Die Lieder der Barden

Erkatron Schwertschwinge kam gerade von Ostheron. Dort wurde er unsterblich. Nicht körperlich, sondern unsterblich in den Geschichten des Volkes und den Liedern der Barden. Der Rat der Sechse wurde dort zusammengerufen. Dieser Rat bestand aus den Zwei mächtigsten Magiern Thearons, und den jeweils obersten Priestern Ghalads, Johlors, Kartdor und Lourtar. Dieser Rat ist die höchste Institution die Thearon kennt. Der Rat der Sechse war das oberste Gericht, die höchste Macht und die geistige Kraft aller Rassen Thearons. Der Rat der Sechse krönte Kaiser und Könige, sprach Bewohner Thearons in die Acht und vollführte Götterurteile. Seinen Beschlüssen konnte sich niemand widersetzen. Der Rat der Sechse kam zusammen um ihn, Erkatron Horbinger zu dem größten Helden dieser Zeit zu küren. Dabei wurde ihm der Ehrentitel Schwertschwinge verliehen, der ihn unzweifelhaft zu den größten Helden dieser Zeit machte.

Sechs Tage feierten sie seine Titelsverleihung. Kein Staatsoberhaupt, kein König, kein Kaiser, kein Barde mit Rang und Namen, eigentlich niemand der etwas auf sich hielt, ließ es sich entgehen auf diesem Spektakel teilzunehmen. Es kam nur ganz selten vor, das diese Ehrenverleihung ausgesprochen wurde. Eben nur einmal in einem Zeitalter. Das Fest fing an mit Barden, die Geschichten von Erkatron Horbinger erzählten, mit vielen berauschenden Mitteln und Fest. Jeder der obersten Priester feierte einen Gottesdienst nur zu seinen Ehren und in seinem Gedenken. Die "Dramateure", die berühmteste Schauspielgruppe Thearons, die eigentlich nur an Kaisershöfen spielen, spielten in diesen Tagen die größten Ereignisse und Erfolge seines Lebens nach. Die bekanntesten Literaten Thearons lasen Geschichten die sie zu seinen Ehren geschrieben haben vor. Und so ging es in einem Stück weiter, so dass die ganzen Sechs Tage mit vollem Programm gefüllt waren, immer nur zu seinen Ehren, und er natürlich immer mittendrin. Er konnte sich gar nicht Sattlaben an diesen Ehren die ihm zuteil wurden, konnte den Hals nicht voll genug bekommen. Jede Geschichte zu seinen Ehren, jedes Lied das seiner Taten gedenkt und jedes Schauspiel das ihn in heldenhaftes Licht rückt sog er in sich auf, und es erfüllte sein Herz mit noch mehr Selbstliebe. Am finalen Tage, dem sechsten im Bunde schließlich wurde er von allen obersten Priestern geweiht, und bekam von den Zwei Magiern die Zwei mächtigsten Artefakte Thearons überreicht.
Während dieser ganzen Zeit hat er keinen einzigen Gedanken an jemand anders verschwendet. Weder an das Volk, das ihn so feierte, noch an den Rat der Sechse, der ihn zu dem machte, was er jetzt ist, noch an seine Frau und seine drei Kinder. Er dachte nur an sich, er schwamm auf dieser Welle der totalen Eitelkeit. Genau davon hatte er geträumt. Dass ganz Thearon - sprich die ganze Welt - nur ihn feierte, ihn als obersten, gnädigsten und stärksten Helden dieser oder vielleicht auch aller Zeiten verehrte. In diesen Sechs Tagen gab es niemand, der nicht den Hauptteil seiner Gedanken damit verbrachte ihn zu feiern. Und er genoß es. Jede Sekunde, jeder Satz, jedes Schauspiel, jedes Lied, alles brachte ihn noch ein Stück höher in seiner Eigenliebe, die auch davor schon unermesslich ausgeprägt war.

Nun war er auf dem Weg nach Hause. Egal wo er hinkam, er wurde empfangen wie ein Gott, der sich den Menschen offenbarte. Und so fühlte er sich auch, Er verspottete die Götter, ernannte sich selbst zu seinem eigenen Gott. Egal durch welches Dorf er kam, ihm zu Ehren wurde ein Fest gefeiert, ein Fest das die ganzen Vorräte für ein halbes Jahr verbrauchte. Der Bürgermeister stellte seinen Ratssitz ihm zum Übernachten zur Verfügung, und die Mütter schöner Töchter kamen reihenweise zu ihm, in der Hoffnung, dass er sie mitnimmt. Er labte sich an allem gern. Er war derjenige, der sich immer und immer wieder die Geschichten seiner Heldentaten erzählen ließ, und der sich immer das Beste vom Besten nahm. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass das Schwein von dem er gerade nur das beste aß und den Rest fortschmiss demjenigen Bauern dem es gehörte in den Ruin und damit in den Tod trieb. Auch die schönen Töchter die er benutzte und die am nächsten Tag sich die Seele ausheulend ihn verabschiedeten, waren ihm egal. Für ihn gab es nur ihn selber.

Nun trennten ihn nur noch wenige Stunden von seinem Zuhause. Dort hatte er einen Hof, eine Frau, zwei Söhne und eine Tochter. Es fiel ihm ein, wie alles begonnen hatte. Er hatte es damals auf die schönste Frau im ganzen Dorf abgesehen. Es war keine Liebe, was ihn damals dazu veranlasste, sondern er sah sich im Mittelpunkt stehen, sollte er die schönste Frau im ganzen Dorf abbekommen. Schon damals waren seine Taten durch Selbstsucht bestimmt. Er klaute von Freunden die literarischen Wörter der Liebe, die er Gefrao vorlaß, da er selbst dieses Gefühl der Liebe nicht kannte, außer in Bezug auf sich selbst. Er stahl dem Botaniker seine schönsten Blumen, und seinem Vater den größten Hof des Dorfes, indem er das Testament heimlich umschrieb. So imponierte er Gefrao, und eroberte ihr Herz, indem er ihr ein Schauspiel vorführte. Denn die Liebe imitieren konnte er wohl, nur nicht sie empfinden. Ein Schauspiel, dass abermals auch nur seine eigene Perfektion hervorhob. Doch irgendwann merkte er, dass ihm dieser Ruf des "besten Mannes im Dorf" nicht langte. Er hatte zwar den größten und besten Hof des Dorfes und die schönste Frau im größeren Umkreis, aber das langte ihm nicht. Er wollte, dass jeder der ihm begegnet sich vor ihm verbeugt, und ihn liebt.
Oh ja, er kann sich noch an diesen Tag erinnern, an dem er ging - vor sechs Jahren. Sentimentaler Dreck in seinen Augen. Seine Frau und seine Kinder haben geweint, haben ihn nicht verlieren wollen. Seine Frau benötigte ihn, um mit dem Hof über die Runden zu kommen. Und auch seine Kinder haben geweint, geweint um ihren Vater den sie verloren gehen sahen. Ihn interessierte das Nicht. Er zog aus, um Thearon zu zeigen, dass er ein Held ist. Er wollte die größten Heldentaten vollbringen, die Thearon sich vorstellen konnte, und so von allen Völkern Thearons ins Herz geschlossen werden. Er wollte von allen geliebt werden. Er war zum geliebt und verehrt werden geboren. Darin sah er seine Berufung.

Er dachte auch daran, was er in diesen Sechs Jahren vollbracht hatte. Er tötete die fünfköpfige Schlange von Hurget, besiegte den Achtarmigen und drei Meter großen Bären Gorta, erledigte den Drachen Fyrt'rash'gor, tanzte mit der Feara-Königin Syrtao und, und, und... ...Und zuletzt seine größte Tat: Er erledigte die Dämonenkönigin Josh'tr'kar, was ihm zuletzt auch zum größten Helden dieser Zeit machte. Während dieser Zeit hatte er nur im Kopf, die größten Übel Thearons zu vernichten. Er tat dies nicht aus Mitleid mit dem Volk, oder um irgend jemand zu helfen. Er trachtete nur nach ihrem Leben, um sich selber ins beste Licht zu rücken. Er wollte sich verehrt sehen. Aus purem Eigennutz schlachtete er Jahrtausende alte Kreaturen, zum Teil zum guten, zum Teil auch nur unter dem Vorwand es wären schreckliche Tyrannen. Denn schon bevor er zum größten Helden dieser Zeit gekürt wurde, war er in den größten Teilen des Volkes bekannt. Und so war es ein leichtes für ihn eine alte und weise Wesenheit, die alles andere als etwas böses im Schilde führte, als schlecht darzustellen, und sie ruhmreich zu ermorden. So geblendet war er von sich selbst.

Jetzt nach dem Sechstägigen Fest zu seinen Ehren nach dem Beschluss des Rates der Sechse, war er auf dem Heimweg. Inzwischen war er nur noch Zwei Stunden von seinem Zuhause entfernt. Und nun dachte er zum ersten mal seit Sechs Jahren nicht nur an sich. Er dachte daran, wie seine Familie ihn freudig begrüßen würde, wie seine Frau ihn anhimmeln würde. Wie sie alle seine Heldentaten aufzählen würde, und alles tun würde für ihn, ihm dienen würde. Auch seine Kinder werden ihn verehren. Seine Söhne werden vom besten Vater Thearons sprechen, und all seine Ratschläge und Wünsche berücksichtigen, um ihn - den Helden - zu ehren. Und seine Tochter wird von seiner sozialen Seite predigen, die ihn dazu veranlasste, alle diese Gefahren auf sich zu nehmen, um den Völkern Thearons ein besseres Leben bieten zu können. Er feute sich nach Hause zu kommen. Verehrt zu werden.

Gefrao Horbinger saß in einer Kutsche mit ihren drei Kindern - zwei Söhne und eine Tochter. Sie waren auf dem Weg nach Ostheron, wo der Rat der Sechse Erkatron Schwertschwinge - ihren Mann - zum größten Helden dieser Zeit küren sollte. Sie wollte ihn wieder sehen, ihm seine Kinder zeigen, und ihn fragen ob er sie noch Liebe, und ob ihm seine Familie gar nichts wert seie. Auf keinen Fall wollte sie sich vor ihm verbeugen. Er hatte sie im Stich gelassen aus reiner Selbstsucht, sich zu profilieren. Sie hat all die Jahre über zu kämpfen, hatte sich selten die Wurst aufs Brot leisten können. Alleine drei Kinder durchbringen, und den Hof halten das war sehr schwer. Oft aß sie tagelang nichts oder kaum etwas, damit ihre Kinder genug bekommen, und selbst für die langte es oft nicht. Die Kinder ihrerseits halfen mit wo sie konnten, aber sie waren noch so jung, und konnten nicht viel beitragen. Gefrao hatte die letzten drei Jahre immer ein ganz wenig zur Seite gelegt, und mit diesem Geld hat sie nun die Kutsche bezahlt. Die Kutsche die sie nach Ostheron, zu ihrem Mann brachte. Es war viel zu wenig, aber der Kutscher hatte ein gutes Herz, und fuhr sie völlig unter Preis nach Ostheron. Währe Erkatron doch nur auch so. Sie kannte alle seine Heldentaten. Jeder kannte sie, jeder erzählte sie und jeder Barde sang über ihn. Doch sie hat er einfach vergessen, sie ihrem Schicksal überlassen. Das wollte sie ihm sagen.
Sie hörte ein dumpfes Geräusch auf der Kutsche, gerade so als wäre der Kutscher umgefallen. Kurz darauf hielt die Kutsche an. Ihre Tochter zog den Vorhang zur Seite, und schaute raus. Ein Sirren lag in der Luft, und ihre Tochter fiel mit einem Pfeil im Kopf tot zu Boden. Gefrao zog ihre beiden Söhne eng an sich, und redete ihnen gut zu. Da zeigte sich ein Gesicht im Vorhang. Sechs düstere Gestalten umringten die Kutsche, erhofften Fette Beute. Sie zogen Gefrao und ihre Zwei Söhne aus der Kutsche. Sie durchsuchten sie und die Kutsche. Sie fanden nichts wertvolles, und so sahen sie nur eine Möglichkeit, diesen Raubzug als erfolgreich zu sehen. Sie wollten den größtmöglichsten Spaß mit den Reisenden in der Kutsche haben.
Schreckliche Dinge geschahen, die man mit normalen Worten nicht beschreiben kann. Noch in der letzten Sekunde ihres Lebens hörte Gefrao die Todesschreie ihrer Kinder, die schon Stunden davor zu Tode gequält wurden...

Erkatron ritt in sein Heimatdorf hinein, doch anders als erwartet, begrüßte ihn keiner. Alle die ihn sahen schauten verlegen weg, und schauten, dass sie davonkamen. Erkrat war völlig verwirrt, fragte die Leute was passiert sei, doch niemand antwortete ihm. Er ging zu seinem Hof nach Hause und niemand war da. Es hingen nur vier Schwarze Rosen an der Tür. Er wusste was das heißt. Ein Kind das daneben stand klagte ihn an, was er getan habe und erzählte ihm was passierte. Es erzählte ihm, dass er, der Größte Held dieser Zeit und der beste Krieger dieser Zeit nicht einmal seine eigene Familie vor simplen Räubern retten konnte. Dass er zu beschäftigt war mit wichtigerem.

Erkatron Schwertschwinge dachte an die Lieder der Barden und schrie. Er schrie. Er war nicht mehr der größte Held dieser Zeit, sondern der größte Verlierer dieser Zeit.

Erkatron Horbinger dachte an die Lieder der Barden und schrie...

Erik der Wikinger

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