Bombay Business
(Story, Reinhard Wissdorf, 1999)

Jonas liegt auf dem Hotelbett. Die Arme hat er hinter dem Kopf verschränkt. Er starrt in den Ventilator, der nach Kräften die Heißluft durcheinanderwirbelt. Trotzdem liegt Jonas wie ein Schweinebraten in seinem Schweiß.
Der Ventilator gehört zu einem Hotelzimmer in Bombay. Bombay ist die wichtigste Stadt Indiens, aber für Jonas ist sie im Moment ungefähr so wichtig wie ein Pickel am Po.
Er hat gerade eine Dusche hinter sich und fürchtet, sich Fußpilz geholt zu haben. In einem frisch gefüllten Fünfliterkanister mit Trinkwasser blubbert eine achtzehnfache Dosis Micropur. Jonas fürchtet sich vor dem Wasser in Indien.
Genau genommen ängstigt sich Jonas vor allem und jedem in diesem Land. Eigentlich ist es gar kein richtiges Land, sondern eher so etwas wie ein exotischer Alptraum. Es ist heiß wie in der Hölle. Es stinkt nach Fäulnis, Untergang und Tod. Jonas fragt sich zum wiederholten Male, was er hier sucht, Abenteuer hat er sowieso noch nie gemocht. Das wird es sein: er hält sich für eine Memme und versucht, sich hier zum Helden zu päppeln. Das hat er glasklar analysiert. Aber zum Helden wird man nur geboren.
Jonas will sich in Indien das Rauchen abgewöhnen. Aber am liebsten wäre ihm gerade jetzt eine Zigarette. Gibt es in Indien überhaupt Zigaretten? Wenn ja, dann schmecken sie wahrscheinlich nach Heu.
Sein Herz pocht wie wild. "Wie halte ich das hier bloß aus?", denkt er sich. Sechs Wochen hat er sich vorgenommen. Wie zum Teufel soll er das durchhalten, wenn er jetzt schon den Kanal voll hat - fünf Stunden nach der Landung?
Die Fenster sind sperrangelweit offen. Zerschlissene Vorhänge wehen in der Meeresbrise. Er richtet sich mühsam auf und schaut nach unten. Zuallererst sieht er das Sims unter sich - bedeckt vom Unrat der letzten fünf Jahre: Massen von Zigarettenkippen, Kaffeesatz, undefinierbarem Müllbrei und den schleimigen Papayaresten, die Jonas heute Mittag dort hingekippt hat. Inzwischen balgen sich die Milane drum.
Das Zimmer liegt im neunten Stock. Von hier hat er einen netten Blick über das Südende von Bombay-Juhu.
Links sieht er einen Ausschnitt vom Arabischen Meer; ölig glitzernd und spiegelglatt. Rechts das Meer der Häuser, kleine gedrungene Bauten mit niedrigen Stockwerken, weil die Inder so kleinwüchsig sind, ein Zwergenvolk. Vereinzelt ragt ein moderner Hotelkomplex aus dem Palmgrün; ganz rechts erkennt er sogar so etwas wie eine Sehenswürdigkeit: ein alter Kolonialbau, viktorianisch vielleicht? In den engen Straßen drängen sich die gelben Moto-Rikshaws auf drei Rädern zwischen überfüllten Bussen. Dazwischen Palmen. Auf den Palmen schwarze Milane. Südindien gehört den Milanen.
Es riecht nach Meer und Kot, nach Sommer und Abend, nach Abgasen und exotischem Gewürz. Jonas atmet tief durch und fragt sich zum wiederholten Male, was ihn an diesem typisch- indischen Geruch eigentlich stört. Es ist so eine eigentümliche Mischung aus Patchouli, Curry , Sauerampfer und Bio-Müll. Er kann ihn eigentlich gar nicht richtig beschreiben. Man müßte indische Luft in Flaschen füllen und an neutralen Orten ausblasen.
Das Vogel-Gekreisch geht ihm auf die Nerven. Das Gehupe unten in den Straßen geht ihm genauso auf den Geist. Vom Gestank wird ihm schlecht. Die Hitze macht ihn fertig.
Jonas entschließt sich für das einzig richtige in so einer Situation: er schluckt zwei Valium, schließt die Augen und schläft ein.


Der späte Abend sieht ihn auf der Straße. Jonas braucht Rupees. Schwarzumtausch bringt 10% mehr, vor allem bei US-Dollars, aber wie soll er den Schwarzmarkt finden?
Vor dem Hotel kauern die Bettler. Entnervt schüttelt er Hände vom Hemd, wirft panisch mit Paisas um sich. Er flieht auf den Bürgersteig. Dort lungern die Taxen. Massen von Taxifahrern in allen Größen.

Jonas ist noch nicht besonders gewieft. Später wird er antworten: aus Finnland, vom Senegal, aus Lummerland, aus der Hölle. So aber antwortet er wahrheitsgemäß: "From Germany", und erntet die schwer einschätzbare Bemerkung:

Aha, denkt er sich. So geht das hier. Er schaut sich den Taxifahrer an: weiße Schlabberklamotten, dreckiger Hemdkragen, feiste Pausbacken und der unvermeidlich wackelnde Kopf. Man könnte glauben die Inder besäßen ein von Geburt an deformiertes Nackengelenk. Der Kopf wackelt ständig hin und her, als wäre er lose. Jonas nickt.

Der Taxifahrer sieht sich verschwörerisch um, dann kommt er einen Schritt näher. Er riecht nach Patchouli und Masala.

"Nineteen."

Jonas überlegt. Die Bank gibt ihm 1680 Rupees für Hundert Dollar und es dauert eine halbe Ewigkeit, weil die Beamten sich jede Banknotennummer, den gesamten Reisepaß und sicherheitshalber die Visitenkarte umständlich notieren. In vierfacher Ausfertigung. Hier bekommt er 1900 Rupees und das ohne jeden bürokratischen Scheiß. Dafür sind die Scheine vielleicht falsch. Egal - wenn er das nicht merkt, merken es die blöden Inder schon gar nicht. Jonas nickt dem Fahrer zu und läßt sich zu einem Kiosk führen.
Unterwegs verscheucht der Taximensch die Bettler und wimmelt zweifelhafte Angebote ab.

Inzwischen sind Jonas und der Taxifahrer am Kiosk angelangt. Dort wird so ziemlich alles verkauft: Zigaretten, Seife, Haferflocken und Haarspangen. Alles außer Pfeifenreiniger. Denn die Reinigung von sonstwas ist einer niederen Kaste vorbehalten. Der Mann hinterm Tresen ist bärtig und hat wache, flinke Augen. Er taxiert Jonas mit einem raschen, tiefen Menschenkennerblick und grapscht sich dann die Hundertdollarnote aus Jonas' Hand. Jonas öffnet den Mund, um zu protestieren, aber der Taxifahrer macht ihm durch Gesten klar, daß solche Aktionen nun einmal schnell abgewickelt sein wollen.
Ungeduldig wartet Jonas, bis er das abgezählte Bündel in die Hand bekommt.
Er zählt nach. Die Summe stimmt. Aber die Scheine sind teilweise nicht okay, weil einige der 50er Löcher haben. Jonas ist ausgesprochen clever. Jonas hat in seinem dicken Reiseführer gelesen, daß man solche Scheine nicht annehmen soll, weil man sie nur schlecht wieder los wird.
Deshalb beschwert er sich und gibt die Hälfte der Scheine zurück. Die anderen steckt er vorsichtshalber schon mal ein.
Der Bärtige wackelt mit dem Kopf und zählt wieder unter dem Ladentisch Rupien ab, während Jonas darüber sinniert, was jenes ominöse Kopfgewackle bedeuten mochte .
Der Bärtige schickt sich an, die Noten wieder über den Tresen zu reichen, auf dem rosafarbene Kunststoff-Krishnas neben Haferflocken tanzen. Bevor er sie Jonas geben kann, wird er von einem mageren Turbanträger angesprochen, der mit umständlichen Gesten nach einer einzelnen Zigarette verlangt.
Der Bärtige gibt dem Turban die Zigarette und zwinkert Jonas verschwörerisch zu. Jonas versteht nicht recht, bis der Turban ihn am Ärmel zupft. Jonas will ärgerlich auffahren, da sieht er die Uniform.
Lässig lehnt der Sikh-Polizist an einem Pfosten und labert mit einem alten halbnackten Mann im Dhoti. Der Schreck fährt ihm in die Glieder. Was jetzt? Etwas hilflos verlangt er nach einem Päckchen 'Four Square'. Einfach nur, um neben dem Polizisten etwas Schlüssiges zu tun. Der Bärtige gibt ihm das Päckchen und nimmt die vier Rupies dafür, die Jonas ihm hinhält.
Jonas geht ganz cool weg und versucht Land zu gewinnen. "Go, go, go!" zischt ihm ein Dritter zu. Der gehört also auch zu der Wechslerbande. Jonas nestelt das Päckchen auf und steckt sich nervös eine Zigarette an. Wo ist der Taxifahrer? Jonas geht wiederstrebend weiter. Immer wieder schaut er zum Stand zurück, an dem der Sikh-Polizist immer noch mit dem Dhoti plaudert. "

Sie haben ihn ausgetrickst, diese Schufte. Wahrscheinlich stecken sie mit dem Bullen unter einer Decke. Der kassiert jetzt die Hälfte von der Hälfte, die ihm noch fehlt. Aber was kann Jonas jetzt schon tun? Jonas hat keine Lust, sich mit dem indischen Polizisten anzulegen. Er kann auch schlecht rübergehen und erklären, daß man ihn beim Schwarzumtausch beschissen hat. Er hat keine Ahnung, was man in indischen Gefängnissen so alles parat hat. Er weiß nicht, ob sie Daumenschrauben verwenden, oder einen einfach nur konsequent verprügeln; er hat auch keine Lust es rauszukriegen.
Deshalb geht er stocksauer in sein Hotel zurück. Der Taxifahrer ist weit und breit vom Felde. Er nimmt den quietschenden Lift und guckt verärgert auf den Liftboy runter. Auch so ein Verbrecher. Wahrscheinlich lachen sie sich jetzt halbtot über ihn. Er bestellt beim Liftboy ein Bier und verkriecht sich in sein Zimmer. Wieder liegt er auf dem Bett und starrt den Ventilator an.
Er kommt sich unglaublich blöd vor. Kaum einen Tag in Bombay und schon den Einheimischen auf den Leim gegangen.

Es klopft an der Tür. Es ist der Liftboy mit dem Bier. Jonas zahlt die zwanzig Rupies für das saure Gesöff, das aber immerhin kalt ist. Dann rückt er wiederstrebend noch fünf Rupies Trinkgeld heraus, schließlich will er auch weiterhin gut bedient werden. Daraufhin drückt ihm der Liftboy eine Rolle Geldscheine in die Hand.

Jonas nickt. Wenn ihn jetzt jemand fotografieren würde, könnte er ihn mit dem Bild zeitlebens erpressen. Er kann gerade noch verhindern, daß sein Mund erstaunt nach unten klappt. Dann schließt er die Tür und zählt nach.

Es sind genau 950 Rupies - der Ersatz für die kaputten Scheine.

Reinhard Wissdorf
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