann doch bitte für alle. Aber das Grundproblem, wenn es heißt 'anderen Geschlechts' würde ich darin sehen, daß die Wirkung bei 'starkem Unwillen' (falls vorhanden) des Opfers, durch Anmache aus der eigenen (geschlechtlichen) Reihe, doch die Resistenz stark steigen lassen könnte. Sam & Frodo sehe ich auf einmal mit ganz anderen Augen... irgendwo hat Björn da doch was geoutet... ob die Frodo-Fans sich das gefallen lassen werden ? --Dogio

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