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Storii

I.

"Guten Tag, Miss Chang."
Liz blickte von ihrem Monitor auf und musterte den großen Mann im schlichten dunkelgrauen Anzug, der gerade den Raum betreten hatte. "Entschuldigen Sie..."
"Gotthelf Brenner ist mein Name", sagte er und hatte schon auf dem bequemen Stuhl vor dem Schreibtisch Platz genommen. "Ich komme im Auftrag der Europäischen Regierungszentrale."
"Was wünschen Sie? Ich weiß nicht..."
"Keine Sorge, Miss Chang, ich bin hier richtig. Sie sind doch die Vizechefin von Sektion D der Abteilung für globale Nahrungsverwaltung?"
"Äh...ja."
"Sehr gut. Es geht um eine äußerst heikle Angelegenheit."
Es gefiel ihr gar nicht, wie er sie mit seinen bedrohlichen eisgrauen Augen durchdrang. "Ach ja?"
"Ja. Um gleich auf den Punkt zu kommen: Ihre Regierung wandelt am Rande eines Nuklearschlags."
"Wie bitte?"
"Sie haben richtig verstanden... wenn sie nicht bereit ist, unseren Forderungen Folge zu leisten, werden wir mit anderen Mitteln durchgreifen müssen. Und das wäre doch schade - schließlich haben wir die letzten Tröpfchen Erdöl noch nicht genutzt, und die globale Erwärmung ist so schlimm nun auch wieder nicht."
"Verdammt, wovon reden Sie?" Liz kam die Sache nun langsam spanisch vor.
"Von einer Pizza Napoli mit Peperoni. Stanley Ortega, einer ihrer werten Diplomaten, hat besagte italienische Spezialität während seines Aufenthaltes in Rom genossen, ohne dafür zu bezahlen. Wir sehen das als einen dreisten Anschlag auf unsere Wirtschaftsstruktur an - eine solche Schwächung werden wir nicht ohne weiteres hinnehmen... es sei denn, Sie sind bereit, den Bedingungen unseres Ultimatums nachzukommen."
Ein paar Herzschläge lang war Liz sprachlos, bevor sie schließlich wieder ihre Fassung gewann, nun sichtlich aufgebracht. "Wie kommen Sie auf die Idee, MIR das zu erzählen?? Wieso wenden sie sich nicht an die Ministerien? Oder wollen Sie einen nicht so geschmackvollen Scherz machen?"
"Keineswegs, Miss Chang, dazu sind wir viel zu humorlos. Mit uns ist ganz und gar nicht zu spaßen! Doch natürlich haben Sie recht - es wurden bereits Gespräche mit der Worldlink Central geführt. Es wurde um eine Bedenkfrist gebeten, und die sind wir sogar bereit zu erfüllen. Aber Phoenix sollte nicht glauben, daß wir unsere Drohungen nicht wahr machen könnten!"
"Was verlangen Sie?" erwiderte Liz fast tonlos.
"Nun, Phoenix muß dem Eurolink Center den bewußten Betrag von 4,50 inklusive dem üblichen Verzugszinssatz von 5 % rückerstatten."
Liz nickte zögernd. "Ähh...also gut...wir werden uns darum kümmern..."
"Ich weiß, natürlich werden Sie." Brenner erhob sich. "Ihre Vorgesetzten werden Sie ohnehin noch informieren. Normalerweise führe ich mit so niedriger Stelle keine Gespräche, aber dies ist schließlich ein Ausnahmezustand. Entschuldigen Sie mich jetzt." In der Tür drehte er sich noch einmal um, ein diabolisches Grinsen erschien auf seinem harten Gesicht. "Zion sollte es nicht darauf ankommen lassen, Miss Chang." Und damit verschwand er.

II.

Von: Jack Oxford (JJ_Oxford@-SPAMSCHUTZ-WL-Center.com)
Datum: 08-05 16:29 TP 01.12 AP
An: Elizabeth Chang (lizzycat42@-SPAMSCHUTZ-WL-Center.com)
Betreff: ÜBERRASCHUNGG!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

YAHOOOOOOOOOOOOOOHAAAAAAAAAAAAAAHAAAAAAAAAAAAYOOOOOOOOOHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA
YABBBBAAADABBAAAADOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO YEHAAAAAAAAAAHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA

Liz scrollte noch einen Screen weiter, bis das Gejubel in der Nachricht aufhörte. Sie hielt an und las:

YEHAAAAA LIZZY HABS ENDLCIH GESCHAFTT!!!!!!!!!
KOMM RÜBER UND STAUNE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

JAAAACK

Sie grinste und schüttelte den Kopf. Ihr Lächeln verschwand jedoch bei dem Gedanken an den Besuch vor einigen Stunden sofort wieder. Aber sie dachte keine Sekunde daran, der Aufforderung in der Nachricht nicht nachzukommen. Schließlich würde sie etwas abgelenkt oder getröstet werden.

Liz hatte ihre Arbeit für heute getan und fuhr nach Hause, verließ ihre Wohnung allerdings gleich wieder, um eine Etage höher an der vertrauten Tür zu schellen. Zirka 911.700 Mikrosekunden später schnellte die Tür auf und Jack Oxford strahlte Liz dermaßen an, daß sie zunächst glaubte, er habe die Menge Champagner, die sie sonst manchmal zusammen tranken, allein verzehrt. Er stieß einen Jubelschrei aus, küsste sie und zog sie in die Wohnung hinein, während er die Tür mit dem Fuß schloß. "Sieh und staune, Liz!" sagte er orakelhaft und führte die lächelnde Liz dynamisch in das Arbeitszimmer zu einem Tisch, auf dem seine KI, drei Champagnerflaschen, davon zwei leer, sowie zwei passende Gläser standen. Der Bildschirm war überfüllt mit Ziffern.
"An diesem Tag, meine Damen und Herren", begann Jack feierlich, während er die beiden Sektgläser füllte und dabei ein Drittel der Flüssigkeit verschüttete, "muß die Geschichte der Mathematik neu geschrieben werden." Liz nahm verwirrt grinsend ihr Glas an, sie sah abwechselnd zwischen dem glücklichen Jack und dem Zahlenwust auf dem Monitor der KI hin und her.
"Es ist mir eine Freude, Miss Chang, Sie auf dieser Gala begrüßen zu dürfen." Er stieß mit ihr an und leerte sein Glas unverzüglich, wohingegen sie gespannt wartete und nur schluckweise trank.
"Sieh es dir an!! Dafür bekomme ich mindestens ZEHN Nobelpreise!" Es folgte eine wilde Geste auf den Monitor zu. "Was du hier siehst, ist... PI! Und zwar ALLE Stellen!!"
Nun klappte Liz' Mund weit auf, ihre Augen starrten Jack ungläubig an. "Da...All..."
"JA!! Ich habe, oder besser, meine KI hat alle Stellen ausgerechnet! Es sind ca. 74 Quintillionen. Damit habe ich die Existenz von irrationalen Zahlen widerlegt!! ENDLICH WIRD DIE MATHEMATIK WIEDER VERNÜNFTIG!! HAHAHAAAAAHAHAAAAAAAA!!!"
Sie war so verblüfft, daß sie sogar vergaß, ihren Champagner zu trinken, und Jack ihr den Mund mit einem Kuß schließen mußte. Kurz danach tänzelte er wieder lachend durch die Wohnung.
Erst zehn Minuten später hatte er sich weit genug beruhigt, um sich erschöpft zusammen mit Liz auf das bequeme Sofa zu setzen und heiser, aber zufrieden weiterzureden.
"Was für eine Ehre! Das ist mit Abstand der großartigste, genialste Erfolg, den ich jemals im Auftrag von Worldlink errungen habe." Er sah auf und strahlte Liz an, die sich offensichtlich mit ihm freute und ihn mit ihren kybernetisch sensibilisierten Händen streichelte. Die Berührung war leicht elektrisierend. Jack wurde aufmerksam. "Hm...ist was? Du hast doch irgendwas?"
Sie wirkte plötzlich sehr ernst und blickte abwesend auf den sommerwiesengrünen Teppichboden. "Es gibt Probleme in der Zentrale. Große. Ich muß Zion kontaktieren."
"Du musst WAS?" platzte er heraus. Nun wirkte sogar er nüchtern.
Liz sah ihn lange mit ihren geheimnisvollen Augen an, bis sie anfing, zu sprechen. "Wir haben uns in einen üblen politischen Konflikt hereingeritten, Jack. Einer unserer Botschafter wird beschuldigt, die gesamte europäische Wirtschaft zu sabotieren. Das hat schwerwiegende diplomatische Verwicklungen gegeben. Eurolink hat mit A-Waffen gedroht."
Jack schluckte und wandte den Blick langsam von ihr ab. "O Gott..."
Sie würde in den nächsten Monaten keine Pizza essen. Zumindest nicht in den nächsten Wochen. Vorausgesetzt, sie überstanden das alles.
"Verdammt, können die denn nicht etwas vorsichtiger sabotieren..." Jacks Stimme klang verbittert und keineswegs mehr fröhlich.
"Nun muß ich Zion anrufen und das Schadensersatzgesuch weiterleiten..."
"Aber wieso DU?"
"Es fällt in meinen Bereich. Es geht um Pizza."
"Oh. Aber, verdammt, du bist doch nicht die Verantwortliche!"
"Der Chef von Sektion D hat heute Selbstmord begangen - und alle inneren Ratsmitglieder und Politiker schieben mir die Vermittlerrolle zu."
"Was?? Diese korrupten Schweine!"
"Hmm..."
Kurze Zeit später ging Liz in ihre Wohnung, müde und verängstigt.

III.

06-08 10:00 Tempore Phoenicis
01.12 Anno Phoenicis
2045 Anno Domini

Der Kontakt zu Zion war hergestellt. Liz schluckte, der Schweiß lief ihr in Strömen herab. Plötzlich bekam sie einen Schreck, als sich der Nervenstimulator an ihrer Konsole einschaltete. Einen Herzschlag später fiel ihr unangenehm ein, daß eine Verbindung mit Zion immer auch neurotisch war - eine üble Kontroll- und Beherrschungsmethode. Das Joch des Sklaven.
Der Monitor wurde schwarz, das Bild wurde statt dessen direkt in ihren Geist geschaltet.
Mit dem Geräusch einer kurzen donnernden Sturmbö erschien vor ihrem geistigen Auge eine schimmernde glatte Metalltür, ein markerschütterndes metallisches Geräusch, das sie zusammenzucken ließ, ertönte zusammen mit einem Lichtblitz, als genau mittig auf dem Schlitz zwischen den Türflügeln wie ein Siegel das stilisierte Zeichen von Phoenix erschien: der humanoide, sich aus Flammen erhebende Vogel, der in der einen Hand eine Waage, in der anderen ein Schwert hielt. Unter dem rund umrahmten Zeichen der ebenfalls kalt schimmernde Schriftzug:
SENATUS POPULUSQUE TERRANUS
PHOENICI TERRA ATQUE PHOENIX TERRAE
Sie fühlte sich leicht elektrisiert, dazu wurde sie von einer unbegreiflichen Beklemmung erfaßt. Dieses zu extreme Gefühl mußte stimuliert sein, obwohl sie auch so genug Angst gehabt hätte.
Man hatte sie unterrichtet: sie hatte jetzt die Gründe ihres Audienzgesuches und den Zugangscode anzugeben. Sie tat dies im Geist, ohne laut zu sprechen, worauf Symbol und Schriftzug genauso verschwanden, wie sie aufgetaucht waren, und beide metallenen Türflügel sich rasch mit einem wohltönenden, aber lauten Geräusch auseinander schoben. Nervös berührte sie unbewußt die Kabel, die in ihre Schläfen und hinter ihre Ohren führten.
Hinter der Tür erschien ein gänzlich weißer Saal, in dem gut sichtbar ein großer imposanter Mann in einem violetten Gewand stand. Liz erschauerte, oder wurde erschauert. Der Mann war sehr nahe.
"Ich...äh...ich grüße Sie, Mr. Chirac."
"Senator Chirac!" Er hatte eine sonore, einschüchternde Stimme, die ständig echote.
Sie fühlte unmittelbar einen kleinen Schock, zum Glück nur kurze Zeit.
"Verzeihung, Senator. Ich...ich..."
"Ich weiß, warum Sie um eine Audienz gebeten haben, Beta BBD-42. Und ich gebe unsere klare Antwort auf die Fragen der Worldlink Central: Die unumschränkte Hoheit von Phoenix wird sich nicht herablassen, den niedrigen und minderen Forderungen der Pseudoregierung Europas nachzugeben. Zion verfügt über Mittel, die sich die Eurolink Central nicht ausmalen kann.
Worldlink Central wird keinem Gesuch nachkommen." Die letzten Worte sagte er mit solch einem Nachdruck, daß Liz erschauerte. "Ich werde die Unterredung mit Ihnen nun beenden, Beta BBD-42; Zion wird sich zum Inneren Rat von Worldlink durchschalten."
Bevor Liz reagieren konnte, glitt die metallene Tür wieder vor ihrer Nase zu, klackte abscheulich, als die beiden Flügel sich in der Mitte trafen, Siegel und Schriftzug der Weltregierung erschienen wieder auf der Barriere.
Sofort loggte Liz sich aus dem Netz aus und schaltete den Stimulator ab.

IV.

Am selben Tag, dem 6. August 45, 12 nach der Phoenikischen Zeitrechnung, einem Sonntag, geschah es.
Fünf Sekunden nach der kurzen Vorwarnung feuerte Phoenix von Zion aus einen hochbeschleunigten Antineutrinostrahl auf die Erde, genau auf die bewußte Pizzeria. 47 Zuchtmuscheln fanden den Tod, obwohl sie noch Tage bis zum Ende auf einer Pizza Verdemare hätten leben können. Die Pizzeria war völlig vernichtet.
Als die Senatoren Eurolink mit wenigen Worten klar machten, daß Phoenix den Antimateriestrahl genauso gut auf den schönen Brunnen bei der Pizzeria, auf alle anderen schönen Brunnen in Europa samt den dazugehörigen Städten und auf das Eurolink Center gleichzeitig hätte richten können, lenkten seine Politiker überraschend schnell ein.
Zusätzlich platzierte die Worldlink Central noch einige Mech- und Panzereinheiten in Italien, Westrussland und Westeuropa, um die Regierung zusätzlich ein wenig einzuschüchtern.
Eines Tages würde sie ohnehin unter der Kontrolle von Phoenix sein.

V.

Liz sah aus dem Fenster der Aeterna-757 und überschaute das weitläufige Industriegebiet mit den unzähligen FCKW-Fabriken. Diese pumpten aus Hunderten von gigantischen Schloten frisch produzierte Fluorchlorkohlenwasserstoffe in die Luft, um die lästige Ozonschicht zu eliminieren, welche Strahlenwaffen und Kommunikation von Zion beeinträchtigte. Liz warf einen prüfenden Blick in ihre Reisetasche. Gut. Die Sonnencremeflasche war eingepackt. Lichtschutzfaktor 64 reichte aus. Sie hatte die widerstandsfähige Haut von ihrer Mutter geerbt. Schade, daß die Arme inzwischen an Hautkrebs gestorben war.
Und schade, daß Liz gezwungen war, New York zu verlassen. Wieso, wußte sie nicht genau; nur, daß sie nach Canberra versetzt wurde. Selbst Jack mußte sie zurücklassen. Aber was blieb ihr anderes übrig... Immerhin hatte sie einen Abschiedsbrief hinterlassen und angeblich noch den letzten Tag mit ihm verbracht, aber daran konnte sie sich nicht erinnern. Man hatte offensichtlich unsauber gearbeitet, als ihr gestern der Zugangscode zum Zion-Netz wieder aus dem Gedächtnis gelöscht worden war.
Schließlich lehnte sie sich bequem zurück, um ein wenig zu schlafen. Gerade fiel ihr ein, daß sie auf dem Weg nach Australien Mikronesien überfliegen würden, jenen Ort, von dem sie in ihrer Jugend immer geträumt hatte. Inzwischen war der pazifische Inselstaat zu einem Haufen Bohrinseln verarbeitet worden. Schade.
Ab und zu kam sie auf die Idee, darüber nachzudenken, ob man der Erde nicht vielleicht mit all dem schadete. Aber was der Wille von Phoenix war, konnte nicht falsch sein...

Martin Bramkamp 1999

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