Däumling

Es waren einmal eine Frau und ein Mann, die hatten einander sehr lieb und wünschten sich nichts mehr, als daß sie ein Kind hätten. Allein beide waren sehr arm und es war kein Gedanke daran, sich von Chromostechnologie die erforderli-chen Chromosome zu kaufen. Selbst die Sonderangebote der Neue Menschen GmbH oder die Winterschlußverkaufspreise der Instant Living Corporation konn-ten sie sich nicht leisten und daran seht ihr, wie arm sie waren.
Sie hatten aber von ihren Eltern ein altes Zauberbuch geerbt, da war beschrie-ben, wie man Kinder auf andere Art machen kann, ohne Chromosomentransfer und ohne Reagenzglas, ohne Copyright Gebühren und ohne Fertilitätsverstärker.
Das taten nun beide und nach neuen Monaten genas die Frau von einem ge-sunden Jungen. Der war ihr ganzer Stolz und ihre Freude, allein er war sehr klein und selbst mit vierzehn nicht größer als 1 Meter 70. Denn da er auf zauberhafte, nicht natürliche Weise geboren worden war, fehlte ihm das "Be Big" Gen genauso wie das "Größer sein" Gen seiner Kameraden, deren einer, da seine Eltern sehr reich waren, sogar das "Größer als 15 Meter oder Geld zurück" Gen besaß. So wurde der Junge wegen seiner Größe überall nur der Däumling geheißen.
Wie er heranwuchs bekamen seine Eltern manche Probleme wegen ihm. Die Chromostechnologie drohte mit Copyright Prozessen, da Däumling von seinem Vater das "Kein Karies" Genom geerbt hatte, die Instant Living Corporation for-derte Schadensersatz, hatte Däumling doch von seiner Mutter die "Sei Schön" Ge-ne geerbt. Die katholische Kirche drohte mit Pornographieklage und einem Prozess wegen Verächtlichmachung der Religion, denn schon in der Bibel steht, daß Chri-stus nicht auf diese obzöne, zauberhafte Weise gezeugt wurde und so sei es nun Gottes Wille, daß Menschen sich solcher schwarzer Magie enthielten.
Als Däumling nun sah, wie seine alten Eltern ob solcher Bedrängnis Tag um Tag bedrückter wurden, ihr Haar weiß wurde und sie das Lachen aufgaben, da sprach er zu ihnen: "Sorgt euch nicht um mich, liebe Eltern. Ich zieh hinaus in die weite Welt, ich finde schon mein Auskommen."
Zuerst wollten's die Eltern nicht leiden, doch wie sie sahen, daß nichts ihn hal-ten konnte, da ließen sie ihn ziehen. Sie gaben ihm ihre guten Wünsche mit, ein Stück altes Brot und etwas Käse, das war alles, was sie hatten.
Däumling zog los und wie er eine Weile gegangen war, da kam er in einen großen Wald. Dort traf er einen Förster, der diesen Wald pflegte.
"Wohin des Weges, kleiner Mann?" fragte ihn der Förster erstaunt.
"Wohin mich meine Nase führt und das ist geradewegs in den Wald" antwor-tete vergnügt der Däumling.
"Das laß lieber bleiben, denn wer diesen Wald betritt, kommt nimmer heraus" sprach der Förster. "Es wohnt ein Unhold darin, der frißt Menschen und ernährt sich von Touristen." Der Wald war nämlich ein Naturpark und nah und fern be-kannt. "Nicht einmal ich wage mich tiefer in den Wald hinein und dich verspeist er als Apetitthappen zur abendlichen Lindenstraße."
"Wenn's denn sein soll. Allein was ich zu klein bin, das hab ich an Grips dreimal mehr" antwortete der Däumling und marschierte lustig und vergnügt durch den Wald.
Nachdem er einige Zeit gegangen war, hörte er ein mächtiges Knacken und Krachen und sah einen 50 Meter großen Woodpeeker, der riß Bäume aus und sta-pelte sie als Brennholz. Er war ein böser Riese, seiner Company, der Speziellen Menschen AG entlaufen, ein Übeltäter und Menschenfresser sondergleichen.
Wie der nun den Däumling pfeifend daherkommen sah, lachte er, daß es von den Bergen widerhallte und Steine zuhauf zu Tale riß.
"Du Winzling, was suchst du hier?" fragte er gutgelaunt, denn er hatte erst vor einer Stunde 17 Neckermänner verspeist und der Däumling schien ihm selbst als Dörrfleisch nicht der Mühe wert.
"Ich suche Arbeit und wollte dich fragen, ob du einen Gehilfen brauchst." antwortete frech der Däumling.
"Was kannst du Winzling mir schon helfen" fragte der Riese noch immer la-chend. "Schau her" und er zerdrückte einen Felsen zwischen den Händen und tat-sächlich quetschte er zwei oder drei Tropfen Wasser heraus.
"Mehr kannst du nicht ?" antwortete der Däumling. "Da hab ich besseres auf Lager" nahm einen Stein und ohne daß der Riese es sah, seinen Käse und drückte und quetschte beide. Da lief die Molke nur so zwischen seinen Fingern hervor.
Dem Woodpeeker wurde Angst und Bange und er dachte bei sich: "Mit dem Winzling leg ich mich besser nicht an, der scheint Kräfte zu haben, die die meinen übersteigen."
"Nun gut, du kannst für mich arbeiten.", meinte er. "Ein Beinchen Jahnreisen-der fällt immer für dich ab" sprach's und beide machte sich ans Werk.
Der Däumling redete den ganzen Tag, gab Tipps und dirigierte den Riesen, sagte ihm, wo die größten Bäume stünden, tat aber selber gar nichts. Der Wood-peeker wunderte sich sehr, wie vergnügt der Däumling trotz der schweren Arbeit war. Als es dunkel wurde, packte er die Bäume zusammen, so daß die Stämme an einem Ende zu liegen kamen, die Kronen am anderen Ende.
"Nimm du nur die Stämme, ich nehme die Kronen, die sind schwerer und ge-rade recht als Abendsport" rief der Däumling und hockte sich auf die Krone des größten Baumes. Der Riese schleppte die Bäume heim, ächzte und keuchte und wunderte sich, wie der Däumling hinter ihm sang und pfiff, daß es eine Freude war.
"Mir scheint, der ist mir weit über" dachte der Riese und ihm ward Angst und Bange. Er beschloß also, den Däumling heimlich des Nachts, wenn er schliefe, zu ermorden.
Wie sie in die Höhle des Riesen angekommen waren, da begaben sich beide bald zu Bett. Der Däumling aber tat nur so als ob er schliefe, in Wirklichkeit kroch er in eine Felsspalte neben dem Bett. Wie der Woodpeeker den Däumling schnar-chen hörte, stand er auf und hieb mit beiden Fäusten auf das Bett, das es zerbarst.
"Mich deucht, mich hat eine Mücke gestochen" rief der Däumling aus seinem Versteck. "Schlaf weiter" antwortete der Riese.
Der Däumling fing wieder an zu schnarchen. Der Riese griff sich nun einen Hammer, der war gut 10 Meter dick und hieb auf das Bett des Däumlings, daß der ganze Berg zitterte. "Verdammt jetzt hat mich ein Floh gebissen" rief der Däum-ling.
"Schlaf weiter" sagte der Riese.
Der Däumling fing wieder an zu schnarchen. Jetzt packte der Riese einen Ei-senpfahl, der war ein Starkstrommast gewesen, und trieb ihn durch des Däumlings Bett hindurch, so tief er nur konnte. Dabei barst der Fels in der Mitte und alles Ge-stein über der Höhle stürzte krachend herunter und erschlug den Woodpeeker. Der Däumling aber kroch aus seinem Versteck und sammelte alle Schätze des Wood-peekers, Kreditkarten und Schecks, Geld und Schmuck und packte sie in ein Wohnmobil, das der Woodpeeker auf einem Raubzug erbeutet hatte. Dann fuhr er hinaus aus dem Wald und alle Menschen waren froh, daß der Unhold tot war.
Der Däumling aber kaufte mit seinen Schätzen die Copyrights aller Gene von Instant Living Corporation und Neue Menschen AG, von "Hab ein Kind" GmbH und Chromostechnologie AG.
Und wenn er nicht gestorben ist, hat er auch euch gemacht.

Hans Peter Roentgen

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