Thishjana

Glutrot sank die leuchtende Sonnenscheibe im fernen Westen den Endlosen Wassern entgegen. Rot wie strahlende Rubine.
Ayndariel ging mit gewandtem Schritt über fruchtbare Hügel in diese Richtung seiner Heimat entgegen. Wie ein kupfernes Band sah er bald den Strom im Licht der untergehenden Sonne am Horizont schimmern.
Als er sich eine lange goldene Haarsträhne aus dem Gesicht strich, glitt sein Blick beiläufig über den mondsilbernen Armreif. Unwillkürlich dachte er an Cilydiel, an ihr Haar. Sie war schön - ja. Aber er konnte keinen Bund mit ihr schließen. Je länger er im Geiste ihr liebliches Gesicht vor sich sah, desto deutlicher spürte Ayndariel wieder den Grimm in sich aufsteigen. Ihre Hochnäsigkeit, ihr durchtriebener Ehrgeiz... Er bemühte sich, ihr Bild und den Groll schnell wie einen bösen Traum wegzuwischen. Träume hatten die Macht zu schöpfen - dann mußten sie auch aufgelöst werden können.
Sein Weg führte ihn über weiche Auen. Haine auf den Hügeln zur linken und rechten Hand säumten seinen Weg. Schließlich gelangte Ayndariel auf eine Anhöhe, wo er für einige Zeit innehielt. Sein Blick sog das sich ihm bietende Bild förmlich auf: der Strom in der Ferne zur Rechten, während sich vor ihm majestätisch das weite grüne Land erstreckte, traumhaft erscheinend im Licht des Abends. Diesige Luft lag über den Ländern zur Linken, kein Lüftchen regte sich. Die fruchtbaren Gärten des Südens. Und dort, direkt vor der Sonnenscheibe würde seine Heimat bald sichtbar werden, nur noch einige Meilen entfernt. Ayndariel schloß die Augen und genoß die warme Aura der Sonne, während er mit den Fingern seinen Mammutonring berührte und das Mandra lenkte. Nachdem er die Augen wieder geöffnet hatte, wanderte er weiter, nicht ohne einen letzten eindringlichen Blick auf das glühende Rund am Westhorizont geworfen zu haben. Wie Simyas Antlitz... Nun verfiel er in Laufschritt, flog regelrecht mit elbischer Gewandtheit - es war für Angehörige seines Volkes keine Schwierigkeit, die Bewegungen zu beschleunigen; der Ring half ihm zusätzlich dabei.
Er wollte plötzlich rasch zurückkehren, eine Welle von Sehnsucht überschüttete ihn, als ob er nur noch einen letzten Blick auf seine Heimat würde werfen dürfen... Seine hüftlangen blonden Haare flatterten wie eine Fontäne flüssigen Goldes hinter ihm her, während er über Auen und Hügel, durch Haine und große Mulden dahinschnellte. Der Elf fühlte sich durch die raschen, aber gleichmäßigen Bewegungen und das Rauschen der Luft in seinen Ohren in Harmonie mit der Umgebung: den fruchtbaren Hügeln und allen Lebewesen, deren Präsenz er spüren und sogar undeutlich lokalisieren konnte, was nichts Ungewöhnliches war. Ayndariel schien nicht mehr schnell zu laufen, die Luft und das Abendlicht versetzten ihn in eine Art Ekstase - es kam ihm vor, als schwämme er in einem Traum durch eine sirupähnliche Masse, das Vorankommen dabei nur eine Illusion und bedeutungslos.
Er spürte die allgegenwärtige Melodie des Nurdra und Mandra, das Gleichgewicht... es war die Melodie, die er jedesmal beim Musizieren in seine Finger, das Instrument und schließlich in die Geister und Seelen der Zuhörer legen wollte. Aber das Gleichgewicht schien durch irgend etwas bedroht, bis zum Zerreißen gespannt...

Doch da wurde er jäh aus den Empfindungen der Harmonie gerissen. Der Gedanke an Cilydiel, sie selbst, war schuld. Allmählich verlangsamte er sein Tempo, bis er wieder bedächtig gen Westen wanderte. In Gedanken sah er ihr Bild... wie sie der Ocarina Töne und Melodien von unbändiger Schönheit entlockte, die große Schar, entspannt ihren Klängen lauschend, und um sie herum in einem Halbkreis die Weisen, deren zeitlose Augen freundlich und wie in Trance auf ihr ruhten... Selbst er konnte sich nicht des Drangs erwehren, ihren Liedern wenigstens etwas Aufmerksamkeit zu schenken - auch wenn ihm möglicherweise nichts ferner lag.
Ayndariel fühlte den Einklang nicht mehr mit solcher Intensität, seine Gedankengänge rissen ihn zu sehr davon weg.
Der Elf glaubte Haß in sich aufsteigen zu spüren, Haß auf Cilydiel. Bei Pyrdacor und Ometheon! Das bloße Bild ihres edlen und hübschen Gesichts ließ seine Seele von Zorn durchpulsen. Zwischen den Bäumen eines nahen Wäldchens sah er die blutrote Sonne den Horizont berühren. Er meinte, ein Beben zu spüren, doch stellte es bald als eine Sinnestäuschung heraus.
Er wandte sich nach rechts und begann, einen kleineren Berg zu ersteigen, von dem sich ihm ein fantastischer Blick auf die tiefer liegende Ebene bieten würde. Ayndariel kannte die Gegend, da er in letzter Zeit öfter Wanderungen nach Osten unternommen hatte, um sich, wie an diesem Tag auch, in entlegenen Hainen im Musizieren zu üben, was er dann häufig mit Meditation verband. Für einige Zeit lang allein sein, träumen. Und denjenigen entrinnen, die seine Künste so wenig zu würdigen verstanden. IHRE Schuld.

Nachdenken konnte er in der Abgelegenheit, über die seltsamen Ereignisse, die seit einiger Zeit auf dem Kontinent geschahen: die Unaussprechlichen im Süden waren zur Bedrohung geworden, aus dem fernen Nordwesten kam die Kunde von ganzen Heerscharen riesenhafter Gestalten, die Furcht und Schrecken verbreiteten. Überall traten die Rosenohrigen und Wildhaarigen und auch das Kleine Volk hervor und begannen, das Land mit erbitterten Schlachten zu überziehen. Die Drachen hatten angefangen, einen großen Krieg zu führen, der das Weltgefüge zu erschüttern drohte. Weltenbrand...
Alles stand vor einer Entscheidung, die über das Schicksal von ganzen Völkern bestimmen würde.
Selbst sein Volk wurde hineingezogen - die Idylle ringsherum täuschte, die Gärten des Südens schienen unangetastet von dem Schrecken.
Aber die Himmelsschiffe brachten Elfen aus den verwüsteten Gebieten zu ihnen, die Schlimmes zu berichten wußten, die Legionen seines Volkes waren in Bewegung.
Weise, große Zauberer und Feldherren versuchten ihre Geschicke klug zu lenken, und ihre mächtigsten Götter wurden um Hilfe angefleht: Orima, die weise Führerin, und Pyrdacor, der Herr der Elemente.

Auch von Cilydiels Gegenwart konnte er sich in den ruhigen Wäldchen für einen Tag lang befreien. Er hatte sie ohnehin klar abgewiesen. Gerade diejenige, die verantwortlich ist für sein Unglück, wollte den Bund mit ihm eingehen! Welch eine Ironie!
Er biß die Zähne zusammen und sah auf zum felsigen Gipfel des Bergs.
Nun hatte Ayndariel sie fortgeschickt, kühl abgelehnt, einen Teil seines Schmerzes auf sie zurückgeworfen, es ihr heimgezahlt. Im Geiste sah er ihre tiefgründigen blauen Augen vor sich, schimmernd, traurig, einen verzweifelten Geist hinter sich verbergend. Obwohl es ihm widerstrebte, konnte er nicht umhin, dabei einen Anflug von Genugtuung zu empfinden.
Bisher war ihm innerhalb von den Reihen der Seinen noch nie solch ein Meisterwerk, eine Ballade von so hoher Kunstfertigkeit gelungen, wie Cilydiel sie vorbringen konnte, um dann alle Zuhörer in ihren Bann zu schlagen. Ungewißheit über seine Begabung und über sich selbst hatte ihn gequält und tat es teilweise immer noch - doch in den letzten Tagen war es ihm gelungen, mehr und mehr die Harmonie zu fühlen, auch er hatte seiner Flöte Weisen von großer Schönheit entlockt. Aber es konnte sie niemand hören!
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als er abermals ein leichtes Erzittern des Bodens zu spüren meinte, diesmal zu deutlich für eine Sinnestäuschung. Es lag noch immer etwas in der Luft, ja, es umgab alles Lebende eine Aura der Anspannung und der Bedrohung - einer gigantischen Bedrohung. Aus der Ferne vernahm er Donnergrollen und unbeschreibliche Geräusche, vielleicht Stimmen...

Ayndariel hastete das letzte Stück zum Gipfel immer schneller hinauf, bis er nach einiger Zeit auf einen Pfad gelangte, der ihn um die schroffen Felsen führte. Noch ein kleines Stück...
Da kam er auf dem festen Vorsprung an, ein paar hundert Schritt in der Höhe. Nun bot sich ihm Blick über das gesamte Land, über viele, viele Meilen hinweg. Ein Wind frischte plötzlich auf. Was er sah, ließ ihn erstarren: die Jademauern und funkelnden Türme in der Ferne, undeutlich sichtbar vor den Strahlen der untergehenden Sonne, waren umringt, ja, geradezu umschwärmt von Heerscharen! Wie eine riesige Masse von Ameisen oder Heuschrecken wimmelte es von Kriegern und Monstrositäten, und nach Süden hin war kein Ende abzusehen, der Horizont schien sie auszuspeien.
Die Unaussprechlichen Echsen waren aus dem Bannland gekommen und griffen an, und mit ihnen waren seltsame humanoide Fischwesen, geschuppte Rösser mit großen Schwingen, die furchtbare Kämpfer auf ihren Rücken trugen, große gehörnte Wesen mit Schnäbeln und Tentakeln, riesenhafte Raubkatzen mit blutverschmierten Fängen und weitere Namenlose Wesenheiten aus anderen Welten, die schließlich sogar mit derselben Gewalt, die die Stadt vernichtete, zwischen den Unaussprechlichen wüteten. Drachen waren am Himmel und schafften Verwüstung mit ihrem alles verschlingenden Flammenatem.
Namenlose Ungeheuer und Drachen wandten sich gegen die Echsen, Echsen und Namenlose Ungeheuer wandten sich gegen die Elben!
Die blutgeschwängerten Winde des Krieges wehten über das Schlachtfeld, und von Himmel herabkommen sah Ayndariel die leuchtenden Schiffe seines Volkes herabkommen, die mit flüssigem Feuer Verwirrung in den Reihen der Feinde stiftete.
Wo blieb Pyrdacor in dieser Stunde!? Sonnenhelle Flammenkugeln und Blitze schossen über die Ebene, die von den Magiern der Unaussprechlichen beherrscht und gegen seine Stadt und die Legionen gewendet waren. Erneut wurde alles von einem lauten Donnergrollen erschüttert, und Ayndariel konnte nicht einmal sagen, ob es womöglich aus der Ferne kam. Denn hinter ihm, im nordöstlichen Horizont, strahlte gleißendes Licht auf, und der Himmel selbst schien zu brennen.

Jeder anderen Handlung unfähig, setzte der Elf sich auf seinem Aussichtspunkt nieder. Er besah stumm den tobenden Kampf.
Pyrdacor mußte sein Volk verteidigen - aber Ayndariel wußte nicht, ob die Drachen am Himmel ihm hörig waren. Sein Volk... Auch die Unaussprechlichen folgten dem Herrn der Elemente, sie verehrten denselben Gott! Konnte Neid ein solches Ausmaß haben, so zerstörerisch sein? Die Geschuppten trugen die Schuld. Doch sie wollten das Elbenvolk zerschlagen, die Schuld auf sie abwälzen...
Nein! Der wirkliche Verantwortliche war der Große Widersacher, Pyrdacors Feind seit langer Zeit, Famerlor geheißen, der Löwenhäuptige. Das zweite Aufeinandertreffen der Großen.
Als er auf die bestürmte Stadt sah, glaubte Ayndariel über dem Kampfeslärm Cilydiels Weinen zu hören... Cilydiel! Plötzlich erkannte er ihr Wesen und sein eigenes, Ungewißheit und Zorn verflogen.
Die Unaussprechlichen wollten sie beschuldigen, aber Neid und Haß steckten dahinter.
Er hatte Cilydiel beschuldigt, für sein zauderhaftes Wesen, seine Ungewißheit und deshalb schließlich dafür, daß man seine Künste verkannte. Sie hatte Erfolg, war beliebt - doch tatsächlich erkannte sie seine wahre Natur, feinfühlig und ebenfalls sehr begabt. Das, was er in sich selbst nicht gesehen hatte. Doch er projizierte zornerfüllt seine eigenen Fehler auf sie. Es jetzt sah er klar.
Ja, sie hatte seine gute Seite, sein musikalisches Talent als einzige erkannt und ihn deshalb geliebt, ihm den Bund angeboten, aber seine Antwort war die kühle Zurückweisung... aus Neid; er wollte einen Sündenbock finden! Und damit hatte er etwas in ihr zerstört, ihre Seele vergiftet. Durch seine Schuld, wußte er nun, würde sie dort unten sterben. Wie auch er bald. Sein eigenes Versagen und die Erkenntnis würde ihn binnen kurzer Zeit zugrunde richten. Matt schlang er die Arme um die Knie, das Bild ihrer großen blauen Augen im Geiste vor sich. Wie der See ohne Grund und Boden.
Ihre Augen, ihr Wesen hatte er nicht ergründen können... zuviel Neid und Grimm machten ihn blind. Sie sah das Positive in ihm - er haßte sie für die Schuld, die er auf sie laden wollte.
Nun scheiterte er daran, an sich selbst, erkannte seinen Fehler. Tränen traten ihm in die Augen, während er in den Himmel blickte. "Vergib mir", flüsterte Ayndariel.
Die letzten roten Strahlen der Sonne fielen schräg über die Schlacht vor Tie'Shianna. Rot wie Blut, viel vergossenes Blut.

Martin Bramkamp 1999

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