Der Drache auf dem Mountainbike

Martin wurde ungeduldig. Jetzt stand er schon zehn Minuten an der Kreuzung. Wo sie nur wieder blieb? Das hatte man davon, wenn man mit Silke eine Radtour machte. Immer blieb sie zurück. Und es störte sie nicht mal.
"Fahr ruhig voraus", sagte sie, um ihm dann gemächlich zu folgen. Sie hatte aber auch gar keinen Ehrgeiz. Und ungesund war es! Der Puls muß mindestens auf 130, damit ein Trainingseffekt einsetzt, wie oft hatte er ihr das schon erklärt, immer vergeblich. Er kratzte sich am Bein.
Wie er wieder hochschaute, stand dort die alte Frau. Sie hatte ein buntes Kopftuch auf und eine Warze auf der Nase.
Gott, wie ist die hergekommen, dachte er. Und wie sie ausschaut! Wahrscheinlich direkt aus Sibirien eingeflogen, die alte Hexe.
Er schaute zurück. Keine Silke zu sehen. Die alte Frau stand noch am gleichen Fleck.
Martin trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Die Alte starrte ihn ruhig an. Er wurde nervös. Was wollte die? Warum stand sie hier, wo weit und breit kein Haus zu sehen war, stand einfach da und starrte ihn an. Ihm wurde ungemütlich. Sollte er weiterfahren? Aber bei Silkes Orientierungsvermögen war das gefährlich. Wer weiß, wo sie wieder landen würde. Das letzte Mal hatte er sie zwei Stunden überall gesucht, wie ein Verrückter war er über die Dörfer geprescht.
Gefunden hatte er sie schließlich auf einem Weinfest. Ziemlich angeheitert. Auch seine bitterböse Miene hatte ihre gute Laune nicht vertreiben können. Manchmal verfluchte er sie. Mit Radfahren war es an diesem Tag Sense. Sie fiel um, wie sie das Rad besteigen wollte, es störte sie nicht, sie kicherte nur albern vor sich hin und hörte auch im Bus nicht damit auf.
"Du bist ein Holzklotz. Ein steifer Holzklotz mit zwei strampelnden Beinen", sagte sie pathetisch und so laut, daß der ganze Bus es hören konnte.

Die alte Frau starrte ihn immer noch an. Er starrte zurück.
"Warten Sie auf jemand?" fragte sie.
"Ja."
"Auf Ihre Freundin?"
"Ja"
Die Alte kicherte. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Die kommt nicht mehr."
"Was heißt: die kommt nicht mehr?"
"Sie ist weg."
"Was soll das heißen, sie ist weg? Und woher wollen Sie das wissen?"
Die Alte gackerte.
"Junger Mann, das weiß ich eben. Weil ich diesen Wald kenne und hier lebe. Ihre Freundin jedenfalls - also mit diesem Drahtesel" - sie zeigte auf sein nagelneues Diamond Back Mountain Bike - "mit diesem Drahtesel holen Sie sie nicht zurück."
"Womit dann? Und wo ist sie überhaupt?"
"Sie müssen Charly nehmen. Und sie ist, na sie ist eben auf Fodors Berg. Nur Charly kommt dort hoch."
Die Alte drehte sich um und ging in den Wald.
"Kommen Sie, kommen Sie", sie winkte ungeduldig mit der linken Hand, er solle ihr folgen.
Bald erreichten sie eine Hütte. Vor der Hütte war eine schwarze Ziege angepflockt.
"Das ist Charly", sagte die Alte, "auf dem müssen Sie reiten, wenn Sie Ihre Freundin wiederhaben wollen."
"Auf einem Ziegenbock?" Martin lachte. Er lehnte das Mountain Bike an einen Baum. "Ich soll auf einem Ziegenbock reiten? Mit meiner neuen Radlerhose? Das Vieh stinkt ja, bis hierher kann man es riechen."
"Dann müssen Sie sich eine neue Freundin suchen, junger Mann", sagte die Alte und zuckte die Schultern. Sie band den Ziegenbock los. Er meckerte, sprang vorwärts und stieß mit den Hörnern gegen das Mountain Bike. Es flog im hohen Bogen über die Wiese. Der Ziegenbock galoppierte ihm nach.
"Halt", kreischte Martin, "Du Teufelsvieh! Mein neues Rad! Halten Sie Ihre Ziege fest!" und er rannte hinter seinem Rad her.
"Charly haßt Technik", rief die Alte. Das Rad flog erneut durch die Luft. Martin keuchte. Das Rad landete auf dem Dach der Hütte.
"Jetzt bleibt nur noch Charly", kicherte die Alte, "keine Angst, er ist lammfromm."
"Das sehe ich. Deshalb hat er auch mein Mountain Bike so zugerichtet."
"Charly haßt Technik. Aber als Reittier ist er lammfromm."
Sie holte Zaumzeug aus einem Verschlag und legte es dem Ziegenbock an. "Also los, junger Mann. Zieren Sie sich nicht! Ich denke, sie wollen Ihre Freundin wiederhaben.?"
"Und woher weiß ich den Weg?" fragte Martin.
"Charly kennt den Weg. Lassen Sie ihn einfach laufen. Er bringt sie sicher auf Fodors Berg."
"Und dort ist Silke?"
"Dort ist Ihre Freundin."
"Und wir müssen zu zweit wieder runterreiten?"
"Nein", sagte die alte Frau, "nein. Charly kann nicht zwei Menschen tragen. Da müssen Sie sich was einfallen lassen." Sie steckte zwei Finger in den Mund, stieß einen schrillen Pfiff aus und der Ziegenbock stellte sich vor Martin hin.
Martin stieg auf. Der Ziegenbock raste sofort los. Martin pfiffen von links und rechts die Zweige ins Gesicht. Er hielt sich verzweifelt an dem Gurt von Charly fest, aber war sich sicher, er würde nicht lange obenbleiben.
Plötzlich sah er eine Bergwand. Die Wand war zerklüftet und schimmerte wie schwarz poliertes Glas. Der Ziegenbock wurde nicht langsamer, er sprang von Felsvorsprung zu Felsvorsprung und Martin wagte nicht den Blick nach unten.
"Hundert Kerzen", schwor er sich, "hundert Kerzen stell ich im Dom auf, wenn ich heil ankomme." Er war schon lange nicht mehr in einer Kirche gewesen.
Ein letzter Sprung, Martin verlor endgültig den Halt, wie der Ziegenbock plötzlich stoppte und flog über dessen Kopf in einen Laubhaufen. Wie er aufstand, sah er, daß er auf einem kleinem Plateau mit einigen Bäumen stand. Vor ihm öffnete sich eine Höhle in der Bergwand. Ganz schwach roch er Silkes Parfüm. Der Ziegenbock meckerte, als wollte er sagen: "Na los, trau dich!"
Martin starrte in die Höhle. Er starrte den Ziegenbock an. Er starrte die Bergwand hinunter, aber schaute schnell wieder weg. Er zuckte mit den Schultern und betrat die Höhle. Der Gang lief waagerecht immer tiefer in den Berg hinein. Bald sah er nichts mehr und tastete sich vorwärts. Der Eingang hinter ihm sah aus wie ein weit entfernter, kleiner Stern.
Mit dem Kopf stieß er plötzlich gegen eine Wand. Sie fühlte sich hölzern an. Er tastete sich an ihr entlang und fand einen Türgriff. Er öffnete die Tür. Warmes Licht ließ ihn die Augen zusammenkneifen. Der Boden und alle Wände waren mit dicken, bunten Teppichen behängt.
Auf einem orientalischen Sitzkissen sah er Silke. Ihr Gesicht glühte. Sie hielt ein halbvolles Sektglas in der Hand. Sie war nur halb bekleidet.
"Sieh da, mein Holzklotz mit den Strampelhöschen", rief sie und kicherte. Ihre Aussprache ließ zu wünschen übrig.
"Ich bin dich holen gekommen."
"Immer, wenn's lustig wird, kommst du mich holen." Silke trank ihr Glas leer und füllte sich nach. "Trink lieber auch etwas."
"Ich habe mein Leben riskiert, dich zu retten", sagte Martin.
"Oh, das solltest du nicht. Ich muß nicht gerettet werden."
"Komm!"
"Warum?"
"Weil ich dich zurückbringen werden."
"Oh nein, oh nein! Hier gefällt es mir gut. Aber du solltest wirklich gehen. Der Drache ist sehr eifersüchtig. Und sehr verliebt."
Sie trank ihr Glas leer.
"Leidenschaftlich ist er auch. Ganz anders wie du. Richtig süß." Sie lachte. "Du hast Blätter im Haar."

Hans Peter Roentgen

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