Sikaryanayrakis
Episode 0: Gaias Schrein

Eines Tages stand er vor ihnen, einfach so, plötzlich und völlig unerwartet.

Sie waren gerade eben noch guter Dinge durch den Wald gewandert, Praiodan und Rahjane, die beiden Zwillinge aus dem Weiler Kamra-Nandu. Im zarten Alter von fünfzehn Götterläufen hatten sie sich vor zwei Tagen auf den Weg in die Ferne gemacht, bewaffnet mit Anderthalbhänder beziehungsweise Speer, um Schurken zu verprügeln, Gold zu kassieren und einfach die Welt mit all ihren Möglich- und Unmöglichkeiten, vielleicht auch den Kaiser zu sehen.

Mit so was hatten sie jedoch nicht gerechnet. Zumindest jetzt noch nicht. Darum waren sie fast zu überrascht um erschreckt zu sein. Aber nur fast.

"Bei Praios!" stieß Praiodan hervor.

"Bei Rondra!" stieß Rahjane hervor.

"Bei Pyrdacor!" stieß der Drache hervor.

Wie ein Gott wirkte er auf sie, der gigantische Leib mit den alles überschattenden Schwingen größer als ein Haus, die Schuppen strahlender und goldener als die Abendsonne, deren Rot einen prächtigen Kontrast zum leuchtenden Grün des dichten Grases bildeten.

Über ihm kreiste unablässig ein Schwarm musizierender bunter Vögel, die eine regelrechte Krone für ihn bildeten.

Es fiel ihnen auf, daß die Lichtung in dem kleinen Tal von riesigen Mammutbäumen beherrscht wurde, gegen die jeder noch so hohe menschliche Turmbau ein Witz war. Am Rand der weiträumigen Fläche wuchsen kleinere Bäume und andere Pflanzen so dicht und hoch, daß man guten Gewissens von einer lebenden Mauer sprechen konnte, die von außen keinen Blick auf das Sanktuarium freigab, geschweige denn einen Durchgang.

Die beiden Zwillinge konnten für einige Sekunden nur das Wesen in fünfundzwanzig Schritt Entfernung vor ihnen anstarren, wie gebannt vor Überraschung und Ehrfurcht.

Aber auch der Drache schien überrascht. "Menschen", grollte er mit einer Stimme, die wie vom Donner geraubt klang.

"Ein...ein...", stammelte Praiodan hilflos.

"Sieh an, sieh an... na dann tretet näher!"

Als die beiden, nun beinahe starr vor Angst, mit erhobenen Waffen zögernd auf den Lindwurm zuschritten, bemerkten sie, daß sich hinter ihnen das durch zwei Bäume begrenzte Portal zur Lichtung in Sekundenschnelle undurchdringlich mit Ranken und Buschwerk verschloss. Sie waren gefangen.

"Oh nein", flüsterte Rahjane, "was nun?"

"Wir werden schon irgendeinen Ausweg finden."

Die Vogelschar verstummte mit einem Mal, umschwirrte das riesige Wesen jedoch weiterhin.

"Ihr habt außergewöhnliches Glück, hier zu sein... und nebenbei seid ihr wohl auch etwas Besonderes..."

Der Drache ließ seinen geschuppten Kopf an dem langen Hals ein Stück zu ihnen heruntersinken. "Oh... ihr seid ja noch sehr jung! Kinder."

"Wir sind fünfzehn Sommer alt!" riefen die beiden synchron.

Das Ungeheuer vor ihnen lachte. "Ich komme weit über das hundertfache hinaus, ihr Würmer. Aber entschuldigt, daß ich mich nicht vor Ehrerbietung niederwerfe."

"Wir haben keine Angst es mit dir aufzunehmen!" entgegnete Praiodan trotzig. "Du wirst dich noch wundern."

Seine Schwester hielt ihre Speerspitze in Richtung des Drachenkopfes. "Mein Bruder und ich wollen nämlich als ‚Praiodan und Rahjane die Drachentöter' berühmt werden, du Ungetüm!"

"Verzeihung... ich vergaß, daß es bei Menschen üblich ist sich vorzustellen. Ich heiße Arnigmaras. Mich und meinesgleichen nennt ihr wohl ‚Kaiserdrachen', obwohl ich die Bezeichnung ziemlich unziemlich finde. Was ist so ein mickriger Kaiser denn schon im Vergleich mit unsereinem!"

"Wir werden die Länder des Kaisers von Gesindel und Ungeheuern wie dir reinigen! Und reich werden wir dabei auch noch!"

"Aha, ihr seid also auf Gold aus? Da muß ich euch enttäuschen. Von mir bekommt ihr garantiert nichts."

"Ein toter Drache kann seine Reichtümer nicht mehr beschützen, oder?"

"Praiodan", raunte Rahjane ihrem Bruder zu, "aber wie wollen wir denn jemals mit einem Kaiserdrachen fertig werden?!"

Praiodan schwitzte, obwohl es auf der Lichtung eigentlich angenehm kühl war. "Scht! Vielleicht können wir ihn überlisten..."

"Ich glaube", ergriff der Drache das Wort, als könnte er Gedanken lesen, "ihr macht euch keine Vorstellung von meiner Macht. Ich könnte euch von einem Moment auf den anderen einäschern oder mit einem einzigen Wort dazu bewegen, vor mir niederzuknien."

"Ha!" Rahjane war nun zornig, trotz ihrer Angst. "Da sterben wir lieber!"

"Und unser Blut wird nicht alleine fließen!" ereiferte sich Praiodan. "Komm, Schwester!"

In gemeinsamem Todesmut stürmten sie beide mit Gebrüll auf Arnigmaras los. Der rührte sich nicht und beobachtete in aller Gemütsruhe, wie das Mädchen mit dem Speer und ihr Bruder mit dem großen Schwert zustieß. Die Waffen durchdrangen das Schuppenkleid des riesigen Drachenleibs kaum. Nach wenigen Hieben hielten sie bereits keuchend und verzweifelt inne. Langsam zogen sie sich wieder zurück, den Blick ständig auf Arnigmaras gerichtet.

"Seht ihr nun, wie sinnlos euer Widerstand ist? Ich muss als Wächter des Heiligtums ja auch einiges drauf haben."

"Heiligtum?" wiederholten die Zwillinge.

"Ja. Ich bin der Hüter des Waldes. Diese Baumriesen hier um uns sind die Eltern aller Pflanzen. Der grösste, hinter mir, ist Gaia, Tochter Sumus. Ich beschütze sie, und sie unterstützen mich mit unermesslichen Kräften."

"Wirklich?" Sie waren atemlos.

"Grosser Reichtum liegt hier verborgen, in jeder Hinsicht. Doch das versteht ihr nicht. Dennoch müßt ihr Auserwählte sein, als zwei der wenigen Menschen, die jemals diesen Ort betraten."

Darauf wußten sie keine Antwort, statt dessen sahen sie sich nur stumm an.

"Es ist eine Schnittstelle zu Energie und Vergangenheit. Feen und Lichtelfen nutzen diesen zeitlosen Ort als Kraftquelle und Brücke zwischen den Welten."

"Verstehen wir nicht ganz", erwiderte Rahjane, "hört sich aber fantastisch an."

"Vor allem ‚Großer Reichtum' klingt gut...", hängte Praiodan im Flüsterton an.

"Endlich ist mal jemand da, dem ich das alles erzählen kann", freute sich Arnigmaras. "Mancherlei Kräfte mögen einem Menschen dazu verhelfen, diesen Ort zu finden. Jener dort fand ihn aus Verzweiflung." Der Drache wies mit seinem Kopf nach oben, und die Zwillinge folgten seinem Blick.

In luftiger Höhe hing etwas, jemand, zwischen den unteren Ästen der Mammutbäume in einem spinnennetzartigen Gewebe gefangen. Rahjane runzelte die Stirn.

"Es ist Gattbar, einer eurer Artgenossen, der wie ihr einen Eingang in dieses Sanktuarium fand. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie ich vergessen konnte, die Öffnung nach seinem Eindringen zu schließen, jedenfalls seid ihr deshalb nun auch hier."

"Was ist mit ihm?" erkundigte sich Praiodan.

"Die Schattenschleier halten ihn in Träumen gefangen. Gattbar wollte weg von den Menschen und fand mit Hilfe seines Medaillons hierher."

"Ein magisches Medaillon?"

"Seine Geliebte starb, bevor er Gelegenheit hatte sie zu küssen. Er erzählte mir, ihre Seele begleite ihn in dem Medaillon bis zu seinem nahen Scheiden aus der Welt, damit sie sich bald wiedersehen könnten... an einem anderen Ort..."

"Oh..." Rahjane fühlte Trauer. "Willst du ihn töten?"

"Das ist das übliche Schicksal jedes Sterblichen, der diese Lichtung betritt. Für ihn ist es Erlösung."

"Jedes Sterblichen?" schrie Praiodan herauf. "Arnigmaras! Entweder entkommen wir von hier oder wir nehmen dich mit in den Tod."

Der Drache funkelte sie an und murmelte zornig vor sich hin. "Begreifen die denn gar nichts...?"

"Wir wollen Gattbars Schicksal nicht teilen!" rief Rahjane verzweifelt.

"Ihr Würmer", donnerte Arnigmaras, "kapiert ihr nicht, daß ihr gegen mich keine Chance habt? Ich gebe euch eine Kostprobe..." Plötzlich senkte er seinen Kopf gefährlich nahe zu dem Jungen herunter, der wie erstarrt war. Seine Augen leuchteten kurz und hell auf wie Juwelen, als er mir ruhiger Stimme sprach: "Nun bring es zu Ende, Praiodan. Töte deine Schwester!"

Entsetzt beobachtete diese, wie sich ihr Bruder langsam auf sie zuwandte. Sein Gesicht verriet nichts, aber in seinen Augen konnte sie ein Gefühlsmeer tosen sehen. "Es tut mir Leid, Rahjane." Dann konnte sie gerade noch dem auf sie herabsausenden tödlichen Bastardschwert entweichen.

"Praiodan, wieso tust du das?? Ich bin es doch! Hör nicht auf den verdammten Drachen!"

Ohne Antwort zu geben lief Praiodan hinter ihr her und schlug wieder und wieder mit seinem Schwert nach ihr. Sie konnte froh sein, schon immer ein bißchen schneller als er gewesen zu sein. So konnte sie seinen Schlägen stets ausweichen, zumal ein Speer leichter ist als ein Anderthalbhänder. "Bitte", keuchte sie beim Rennen immer wieder, "laß das doch sein!"

Plötzlich strauchelte Praiodan über sein Schwert und überschlug sich am Boden. Unentschlossen hielt Rahjane inne und beobachtete aus sicheren drei Schritt Entfernung misstrauisch ihren reglos im Gras liegenden Bruder. Glücklicherweise hatte er sich mit der langen Klinge nicht verletzt, die er nun nicht mehr in der Hand hielt, aber sie traute sich nicht die Waffe aufzuheben. Womöglich würde Praiodan plötzlich hochschnellen und sie aufspießen. Was hatte Arnigmaras nur mit ihm angestellt...?

Der Drache schnaubte laut, was Rahjane neben dem Schreck auch einen unangenehmen Schwall heißer Luft einbrachte, und starrte den Jungen an. Während dieser sich stöhnend aufrichtete, wandte Arnigmaras den Kopf dem Mädchen zu. "Flink bist du, das muß sogar ich anerkennen. Aber dein Bruder ist auch nicht schlecht." Gerade hatte Rahjane den Mund aufgemacht, da fügte er noch hinzu: "Er ist wieder völlig normal - oder wenigstens so wie vorher..."

Erleichtert schluckte Rahjane ihre zornigen Worte - fürs erste - hinunter und kniete sich neben ihren Bruder, den Drachen jedoch ständig im Blick. "Bist du in Ordnung?"

"Ich...ughh...ich...denke schon...", antwortete er, während er im Gras saß und sich stöhnend eine Beule am Kopf rieb.

"Du hast großes Glück, Mädchen! Verstehst du jetzt, womit du dich anlegst?"

"Du bist hinterhältig und gemein! Die Götter sollen dich strafen!"

"Die Götter? Hahaha... auch sie können den Mächten des Schicksals nicht entgehen, die von Sikaryan und Nayrakis geformt werden. Aber... in euch fühle euch eine besondere Kraft... ihr wandelt auf einem besonderen Faden des Schicksalsnetzes."

"Was... was soll das heißen?" fragte Praiodan, der sich schwerfällig aufgerichtet hatte.

"Ihr sollt eure Freiheit bekommen..."

Die Zwillinge aus Kamra-Nandu machten zuerst große Augen, dann grinsten sie sich an und lachten.

"...wenn ihr meine kleine Probe besteht."

Autsch!

"Was verlangst du noch?" riefen die beiden, wieder misstrauisch.

"Seht mal nach oben."

Hoch oben, weit über der eingesponnenen Gestalt des armen Gattbar, flogen einige Wesen zwischen den unteren Teilen der Baumkronen umher. Fernes Gekreische tönte zu den Menschen hinunter.

Erschreckt sahen sie auf. Rahjane verengte die Augen zu Schlitzen. "Was ist das?" flüsterte sie verängstigt.

"Hmmm..."

Die Kreaturen kamen auf ihren kreisförmigen Flugbahnen Sumus festem Leib rasch näher, wodurch ihre wahre Größe immer klarer wurde. Es waren vielleicht zehn, alle mit lederartigen Flügeln und mehreren zusätzlichen Gliedmaßen bestückt.

"Baumdrachen! Oh nein", entfuhr es Praiodan, "die Teufel aus den umliegenden Wäldern, die sich über alles und jeden hermachen!"

"Oje... was nun?"

Beide umschlossen todesmutig ihre Waffen und erwarteten die Ankunft der Drachenwesen...

Arnigmaras vor ihnen entfuhr ein lustvolles Grollen, als auch er seinen Kopf nach oben reckte.

"Praiodan!" raunte das Mädchen aufgeregt. "Laß uns versuchen, durch das Unterholz da zu entkommen!"

Kurz entschlossen nickte er und spurtete mit Rahjane zu dem grünen Portal, wo ihnen scheinbar undurchdringlicher Pflanzenwuchs immer noch den Weg versperrte.

"Ihr wollt davonlaufen? Seht der Wahrheit ins Auge!" Der mächtige Kaiserdrache sah erneut zu seinem Baumdrachenschwarm auf, als die Geschwister anhielten und sich erschrocken umdrehten.

Die Kreaturen rasten im Sturzflug auf Gattbar zu und machten sich mit ihrem ohrenbetäubenden gierigen Geschrei über ihn her.

Rahjane wendete sich wimmernd ab, Praiodan schaute mit leerem Blick auf die Horde der Baumdrachen, wo sich irgendwo zwischen flatternden Schwingen, reißenden Klauen und schuppigen Leibern Gattbar befinden mußte.

Noch bevor es zu Ende war, fiel etwas, klein und unscheinbar, zwischen den Geschwistern ins Gras. Beide sahen gleichzeitig dorthin und fanden ein goldenes Medaillon an einer sorgfältig geschmiedeten Kette.

Doch erst als sich der Lärm in Stille gewandelt hatte und von den unteren Ästen der Baumgiganten nur noch ein paar Überreste des Schattenschleiers herabhingen, griff Rahjane, die ohnehin schon auf dem Boden saß, nach dem Schmuckstück.

Arnigmaras beobachtete sie stumm, während die Baumdrachen bedrohlich über dem Sanktuarium kreisten. Die Vögel waren nicht mehr zu sehen.

Eine Goldscheibe, in dessen Vorderseite ein Regenbogenstein eingebettet war. Das Mädchen fand ihn hübsch, ihr gefiel die gesamte Medaille in ihrer schlichten Schönheit. Unter dem Stein war der Name E L E K T R A eingraviert.

Praiodan sah seiner Schwester über die Schulter und ließ sich ebenso von dem Gegenstand in Bann schlagen.

"Gattbar trug es mit sich. Nun sollt ihr es in die Freiheit mit euch führen. Euer Schicksal."

Wortlos blickten die Menschen zu dem rotgolden Drachen auf, dann sahen sie sich an. Deutlich hörten sie, wie das Gestrüpp hinter ihnen einem Ausgang wich.

Rahjane erhob sich.

Sie schloß die Augen und ihre Hand um das Medaillon.

"Na dann noch viel Glück auf eurem speziellen Pfad..."

Martin Bramkamp 1999

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