Blutkurier
Frankfurt City Blues II
(Vampir-Story, Reinhard Wissdorf, 1999)

Es war wieder mal eine dieser Nächte, in denen das Böse keinen Schatten warf, weil die Lichter der Stadt in herbstlichen Nebelschwaden ersoffen.
Ich stand an der Hauptwache in erster Position, der Motor lief, das Gebläse umfächelte meine Füsse mit trockener Luft und das Leselicht warf seinen trüben Schein auf mein Buch: Bram Stokers "Dracula".
Ich sah hinaus in die Nacht. Sie war so feucht , daß ein Gang über die Hauptwache mit zehn Blutegeln am Schienbein geendet hätte und ein Purzelbaum über die Chaussee so harmlos wie eine Kissenschlacht war. Niemand fuhr. Niemand brauchte ein Taxi. Plötzlich wurde meine rechte Hecktür aufgerissen. Eine dunkle Gestalt im Frack stand schwankend vor der Öffnung und kämpfte sichtlich mit ihrem inneren Gleichgwicht.
War es Ahnung oder so etwas ähnliches, aber ich konnte in der Gestalt von Anfang an keine gewöhnliche Suffeule erkennen, die einfach nur nach 54 Glas Champagner vom Operncafé nach Hause wollte. Etwas an dieser Gestalt war ungewöhnlich. Und das Wanken wirkte nicht wie Suff. Es sah viel mehr nach echter körperlicher Schwäche aus.
Als sie sich dann in die Polster fallen ließ, fing ich augenblicklich das Schlottern an. Ich weiß nicht warum, aber ich zitterte einfach so vor Angst. Normalerweise hat man ja dafür einen konkreten Grund, sei es, daß die Person, die einen bedrohte zwei Meter groß war, sei es, daß eine unfreundliche Maschinenpistole die heiße Schläfe mit kalten Schauern kühlte. Das war hier nicht der Fall. Der Mann oder "die Gestalt" lag in meinem Fond und atmete schwer. Nichts wirkte als Bedrohung, und doch schlug mir der Puls fast die Ader aus dem Kopf.
"W-Wohin solls denn ggeh'n?" fragte ich sachlich.
Keine Antwort, nur schweres Atmen.
"Ich mmmeine, w-wenn Sie m-mir nicht s-sagen wohin wie woll'n...dann kknannichnich"
"Sandhofstraße bitte," flüsterte das Phantom der Oper.
Na gut. Man soll mir nicht sagen. daß ich feige bin. Natürlich hätte ich jetzt aussteigen können, zum Hintermann gehen und sagen "Hey Kumpel. meine Töle springt nicht an, kannste meinen Fahrgast in die Sandhofstraße fahren?" Aber was hätte der Kumpel darauf erwidert? Entweder wäre er - einen plötzlichen Funkauftrag vortäuschend- mit quietschenden Reifen davongebraust oder er wäre seinerseits mit angeblich versagendem Motor zum Hintermann gewandert oder er wäre tatsächlich gefahren. Und ich hätte ihn auf dem Gewissen. Nee - da fuhr ich lieber selber. Also sagte ich nur kühl: "S-sandhofstraße, alles klar," schaltete die Uhr an und fuhr los.

Ich warf eine Blick in den Rückspiegel. Normalerweise dient das zu meiner Beruhigung. Solange ich in den Rückspiegel sehe, und dort sitzt irgendeiner und guckt teilnahmslos aus dem Seitenfenster, weiß ich, daß alles in Ordnung ist. Eigentlich völliger Blödsinn, denn wenn ein Mensch vorhat, einen Taxifahrer zu überfallen, dann wird er es nicht gerade dann tun, wenn der Taxifahrer in den Rückspiegel guckt. Er wird warten, bis der Taxifahrer an die Szene zwischen Mickey Rourke und Kim Basinger im U-Bahn-Eingang denkt - und dann zuschlagen.
Wahrscheinlich stammt das "In-den-Spiegel-schauen" noch aus Zeiten der alten Postkutscher in Transsylvanien, als man nie wissen konnte, was einem da für eine Laus im Pelz hockte. Und wo ein Blick in den Spiegel noch eine reflexartige Flucht veranlassen konnte, denn so eine Postkutsche fuhr höchstens mal 12 kmH.
Die Postkutschen von heute, die über 200 kmH entwickeln und in der Regel Tag und Nacht durchtuckern, lassen einem da wenig Spielraum. Ich kann jedenfalls sagen, daß meine Größe (223 cm um genau zu sein) mich nicht davor schützte jeden dieser 223 cm in Vibration zu versetzen, als ich im Spiel nichts, aber auch rein gar nichts außer der Polsterung meiner Rückbank sah.
Ich warf einen Blick über meine Schulter. Und da saß er, zusammengesunken und atmete schwer.
Ich sah in den Spiegel - und erblickte die Rückbank, die ganz und gar nicht atmete.
Verdammt. Ich wußte natürlich, daß es das nicht geben konnte. Es gab alles mögliche in dieser verrückten Welt, aber - meine Brüder, Hand aufs Herz - nicht DAS!

Oh nein - ich geriet nicht in Panik. Ich fuhr schön brav in die Sandhofstraße, während der Nebel vom Main herauf in die Ritzen meines Armaturenbrettes kroch und die Geister der Ertrunkenen auf dem Dach des Tanzbootes hüpften. Ich bog in die Sandhofstraße ein, obgleich ich wußte, daß es hier nur eine einzige Adresse gab: den städtischen Blutspendedienst, und obgleich ich ferner wußte, daß eben jener Blutspendedienst um diese Uhrzeit längst Ratten-Mause-zu war. So zu, wie ein Junkie nach einem 200-Märker-Druck. So geschlossen wie ein Mädchenpensionat nach dem Nachtgebet.
Ich hielt auf dem nassen Kopfsteinpflaster und vermied es, den Rückspiegel anzuschauen. War sowieso zwecklos, war eh nichts drin zu sehen. Meine Uhr zeigte 15,60 DM. Ich wagte nicht, das zu erwähnen.
Im Fond regte sich etwas, Nägel kratzen über Stoff. Dann hörte ich das gedämpfte Klacken des Türverschlusses.

"Warten Sie bitte hier auf mich!"

Das klang heiser und erschöpft. So erschöpft wie Humphrey Bogart in "Spuren im Sand", wenn er kurz vorm Verdursten mit seinem Kaktus spricht. Oder war das Karl May?
Ich, jedenfalls, gab Gas, als die Gestalt aus der Tür raus war. Ich rammte meinen rechten Fuß ins Gaspedal, als gälte es das Bodenblech zu testen. Ich sah noch seinen Schatten auf das Gebäude in der Sandhofstraße zuwanken, aber dann war ich schon vor der Ampel, die ich bei Rot überfuhr. Jeder einzelne Zentimeter meiner 2 Meter 23 jubilierte, als ich aus der Gefahrenzone war, und als ich dann an der Ampel zur Uniklinik stand, da war es mir, als flöge ein Schatten über meinen Wagen. Ich sah aus dem Fenster, und wenn ich noch Blut in den Adern gehabt hätte, dann wäre es mir spätestens jetzt zu Pudding geronnen, denn was ich erspähte, war eine Fledermaus, die über meinen Kopf hinweg auf den Main zuflatterte. Hat irgendjemand sonst jemals Fledermäuse auf dem Main gesehen? Na also!


Das Ganze lag etwa eine Woche zurück und ich hatte bestimmt niemandem davon erzählt. Nur den Nachtdienst - den hatte ich für eine Zeitlang abgestellt. Man braucht ja auch ein paar soziale Kontakte nicht wahr? Man kann ja nicht immer nur Nachts fahren, weil das auf die Dauer nur zu hohem Blutdruck führt, oder? Also mit Angst hatte das bestimmt nichts zu tun. Taxifahren bei Nacht war auch nicht gefährlicher als Bomben entschärfen - und dabei kamen weniger ums Leben, als im täglichen Verkehr.
Aber tagsüber gab es keine....Ach die gab's auch nachts nicht, oder glauben Sie so einen Scheiß? Na sehen Sie!
Ich stand jedenfalls wieder an der Hauptwache, so gegen 5 und meine Schicht war fast um. Die Obsthändler priesen ihre Restbestände zu Dumpingpreisen an, und die Miniröcke stöckelten über den Asphalt in ihre jeweiligen Szenecafés, wo man sich für weniger als 30 Mäuse den Salat von hochkarätigen Gigolos anmachen lassen konnte.
Ich stand in erster Position und hatte Enid Blytons "Hanni und Nanni" auf den Knien (alles andere war mir zu aufregend) als es leise an meine Scheibe klopfte.
Ich brauchte gar nicht hinzusehen. Ich wußte ganz genau, wer da klopfte. Ich blickte stur nach vorn.
"Darf ich mich zu Ihnen nach vorne setzen?"
Jetzt wandte ich doch meinen Kopf und erkannte eine vornehme Gestalt in einem etwas altmodischen Anzug in der offenen Beifahrertür. Das Gesicht war bleich aber nicht leblos und die Augen wirkten alt, aber nicht ermüdet.
Was blieb mir übrig. Ich nickte.
Der neue Fahrgast schob sich behend auf den Beifahrersitz.
"Zum Hauptfriedhof bitte," sagte er bestimmt.
Klar, dachte ich. Zum Hauptfriedhof. Wohin sonst? Und warum hat das Tageslicht dich eigentlich noch nicht umgebracht?
"Herrlich, diese Abendsonne, nicht wahr?" sagte er, als wollte er meine Gedanken Lügen strafen. "Ich versuche immer, sie zu erwischen, bevor ich nach Hause gehe."
"Nach Hause?"

"Ja, nach Hause. Es gibt dort Wohnungen, wußten Sie das nicht?"
"Nein. das wußte ich nicht."
Er sah mich von der Seite an.
"Sagen Sie - kennen wir uns nicht?"
"Nicht, daß ich wüßte." Ich sah ihn nicht an dabei.
"Oh doch! Sie haben mich neulich nachts in die Sandhofstraße gefahren, da bin ich ganz sicher!"
"Meinen Sie?"
Ich fuhr straight bis zum Hauptfriedhof. Von der Hauptwache zum Glück nur 10 Minuten. Am Hauptportal stieg er aus. Ich hatte wieder nur 15 Märker auf der Uhr. Er zückte sein Portemonnaie.
"Ich weiß genau, daß Sie das waren, vor einigen Tagen. Hier - das sind fünfzig Mark. Behalten Sie sie. Ich bin Arzt. Ich hatte eine achtstündige Operation hinter mir, als ich zu diesem Notfall gerufen wurde und kein Krankenwagen war bereit, alles unterwegs. Herbst ist Selbstmordzeit, wissen Sie? Ich weiß nicht warum Sie abgehauen sind, aber Sie hatten sicher ihre Gründe. Leben Sie wohl!"
Er warf den Fuffi auf die Mittelkonsole und verschwand.

Ich weiß ja selber nicht, ob irgendwas komisch war an der Geschichte. Ich hatte ihn verdammt noch mal im Spiegel nicht erkennen können! Ehrenwort! Aber das mußte ja gar nichts heißen. Vielleicht war mein Spiegel ja auch einfach nicht gut drauf an dem Abend. Ich glaub jedenfalls nicht an so einen Quatsch. Oder sie etwa? Wie? Warum ich immer einen silbernen Dolch in der Seitentasche habe? Na hör'n Sie mal! Nachts passieren doch die unmöglichsten Sachen. Und ob der Dolch nun aus Silber oder Eisen ist, wen stört das schon? Sicher ist sicher.

Reinhard Wissdorf
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