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Sublevel
Zwischen CeBIT, Sex und neuraler Vernetzung
stellt sich die Frage nach sozialer Verantwortung

Die CeBIT war so sinnlos wie immer.

Hannah saß an einem Demonstrationsterminal und gab vor sich für die Software zu interessieren. Tatsächlich spähte sie auf den Nachbarstand. Janus präsentierte dort die neuesten Entwicklungen in der Systemzugangs- und Verschlüsselungstechnik. Auch für die Zutrittskontrolle boten sie alljährlich marktführende Lösungen an. Es war ein Witz, daß Janus hier war. Die ganze Messe war ein Witz.

Spätestens mit dem Jahrtausendwechsel hätte die CeBIT zugrunde gehen müssen. Gedacht als zentraler Handelsplatz der Computerindustrie hätte die Verbreitung der Datennetze ihre Existenz zerschlagen müssen. Welchen wirtschaftlichen Grund gab es denn noch ein Unternehmen durch die halbe Welt zu verschiffen und in Messebauten zu präsentieren, deren schnellebige Substanzlosigkeit nur allzu offensichtlich war? Digitale Konferenzen und Märkte hatten den ursprünglichen Sinn längst untergraben.


Henning Ludvigsen (mehr Bilder)
Stattdessen beweihräucherten sich die Menschen hinter ihren Produkten, bildeten ein kollektives Schulterklopfen auf die Errungenschaften ihrer Zunft. Getarnt als Marketingmaßnahme gab man sich den offiziellen Rahmen für ein gewaltiges Balz- und Imponierritual, das kaum den Augenblick erwarten konnte, in dem die Messetore geschlossen wurden. Auf den abendlichen Standfeten würde es seinen Höhepunkt erreichen.

Hannah fand es widerlich. Trotzdem spielte sie mit.

Bei Janus versammelte sich allmählich die Standmannschaft. Offenbar liefen die letzten Presse- und Kundengespräche. Hannahs fand nicht, wen sie suchte.

Sie erhob sich, wandte Janus den Rücken und wanderte den Gang entlang. Das Publikumsgedränge löste sich allmählich auf. Noch eine halbe Stunde bis Torschluß. – Vielen reichte der Lärm, die ständige Bewegung, die Reizüberflutung. Sie machten sich auf den Weg nach draußen. Vorbei an den Sicherheitsanlagen der Firma Janus, die auch das Messegelände Hannover vor den virtuellen und körperlichen Realitäten außerhalb bewahrte.

Hinter den Janus-Wällen zu leben bedeutete die soziale Degradierung. Ohne den Zugriff auf die höheren Informationslevel war es unmöglich Bildung oder Qualifikation zu erhalten, nicht einmal zu bewahren. Auf dem Sublevel – der kostenlosen Ebene – lag das berufliche Abseits. Hier gab es nur bescheidene Informationsqualität. Aber ohne ausreichende Finanzmittel war ein Leben in den beiden oberen Leveln nicht möglich.

Die Spirale besiegelte sich selbst. Hannah Mensen war bis vor drei Jahren eine viel versprechende PR-Assistentin gewesen. Die Ausbildung hatte sie und ihre Eltern eine Menge Geld gekostet. Die Anfangsinvestitionen waren enorm. Kleidung, Marktbeobachtung, aktuelle Stellenangebote – alles Leistungen, die dem obersten Level entsprechen mußten. Irgendwann war die Finanzierung zusammengebrochen. Die Bank hatte keinen weiteren Kredit gegeben. Den Lebensstil, den Hannah brauchte, um ihren Beruf auszuüben, hatte sie nicht halten können.

Von da an war sie abwärts getrudelt. Schnell war die Talsohle erreicht. Sublevel.

Ihre Eltern konnten ihr nicht helfen. Sie standen selbst auf unsicheren Beinen. Repräsentierten mehr als sie hatten um das Wenige zu behalten. Außer einen warmen Mahlzeit und gelegentlichem Zugang in die Netze konnten sie ihr nichts geben.

Daß Hannah jetzt wieder auf dem obersten Niveau unterwegs war, hatte nichts zu bedeuten. – Sie war ein Fremdkörper, ein Späher, mit etwas Glück ein Virus. Obwohl sie ihnen schaden wollte, beneidete sie die Menschen hier. Sie hatten alle Möglichkeiten. Sie konnten nach Geschmack und Fähigkeit wählen. Der Rest der Welt konnte es nicht, aber man beurteilte die Sublevel als gäbe es diese Grenzen nicht. Als wären alle, die auf kostenlose Information angewiesen waren, lediglich zu faul oder zu dumm zur Leistung.

Informationsrassismus. So war das 21. Jahrhundert.

Manchmal fragte sich Hannah, ob die Idee jenes alten SF-Klassikers so schlecht sei. Wenn alle in Wohlstand leben würden, wenn jeder von den Angeboten der Gesellschaft nehmen könnte, was er brauchte, wäre es nicht angemessen hierfür am 30. Geburtstag hingerichtet zu werden? – Wäre Hannah noch jünger, hätte sie vermutlich mit Ja geantwortet. Heute hatte sie nur noch acht Monate bis dahin. Das relativierte Einiges. Auch die sich selbst erzwingende finanzielle und soziale Verarmung hinter den Grenzen von Firmen wie Janus.

Nervös warf sie einen Blick auf den Messestand und entdeckte endlich ein vertrautes Gesicht. Die 3D-Aufnahmen, die sie sich eingeprägt hatte, ließen keinen Zweifel. Sie zog Hannah ihr Kostüm gerade, wünschte sich Frisur und Make-up zu kontrollieren. Statt dessen ließ sie alles wie es war. Zu viel Sorgfalt wäre auffällig. Ein wenig mitgenommen sollte auch sie nach einem Messetag aussehen. Der blaue Stoff von Kleid und Blazer fiel ordentlich, wenn auch nicht mehr bügelglatt. Ihr Haar war bestimmt noch in Ordnung.

Zielstrebig betrat sie das Gelände von Janus.

Kamerafahrt mit dem Hubschrauber im Kreisflug über die Hannovermesse. Menschenmengen, die von Halle zu Halle eilen. Schnitt. Menschenmengen, die in einem Inferno aus Leuchtröhren, flackernden Bildschirmen eine Kakophonie des Gebrabbels singen – ausgeblendet von der Stimme des Korrespondenten.

"Die diesjährige CeBIT stellt wieder einmal alle Maßstäbe in den Schatten, die sie in den vergangenen Jahren selbst errichtet hat. In dreiundvierzig Hallen werden 1,4 Millionen Besucher erwartet. Die Produktpalette reicht von weiterentwickelten Neuro-Interfaces zu Prototypen der Highend-Forschung."

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Dreidimensionale Animation zur Darstellung der Plazierung von Gehirnimplantaten. Simulation der Signalwege sensorischer Wahrnehmung über die Nervenkanäle mit und ohne die Nutzung der Implantate.

"Die Verbreitung der Neuro-Interfaces hat in den letzten Jahren so stark zugenommen, daß die Bezeichnung NIFs Eingang in alle Sprach- und Bildungsschichten gefunden hat. Tatsächlich sind sie über den Horizont der technischen Entwickler entwachsen und haben sich zu gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen entwickelt, wie zuvor die Polymer-Computer.

Experten vermuten, daß sie die Nutzung der Datennetze revolutionieren werden. Die hohen Anforderungen an Übertragung und Selektion stellen die bisherigen Netzwerke vor erhebliche Schwierigkeiten und werden vermutlich die Einführung eines neuen Datenlevels über der bisherigen oberster Ebene nach sich ziehen.

Die Anfangsschwierigkeiten der NIFs sind längst behoben. Die Wiedergabequalität hat Realitätsniveau. Die Sicherheitssperren reagieren auf psychische Belastungen und verhindern so fremde Zugriffe auf die neurale Struktur. Der Übertritt elektronischer Viren in das menschliche Gehirn wird standardisiert durch ein Tool der Firma Janus verhindert, die sich auch in anderen Sicherheitsbereichen hervorgetan hat..."

Mit der neuen Eroberung an seiner Seite saß Wolfgang Bender im Hotelshuttle. Sie unterhielten sich über Belanglosigkeiten, scherzten ausgelassen. Der geschäftliche Anteil ihres Gesprächs, die Fragen zu Janus' neuen Sicherheitslösungen waren schnell von persönlichen Worten in den Hintergrund gedrängt worden.

Die wechselseitigen Signale hatten Wolfgang veranlaßt sie auf die Standfeier zu bitten. Bei ihm untergehakt hatten sie aber bald den Lärm verlassen und fuhren nun in sein Hotelzimmer. Er spürte nicht einmal Stolz die hübsche Informationsassistentin für sich gewonnen zu haben. Nur Genugtuung. Er kannte seine Wirkung auf Frauen.

Draußen im Dämmerlicht zogen verschiedene Hotelgebäude und Klubs vorüber. Mit der rasanten Erweiterung des Messegeländes waren die Wohngebiete und Campingplätze verschwunden, die einmal hier gewesen waren. Dieser Teil Hannovers konzentrierte sich auf seine Kernkompetenzen: Messegäste und Aussteller.

Der Wagen bog in eine Einfahrt und hielt auf dem Shuttleparkplatz. Die Türen öffneten sich. "Nach Ihnen", sagte Wolfgang und ließ der Frau den Vortritt. Sie lachte. "Da Sie offenbar ein Gentlemen der alten Schule sind, werden Sie mich wohl noch in die Bar führen wollen, oder?"

"Wenn ich ehrlich bin, Frau Mensen, ..." Er führte sie zum Eingang des Hotels. "...ist mir nach einem Tag Standdienst jegliche Lust auf Kaffee oder Cocktail vergangen. Und die Unruhe einer Bar lockt kaum noch."

Sie einigten sich förmlich einen angenehmeren Ort, wie etwa sein Zimmer, aufzusuchen und dort den Abend ausklingen zu lassen. Als die Fahrstuhltür sich schloß und sie das erste Mal alleine waren, legte sie den Arm um ihn. Wolfgang zog sie heran und lächelte zu sich selbst.

Er wußte nicht, wann es ihm das letzte Mal mißlungen war ein Ziel zu erreichen. Schule und Studium hatte er konsequent und erfolgreich hinter sich gebracht, war als diplomierter Kommunikationsinformatiker in ein Softwarehaus eingestiegen und hatte sich allmählich bis zu Janus hochgearbeitet. Inzwischen war er stellvertretender Leiter der Verschlüsselungsentwicklung und hatte auf seinem Weg mitgenommen, was man brauchte um als glücklich zu gelten: das NIF schon vor Jahren, später dann Ehefrau und elitäres Sportstudio. Daß Hannah Mensen diese Nacht ihm gehören würde, rundete das Bild ab. Für eine Weile zumindest.

Sie war schlank und das Trägerkleid, das viel Haut und Schultern zeigte, bildete einen kräftigen Kontrast mit ihrem dunklen Haar. Ihr Parfüm war dezent genug aufgetragen, um sich mit ihrem eigenen Duft zu verweben, und Wolfgang war sicher, daß er Letzteren bald sehr viel intensiver wahrnehmen würde.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Er führte sie zu seinem Zimmer und ließ sie hinein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Er hängte sein Jackett auf einen Haken. Sie legte ihren Blazer über einen Stuhl, bevor sie zu ihm herüber kam und sich von hinten an ihn schmiegte. Die Arme legte sie über seine Brust und streichelte ihn.

"Bestimmt hast du Lust auf etwas Extravagantes, nicht wahr?"

Ihr Vorstoß kam überraschend für Wolfgang, der es gewohnt war selbst die Führung zu übernehmen. Doch sie küsste ihn zärtlich auf den Nacken, dicht an der Wirbelsäule, wo die NIF-Buchse saß, und vertrieb seine Vorbehalte.

"Das kommt ganz darauf an", sagte er ausweichend.

Sie öffnete die Knöpfe seines Hemdes, während er die Krawatte ablegte, und fuhr mit den Fingern unter den Stoff.

"Ich wüßte gerne wie sich das für dich anfühlt." Er drehte sich zu ihr um, damit er Gelegenheit fand ihren Busen zu streicheln.

"Etwa so..."

Kopfschüttelnd sagte sie "Nicht wirklich" und streckte sich gegen seine Handfläche. "Es gibt eindeutige Unterschiede."

Darüber mußte Wolfgang schmunzeln. Schließlich machten diese Unterschiedlichkeiten den Reiz der Sexualität aus. An Männern hatte er kein Interesse.

"Willst du erfahren wie es sich für eine Frau anfühlt, wenn ich dir die Gelegenheit gebe?"

"Was meinst du damit?"

Mit einem Augenaufschlag antwortete sie: "Es gibt so viel interessantere Daten, die unsere NIFs übertragen können, als die aus den Netzen. - Ich zeige es dir."

Sie holte einen Polymercomputer aus der Jackentasche und dazu zwei Datenkabel. Es war eines der neueren Modelle, bei denen die Folie aus plastischen Speichern und Prozessoren nicht mehr flach in einem Gehäuse lag, sondern vielmehr aufgerollt worden war wie das Papier einer zusammengedrehten Zeitung. Das Gehäuse hatte Form und Größe eines Kugelschreibers, doch im Innern wickelte sich ein halber Meter Polymer um sich selbst.

Die beiden Kabel steckte sie in Buchsen an den Enden des Computers. Dann nahm sie die Haare zusammen und schob einen Stecker in ihr Neuro-Interface. Mit dem anderen reichte sie nach Wolfgangs Hals.

"Darf ich?"

Gespannt, was kommen würde, nickte er, ließ sich einklinken und gab den Dateninput mit einer mentalen Anforderung frei.

Zuerst merkte er gar nichts.

Seine Enttäuschung war wohl deutlich zu sehen, denn Hannah hauchte ihm ein "Langsam" zu und nahm ihn bei der Hand. Sie führte seine Finger über die Linie ihres Halses.

Überrascht zuckte er zusammen. Er sah und spürte wie er die Frau berührte, aber gleichzeitig fühlte er ein Streicheln an seinem eigenen Hals. Synchron sank es abwärts und stoppte an seinem Schlüsselbein.

"Mehr?" fragte sie und ließ ihn los.

Statt einer Antwort griff er nach ihrem Busen und zuckte zusammen. Die Irritation über eine andere Anatomie, die ungewohnte Stärke der Emotion, als er seine - nein, ihre - Brustwarze rieb, das Gefühl weibliche Formen zu besitzen, darunter die eigene männliche Wahrnehmung... Er zog die Hand zurück.

"Im Augenblick ist es noch ein wirbelndes Gemisch", sagte Hannah und er konnte fühlen wie sich ihre Lippen beim Sprechen von einander lösten und wieder schlossen, "aus deiner und meiner Wahrnehmung. Die Daten fließen nur zu dir und überlagern sich dort."

Wolfgang verstand den Wink und öffnete die NIF-Verbindung vollständig. Abrupt fühlte er sich in Hannahs Körper versetzt, nahm Reaktionen wahr, die er bislang nur von außen beobachten konnte. Er spürte ihre Erregung, konnte sie körperlich fühlen. Mit ihren Händen glitt er über ihren Körper und erhielt ungeahnte Einblicke.

"Das wird ein faszinierende Nacht werden", sagte er enthusiastisch, als er begann sie/sich auszuziehen.

[Willkommen auf dem obersten Informationslevel. Vielen Dank für Ihre Autorisation.]

Ausblick von einem Hoteldach herunter. Im linken Hintergrund doppelte Zäune und betonierte Schutzzonen, belagert von aufgebrachten Menschenmengen.

"Während im abgeschotteten Bereich der Messe die CeBIT ihren Lauf nimmt, haben sich jenseits der Sicherheitswälle Demonstranten zusammen gefunden. Mit Parolen und Gesang fordern sie die Abschaffung der Datenlevel und freien Zugang zur Information.

Es kam bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Schutzkräften. Steine wurden geworfen. Feuer an den Zäunen entzündet.

Angesichts der beeindruckenden Zahl von schätzungsweise vierzig- bis fünfzigtausend militanten Subs tagt der Ordnungsrat der Messegesellschaft. Derzeit ist der Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas noch nicht freigegeben worden, doch Fachleute rechnen jeden Augenblick damit. Spannung und Stromstärke auf den Zäunen sind der Situation angepaßt worden."

Nahaufnahme wütender Gesichter, die tonlose Flüche in die Kamera brüllen. Pflastersteine fliegen gegen den Draht des Sicherheitszauns.

"Immer wieder werden die vordersten Reihen von der Menge gegen die Wälle gedrückt. Schwere Schocks und Verbrennungen, die Einzelnen dadurch zugefügt werden, scheinen die Menge nicht zur Vernunft zu bringen. Im Gegenteil - sie verstärkt noch ihren Versuch die CeBIT zu stürmen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann schwere Abwehrmaßnahmen ergriffen werden müssen."

Hannah loggte sich aus der Sensortransfusion, als der Janusmann die Datenübertragung freigegeben hatte. Den Rest übernahm die Simulation, die parallel gestartet war.

Sie war heilfroh, daß sie nicht mit ihm schlafen mußte, obwohl sie es getan hätte. Die Gruppe hätte sie andernfalls nicht ausgewählt, denn die anfänglichen Gefühle mußten echt - oder zumindest echt genug - sein, bevor die Simulation die weitere Abwicklung übernahm. Es wäre gut möglich gewesen, daß sie zur Einleitung des Programms tatsächlich mit dem Mann hätte ins Bett gehen müssen.

So war sie mit ein wenig Körperkontakt und einem flüchtigen Kuß davon gekommen, hatte nicht einmal die Kleider ablegen müssen. Es war wirklich hervorragend gelaufen.

Die Softwareleute hatten so wenig Hemmungen sich an ein fremdes System anzuschließen. Die Hardwareingenieure hatten meist Sorgen um ungenaue Kompatibilitäten, Stromschwankungen, zu geringe Widerstände. Darüber machten sich Programmierer selten Gedanken. Sobald die aktuelle Sicherheitslösung installiert war, vergaßen sie jede Zurückhaltung.

Das war einer der Gründe, warum die Gruppe Wolfgang Bender ausgesucht hatte. Er war kein Hardwarespezialist. Und er war bekannt für seine sexuellen Eskapaden. Große Erfolgswahrscheinlichkeit.

Ihr Kabel steckte noch und erinnerte sie an ihre Aufgabe. Hannah aktivierte die freien Ressourcen des Computers und begann das Gehirn des Janusmanns zu sondieren. Sie suchte die Kapseln für Langzeiterinnerungen.

Freudig erhielt sie die ersten Hinweise. Die Sicherheitsblockaden, die den Zugriff auf das Gehirn verhindern sollten, sprachen nicht an. Hannah hatte für die Sensortransfusion alle Zugangsrechte zum Auslesen seiner Empfindungen erhalten. Der feine Unterschied zwischen aktuellen nervlichen Impulsen, mentaler Erregung und gespeicherten Erinnerungen war glücklicherweise ein Thema der Philosophie und für die derzeitige Computertechnik nicht abgrenzbar.

Hannah tastete sich näher an ihr Ziel heran. Sie fand bereits Daten über die Arbeitsumgebung in der Firma Janus. Lange würde sie nicht mehr brauchen, doch Zeit spielte auch nicht die entscheidende Rolle.

Das Programm war gut ausgearbeitet. Sie hatte es in mehreren Sitzungen aufgezeichnet, hatte mit den Mitgliedern ihrer Einheit daran gefeilt, bis es in der Lage war alle Eventualitäten der menschlichen Lust mit echten sensorischen Aufzeichnungen zu simulieren. Gelegentlich mußte das Programm Daten aus verschiedenen Situationen extrahieren und mit einander verweben, doch der Janusmann hatte ja keinen Anhaltspunkt wie es sich im Körper einer Frau anfühlte. Er würde lange genug beschäftigt sein.

Und er würde Erfahrungen sammeln, die gleichwertig waren mit dem, was Hannah von ihm wollte. Die Chance, die Wirklichkeit des anderen Geschlechts zu begreifen, hatte sich der Öffentlichkeit noch nicht geboten. Es war eine Zufallsentdeckung aus der Forschungsabteilung ihrer Gruppe. Außer den Erfindern, Hannah, den anderen Programmierern der Simulation und jetzt Wolfgang Bender hatte niemand je beide Körperlichkeiten erlebt.

Trotzdem fühlte Hannah sich schuldig. Den Generalcode für die Janussysteme mußten sie bekommen. Die Welt durfte nicht weiter auf diesem Weg gehen: nach und nach immer weitere Datenlevel einzuziehen. Ihre eigene Not gab ihr eine Entschuldigung, doch das befreite sie nicht von dem Wissen ein Verbrechen zu begehen, das intimer nicht sein konnte.

Sie drang in seine Erinnerungen ein, überließ der Software die Grobselektion und nahm sich vor, was der Computer als potentiell relevant einstufte.

Die ersten NIFs hatten Schwierigkeiten mit der sensorischen Darstellung gehabt. Der selbe Input war von manchen Menschen als Gelb, von anderen als Violett wahrgenommen worden. Rosen konnten nach Motorenöl duften, wenn die eigenen elektro-chemischen Erinnerungssignale nicht mit denen des Programmierers übereinstimmten.

Inzwischen wurde bei der Implantation der NIFs eine umfangreiche Kalibrierung durchgeführt: Farben, Gerüche, Tastsinn, Gehör. Alle denkbaren Eingangsmuster wurden ausprobiert und die korrekte Reaktion gespeichert.

Hannah konnte sich dank dessen frei in Benders Gehirn umsehen, ohne in eine fremde Welt eintauchen zu müssen. Die Hardware übersetzte die Signale in ein standarisiertes Protokoll, das von Hannahs NIF bedarfsgerecht interpretiert wurde.

Sie ließ eine Gedächtniszelle mit Büroalltag zurück und folgte dem Hinweis auf ein Bankerlebnis. Die meisten Menschen merkten sich nicht mehr als eine Hand voll Paßwörter - mitunter nur ein einziges. Vielleicht kam Hannah hier weiter.

Benders Gedankenwelt, wenn es um seine Konten ging, war von Sorgen erfüllt. Hinter der Maske des Wohlstands war ein diffiziles Gleichgewicht. Er und seine Frau waren eine Vielzahl von Verpflichtungen eingegangen und seine Abenteuer gaben das Übrige hinzu, um die Finanzen zu schmälern. Hannah stieg tiefer in die Erinnerungskapsel ein. Benders Situation war ähnlich wie ihre - nur eben knapp oberhalb der Sublevelgrenze.

Der Computer gab Signal, daß er den Generalcode von Janus lokalisiert hatte, wartete darauf von Hannah kontrolliert zu werden, bevor er die Daten kopierte.

Sie zögerte mit der Freigabe.

Die Bilder, die sie von Benders Leben gesehen hatte, standen ihr vor Augen. Nicht mehr nur Teil einer Wiedergabe, sondern in gewisser Weise nun auch ihre Erinnerung. Ihre blinde Entschlossenheit war der Erkenntnis gewichen, daß sie vorhatte ein Menschenleben aus der Bahn zu werfen, eine Karriere zu vernichten.

Wenn sie bestätigte, daß den Generalcode gefunden zu haben, würde gleichzeitig alles zusammenbrechen, was Hannah hier wahrgenommen hatte. Er war keine Spielfigur mehr. Plötzlich fühlte sie sich verantwortlich für den Janusmann.

Dann ging ihr auf, daß es kein Sublevel mehr geben würde, daß Bender nicht in den gleichen Abgrund fallen würde, in den sie gestürzt war. Die Welt würde schlagartig verändern - und sie trug nicht nur für ihn Verantwortung. Vor den Toren der Messe warteten Tausende darauf, daß sie es endlich zu Ende brachte.

Hannah prüfte die Daten und gab sie dann zur Übertragung frei. Eine Adresse im Mobilfunknetz wurde angewählt. Die Verbindung zu einem Übertragungswagen der Presse wurde geschlagen, doch wie beabsichtigt auf eine unbedeutende Nebenstelle umgelenkt. Nun übernahmen andere Gruppenmitglieder die Arbeit.

Hannah zog den Stecker aus ihrem NIF, suchte sich einen Stuhl und wartete darauf, daß Bender aus der Simulation erwachte.

Sie hatte ihm eine Menge zu erklären.

Totale. Gestylter Mann jenseits von fünfzig auf einer Bühne. Ordnet Papiere, die auf einem Podest für ihn bereitliegen, zu einem Stoß und beginnt dann zum Publikum zu reden. Im Hintergrund flackern und blitzen Computerreklamen. Die Einblendung weist ihn als Bundespräsident und Mitglied der Sozialdemokratischen Wohlstandspartei aus.

"Die Informationstechnologie hat sich..."

Bild und Ton brechen ab. Ein Augenblick digitaler Leere. Schwarze, stille Wiedergabe von gar nichts, bevor alle Datenlevel gleichgeschaltet werden. Die Übertragung zeigt ein junges Paar. Weder überbetont gepflegt, noch vernachlässigt. Hinter ihnen unscharfe Dunkelheit. Der Mann beginnt zu sprechen.

"Heute am 17. Februar 2025 übernehmen wir die Kontrolle der CeBIT und des weltweiten Datentransfers. Entschuldigen Sie kurzzeitige Einschränkungen in Ihrem gewohnten Informationsverhalten. Die Auseinandersetzungen werden nur wenige Minuten in Anspruch nehmen. Vermeiden Sie Übersprungshandlungen. Widersetzen Sie sich nicht."

Einspielung brechender Sicherheitswälle der Hannovermesse. Die Menge überrennt das Ordnungspersonal und nimmt die deaktivierten Verteidigungsmittel an sich. Szenenwechsel. Innenaufnahme aus einer der Messehallen. Die Beleuchtung ist abgeschaltet, doch die Standsysteme funktionieren noch. Alle Bildschirme zeigen die gleiche Übertragung. Menschen stehen fassungslos herum.

Die Stimme der Frau ist zu hören.

"Ihre Computersysteme werden auf die neue Struktur des Datennetzes aktualisiert. Unsere Spezialisten nutzen in diesen Augenblicken die geballte Informationstechnologie der CeBIT um das Update in etwa 55% des Weltnetzes aufzuspielen. Die übrigen Systeme werden beim nächsten Login angepasst werden.

Wir bitten Sie nochmals keinen Widerstand zu leisten. Unsere Ziele dienen der sozialen Gleichstellung aller Weltbürger und sollen Sie nicht benachteiligen. Bewahren Sie Ruhe."

Bilder jubelnder Menschen in den Messehallen. Menschen in billigen, teilweise zerrissenen Kleidern. Vom Sturm erschöpft und aufgeheitert. Diese Szenerie wird einige Minuten übertragen.

[Sie haben nun unbeschränkten Zugriff auf jegliche vernetzte Information. Datenlevel sind deaktiviert. Wir gehen davon aus, daß dieser Zustand dauerhaft aufrecht gehalten werden kann. Viel Vergnügen.]

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Wilde Jagd

Ein Fantasy-Rollenspiel-Roman
ca. 278 Taschenbuch-Seiten
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Bjørn Jagnow
www.BjoernJagnow.de

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