Wasserprobe
Charlotte Engmann

Am späten Vormittag erreichten die drei Freunde das Endes des Wildpfades und traten aus dem schattigen Dickicht hinaus auf eine sonnenüberflutete Lichtung. Drei Seiten begrenzte der Wald, die vierte eine Felsstufe, die sich quer durch das Tal zog und von deren Höhe ein Wasserfall herabstürzte. Am Fuß der Steilwand hatte sich ein Teich gebildet, aus dem ein kleiner Bach entsprang.

"Das muß der Ort sein", lachte Kirily und drehte sich nach Rinathan um.

Der Zauberer nickte. "Laut Skutisions Aufzeichnungen müßte der Eingang direkt hinter dem Wasserfall liegen."

"Vielleicht können wir vom Ufer aus etwas erkennen." Die Elfe ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten. "Kümmerst du dich bitte um Schneemaul, Giulikis?"

Der Zwergenkrieger brummte zustimmend und nahm Rinathan die Zügel des Maulesels ab. Während er das Packtier absattelte und tränkte, umrundeten die Jägerin und der Zauberer das Teichufer, um einen besseren Blick auf die Felsen werfen zu können. Doch erst, als sie so nahe an der Steilwand standen, daß sie hinter den Vorhang des Wasserfalles sehen konnte, entdeckten Kirilys scharfe Elfenaugen unterhalb der Oberfläche des Teiches einen dunkleren Bereich, der von einer Öffnung im Felsen stammen mochte. Sie deutete auf die Stelle. "Dort, Rinathan, dort könnte eine Öffnung sein."

Der Zauberer runzelte die Stirn. "Hoffentlich ist es nur der Eingang, denn wenn die Höhle ebenfalls im Wasser liegt, dann werden wir außer Fischen dort nichts finden."

"Ich glaube nicht, daß Skutision die Zauberreifen dann hier versteckt hätte." Kirily strich dem Menschen über den Arm. "Oder sie sind so mächtig, daß ihnen das Wasser nichts anhaben kann, auch wenn sie tausend Jahre lang hier begraben liegen."

Rinathan ergriff ihre Hand und drückte sie leicht. "Was wäre ich nur ohne deine Zuversicht…" murmelte er leise, ehe er entschlossen verkündete: "Ich werde einen magischen Blick in diese Öffnung werfen, dann wissen wir mehr."

Zurück bei Giulikis nahm Rinathan eine Decke, breitete sie auf dem Boden aus und ließ sich im Schneidersitz darauf nieder. Er schloß die Augen, konzentrierte sich und begann mit jenen anmutigen Zeremoniegesten, die ihm halfen, Kraft zu schöpfen und seine Zauber scheinbar mühelos zu wirken.

Währenddessen schlugen seine Freunde ein Lager auf: Giulikis sammelte Holz und entfachte ein kleines Feuer, und Kirily bereitete aus dem Hasen, den sie heute morgen geschossen hatte, eine schmackhafte Mahlzeit.

Das Essen war noch nicht fertig, als Rinathans Bewegungen stoppten, und der Zauberer zur Regungslosigkeit erstarrte. Seine Gefährten wußten, daß nun sein Geist seinen Körper verlassen hatte und daß sie nichts anderes tun konnten, als auf die Rückkehr seines Geistes zu warten und auf seinen Körper achtzugeben. Denn in diesen Momenten war Rinathan — wie jeder andere Zauberer auch — schutzlos der materiellen Welt ausgeliefert.

Nach einigen Minuten, in denen die Elfe Tee aufsetzte und den Hasen vom Feuer zog, riß Rinathan plötzlich die Augen auf. Aufstöhnend verlor er die Balance und fiel zur Seite. Seine Gefährten eilten zu ihm, halfen ihm aufzustehen und führten ihn zum Feuer, wo er sich setzte. Kirily drückte ihm einen Becher Tee in die Hand, und Giulikis legte ihm fürsorglich eine Decke um die Schultern. Nachdem sich Rinathan von den Strapazen des Zauberns erholt hatte, und sie mit dem Essen angefangen hatten, erzählte er: "Es ist tatsächlich der Eingang zu dem Versteck der Zauberreifen. Ein Gang führt in den Felsen hinein, geht dann aufwärts und endet in einer Höhle, die fast vollständig überschwemmt ist. Aber am Rand gibt es einen Sims, auf dem eine recht gut erhaltene Truhe steht."

"Und?" verlangte Kirily aufgeregt zu wissen, als Rinathan nicht weitersprach, sondern statt dessen einen Biß von der Hasenkeule nahm.

Der Zauberer lächelte. "Da sind die Zauberreifen drin, nur…" Wieder nahm er einen Bissen, und Kirily mußte sich beherrschen, ihn nicht weiter zu bedrängen. "Ich habe zwar die Zauber, die den Eingang verschlossen, gelöst, aber ich kann die Truhe von hier aus nicht öffnen. Wir müssen sie aus der Höhle herausholen, damit ich in Ruhe die Zauber, mit denen Skutision sie gesichert hat, außer Kraft setzen kann."

"Kirily müßte in die Höhle schwimmen und ein Seil mitnehmen." Giulikis sah die Elfe an. "Das schlingst du um die Truhe, die wir dann von hier aus rausziehen. Du müßtest nur aufpassen, daß die Truhe sich nirgendwo verhakt und schwups, haben wir, was wir wollen."

Kirily zog eine Grimasse. Das klang ja alles sehr einfach, aber wie sie aus ihren vorherigen Abenteuern wußte, würde es sicherlich nicht so leicht gehen. Außerdem würde das Wasser eiskalt sein und sie innerhalb von Minuten auskühlen. Andererseits war Rinathan nicht zäh genug, diese Kälte auszuhalten, und Giulikis konnte nicht schwimmen. Wohl oder übel blieb diese Aufgabe an ihr hängen. "Gut, ich mach's", erklärte sie. "Aber wir sollten es gleich tun, dann können wir bis Sonnenuntergang zurück in der Jagdhütte sein, in der wir gestern übernachtet haben."

Rasch trafen sie die notwendigen Vorbereitungen: Giulikis befestigte das eine Seilende am Sattel des Maulesels, Kirily zog sich bis auf die Unterkleidung aus, und Rinathan sprach einen Zauber auf den Geburtsstein, den die Elfe immer an einer Kette um ihren Hals trug. Nun leuchtete der Rubin in einem sanften Zauberlicht, das auch unter Wasser nicht verlöschen würde.

"Das sollte dir genügend Licht spenden", meinte Rinathan, als er Kirily Anhänger und Kette zurückgab.

"Danke." Sie drückte dem Mann einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ehe sie das Seil nahm und das Ufer abschritt. An der Stelle, die ihrem Ziel am nächsten war, holte sie noch einmal tief Luft und ging ins Wasser. Die Kälte traf sie wie ein Schlag, doch ohne zu zögern schwamm sie auf den Wasserfall zu und tauchte. Mit kraftvollen Zügen glitt sie unter den herabstürzenden Fluten hindurch, direkt auf den Fels und die kreisrunde Öffnung in seiner Mitte zu. Wie Rinathan gesagt hatte, gelangte Kirily in einen schmalen Gang, der sie nach oben führte. Schon spürte sie, wie ihr langsam die Luft ausging, als sie die Oberfläche durchbrach und die Höhle erreichte. Der Boden unter ihren Füßen stieg trichterförmig an, und vorsichtig kletterte Kirily aufwärts. Die Luft in der Höhle war zwar weitaus kühler als draußen auf der Lichtung, aber gleichzeitig viel wärmer als das eisige Wasser, das in kühlen Rinnsalen aus ihrem Haar über ihren Körper lief. Zitternd sah sich die Jägerin um, und in dem schwachen Licht des Amuletts erkannte sie eine rechteckige Höhle, den von Rinathan beschriebenen Sims und — die Truhe!

Vorsichtig eilte Kirily zu ihr hin und stellte sich für einen Augenblick auf den trockenen Sims, um zu überlegen, wie sie das Seil am besten befestigte. Der hölzerne Kasten besaß an beiden Querseiten je einen Griff, doch als sie kräftig daran zog, fühlte sie Rost abbröckeln, und sie beschloß, das Seil lieber um die ganze Truhe zu knoten als zu riskieren, daß die Griffe abbrachen und dieser dumme Kasten den Ausgang blockierte. Sie konnte sich etwas besseres vorstellen, als in dieser Höhle zu erfrieren!

Das Seil richtig anzubringen, erwies sich anstrengender als erwartet, und Kirily wurde es sogar wieder warm, ehe sie mit ihrem Werk zufrieden war. Nun lag es an ihren Gefährten, das Ding aus der Höhle zu wuchten, und wie verabredet zog die Elfe dreimal fest an dem Seil. Plötzlich spannte es sich, und mit einem Ruck setzte sich die Truhe in Bewegung. Von Kirily geleitet glitt sie über den Boden bis hin zum Ausgang und versank in der Tiefe. Die Jägerin tauchte hinterher. Sie mußte aufpassen, daß sich der Behälter nicht verkeilte, doch ihre Sorge schien umsonst: in einer direkten Linie zum Ausgang hin rutschte die Truhe durch das Wasser.

Auf den letzten Metern jedoch ging Kirily die Luft aus, und sie schwamm zurück, um in der Höhle neuen Atem zu schöpfen. Knietief im Wasser stehen, holte sie tief Luft und versuchte, das Zittern ihres Körpers zu ignorieren. Sie wußte, ihre Hände und Füßen waren blaugefroren, und sie fühlte, wie ihre Glieder schwer wurden. Sie mußte unbedingt aus der Kälte heraus!

Plötzlich bemerkte sie, daß das magische Licht des Amuletts zu flackern begann. 'Was ist das', überlegte sie. Sie bekam eine Gänsehaut, aber nicht von der Kälte, sondern aus Angst. 'Hoffentlich ist die Truhe draußen', schoß es ihr durch den Kopf, doch konnte sie keine Rücksicht mehr darauf nehmen. Sie schwamm los. Je tiefer sie tauchte, desto schwächer wurde das Licht des Amuletts. Bald würde es ganz erlöschen. Kirily blickte nach vorne und vermeinte, einen hellen, runden Fleck zu erkennen. Das mußte der Ausgang sein! Plötzlich fühlte sie, wie etwas ihr Fußgelenk packte. Im letzten Moment verbiß sie sich einen entsetzten Schrei, trat statt dessen mit den Füßen um sich. Sie versuchte, die Umklammerung zu lösen, doch erfolglos. Sie drehte sich um, um ihren Angreifer auszumachen, doch da war nichts, nur Wasser. Als habe sie ein mächtiger Sog ergriffen, wurde Kirily in den Gang zurückzogen. Verzweifelt suchte sie nach einem Halt, einem Vorsprung in den Felsen, aber im Laufe der Jahrhunderte hatte das Wasser die Wände spiegelglatt geschliffen. Unerbittlich verlor Kirily an Boden. Und die Luft ging ihr aus. Ihr wurde schwarz vor Augen, und Todesangst lähmte sie schier, da flammte ein rotes Licht auf. Der Sog verschwand, Kirily war wieder frei, und von einer unsichtbaren Macht wurde sie nach vorne geschleudert, auf den Ausgang zu. Der Anblick des hellen Rundes gab ihr neue Kraft, sie schoß durch das Wasser und hinaus in den Teich. Mit einem Gefühl des Triumphes durchbrach sie die Wasseroberfläche, und belebende Luft füllte ihre Lungen.

"Kirily!" rief Rinathan aufgeregt vom Ufer aus. "Kirily, was ist passiert?"

Die Jägerin winkte ihm, das alles in Ordnung sei, und schwamm zu ihm hin. Diesmal half er ihr, sich ans Feuer zu setzen, drückte ihr einen Becher heißen Tee in die Hände und legte ihr eine Decke um. Nachdem das Klappern ihrer Zähne einigermaßen verstummt war, erkundigte sie sich: "Die Truhe?"

"Giulikis kümmert sich um sie; ihr ist nichts passiert. Aber was ist mir dir? Warum hat es solange gedauert?"

"Schon gut. Ich… da war etwas…" Kirily erzählte von ihrem beängstigenden Erlebnis, und Rinathan hörte ihr überrascht zu. Als sie geendet hatte, bemerkte er nachdenklich. "Das klingt nach einem Wassergeist. Verdammt, ich habe ihn übersehen, weil ich mich nur auf diese blöden Eingangszauber konzentriert habe!"

"Scheint so, als hättest du Skutisions Fallen unterschätzt", warf ihm Kirily vor, doch sie war nicht wirklich wütend auf den Zauberer. Rinathans Wissen und Sprüche hatten ihnen schon mehrmals das Leben gerettet, und es war ja noch mal gut gegangen. "Was ist eigentlich passiert? Wenn es wirklich ein Wassergeist war, wie bin ich dann freigekommen?"

"Vielleicht…" Rinathan sah sie nachdenklich dann, bis er plötzlich auflachte und auf ihren Anhänger wies. "Es muß dein Geburtsstein gewesen sein. Er ist ein Drachenrubin, und diese tragen Feuer in sich. Und als der Elementargeist ihn berührte, hat das seine Kräfte freigesetzt, und das Aufeinanderprallen der beiden Elemente — Wasser und Feuer — hat dich regelrecht aus dem Gang geschleudert."

Kirily umfaßte zärtlich den Anhänger. Bisher hatte sie ihn aus Gewohnheit getragen, aber scheinbar war an ihm mehr dran, als sie geahnt hatte. Erleichtert, daß sie das Abenteuer so gut überstanden hatten, lächelte sie Rinathan zu. Sie hatten es geschafft, die berühmten Zauberreifen von Skutision gehörten nun ihnen.

medes so zärtlich umschlungen hatten, wurden zu den Krallen einer Katze.

Aufkeuchend fuhr der Händler hoch, auf allen Vieren kroch er eiligst fort von der kuhfüßigen Schreckgestalt, die tot vor Andromaches Füßen lag.

Aus Gewohnheit reinigte die Amazone ihr Schwert an einem Fetzen, der nahe der Leiche lag, denn sie war im Moment außer Stande, sich mit Diomedes auseinanderzusetzen, und so war es der Händler, der als erstes das Schweigen brach.

"Du… du hast mich gerettet." Erst langsam begriff er das Geschehen. "Ich schulde dir mein Leben." Er erhob sich, strich eine dunkle Locke aus seiner Stirn und mit einem selbstgefälligen Lächeln versuchte er, seine Unsicherheit zu überspielen. "Und du hast gesagt, du würdest dir nichts aus mir machen…"

"Tue ich auch nicht", entgegnete Andromache ruppig. Sie fühlte sich müde zu und ausgelaugt, um sich mit Diomedes nur schlecht verborgener Geilheit auseinanderzusetzen. "Wenn ich gewußt hätte, daß du hier bist, wäre ich vielleicht nicht hergekommen."

"Aber du bist es." Er trat einen Schritt auf sie zu. "Und das kann kein Zufall gewesen sein, nein, es war der Wille der Götter, daß du kamst, um mich zu retten."

"Es war Heras Wille, der mich die Lamia töten ließ", beschied ihm Andromache, "und Ihr solltest du danken, daß du gerettet wurdest." Sie drehte sich um, schritt aus der Tempelruine. Sie wollte nur fort von diesem furchtbaren Ort, fort von der Lamia und Diomedes. Wie hatte er nur denken können, daß sie jemals bei ihm liegen würde! War er wie so viele Männer dem Wahn verfallen, daß es nur eines richtigen Kerles bedurfte, um ihre Meinung zu ändern?

Mit einem abfälligen Schnauben schwang sich die Amazone auf ihr Pferd und lenkte es von dem Tempel weg. Nein, es gab nichts, was Diomedes — oder ein anderer Kerl — ihr geben konnte. Sie brauchte keinen Mann, der sie unglücklich machte — dafür hatte schon Sappho gesorgt.

Charlotte Engmann

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