Abyssos
oder
das Loch am Darmende der Welt

(Fantasy-Story, Reinhard Wissdorf, 1999)

James, der Butler, staunte nicht schlecht. Als er am Vorabend das dreckige Geschirr in die Küche gebracht hatte, war das Loch jedenfalls noch nicht im Boden gewesen. Aber jetzt war's da, ohne Zweifel. Er gedachte der letzten Worte seiner sterbenden Mama: "Und ein Loch wird kommen und verzehren alles was da kreucht und fleucht, denn es ist das reine Nichts, daß es ausspeit."
Das klang damals ziemlich unheimlich in seinen Ohren und er hatte es sich gut gemerkt.

Er betrachtete das Loch. Es hatte den Durchmesser eines Fünfmarkstückes und schien unglaublich tief zu sein. Er konnte förmlich sehen, wie es das Nichts ausspie.

Probehalber goß er die halbvolle Kanne Tee in das Loch. Der Tee verschwand ohne einen Gluckser. Dann füllte er die Kanne mit Wasser und kippte es hinterher. Auch das Wasser ver- schwand. Er blieb noch ein paar Minuten sitzen, dann maß er das Loch erneut. Jetzt hatte es schon den Umfang eines Flaschenbodens. Da war für ihn der Fall klar.

Er setzte sich an den großen Küchentisch und schrieb einen Abschiedsbrief an die Mylady.

"Mylady! Ich bin untröstlich, aber an diesem Orte kann meines Bleibens nicht länger sein. Verzeihen Sie, daß ich abreise, ohne von Ihnen persönlich Abschied genommen zu haben, aber der Länge des gestrigen Festes nach zu schließen dürften Sie mit größter Wahrscheinlichkeit geruhen sich noch bis Mittag müde zu schlafen. Meine Angelegenheit duldet aber leider keinen Aufschub. Ich muß schnellstens nach Australien reisen, um meinem Bruder die letzten Worte meiner Mutter zu überbringen. Sie wissen, er lebt irgendwo im Busch und ist schriftlich nicht erreichbar. Leben Sie wohl, bis das große Loch sie ersaugt (nach meinen Berechnungen dürfte das spätestens gegen Abend der Fall sein). Ihr Butler James."
Und an den Premierminister des britischen Königreiches schrieb er:

"Werter Herr Premierminister! Leider muß ich ihnen mitteilen, daß der Abyssos am Arsch der Welt aufgetaucht ist, um England und den Rest der Menschheit zu verschlingen. Sollten sie Rückfragen haben, bin ich in Sydney, Australien postlagernd zu erreichen. Oder vielleicht auch nicht. Ihr erge- bester James Whole."

Dann warf er sich in seinen besten Tweed, packte noch schnell seine Zahnbürste ein und machte, daß er wegkam. Erst Stunden später fing Lady Roberta an, sich wachzugähnen.

Nachdem sie es satt war, ihre Finger wundzuklingeln, streifte sie ihren Morgenmantel über und schaute wutentbrannt nach ihrem Butler. Der war aber nirgends zu finden. Als sie in die Küche kam, wäre sie fast in das Loch gefallen, so groß und finster gähnte es, fast den gesamten Küchenboden einnehmend. Ein heiseres "Oh!" war das letzte, was man von ihr hörte, denn als die Köchin um die Flurecke bog, sah sie Lady Roberta bereits verschwinden, so daß weniger als nichts von ihr übrigblieb. Die Köchin alarmierte die Polizei, aber die konnte auch nichts weiter tun, als zusehen, wie das Schloß verschwand.

Die Nachricht verbreite sich in Windeseile im Königreich und dann auch schon in der restlichen Welt. Zwar mochte niemand so recht glauben, was da geschah, aber das hinderte den Abyssos nicht daran, weiterhin alles in sich aufzusaugen. Und ob man nun glaubte, was man sah, oder ob man es nicht glaubte, das Loch erwischte auch die hartnäckigsten Spötter.

Schnell waren Wissenschaftler an Ort und Stelle. Sie traten vorsichtig an den Rand des Lochs, spähten hinab und versuchten irgendwelche Instrumente in ihm zu versenken. Die Instrumente verschwanden im Nirgendwo.
"Es handelt sich zweifellos um ein Loch, das sich vergrößert," sagte ein anerkannter Professor. Das war auch schon alles, was er feststellen konnte, und niemand widersprach ihm.

Als James, der Butler in Sydney eintraf, war ihm die Nachricht vom durchlöcherten England schon vorausgeeilt. In allen Zeitungen wurde von dem Loch berichtet, das angeblich die Welt verschlang. "Diese Torfköpfe!", schimpfte James, als er das las. "Die haben keine Ahnung. Das ist kein Loch, das irgendwas verschlingt. Es spuckt! Es spuckt das Nichts!"

Er fragte sicherheitshalber ob irgendwelche Briefe auf der Post für ihn lagerten, aber da war nichts. "Hätte mich auch gewundert", brummelte er, kaufte einen Besen, und kehrte Sydney den Rücken.

Tage später war er mitten im Land, in Wildnis und Einöde. Tapfer schleppte er seinen Besen mit und rief immer wieder nach seinem Bruder. "Edward! Melde Dich endlich. Das Loch ist da und kippt die Nichtssoße über unsere Kartoffelköpfe!"
"Blödsinn!" meldete sich endlich sein Bruder aus einem Gebüsch. Er trat hervor und sah furchtbar aus. Ein wilder zerzauster Bart und ungewaschene Socken. James hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, und ärgerte sich auf Anhieb schon wieder über ihn. "Blödsinn," wiederholte Edward, und nahm James den Besen aus der Hand. "Das ist kein Nichtsspucker, dieses Loch. Es ist ein Totalkrummkrempler."
James widersprach ihm nicht. Edward kannte sich in solchen Dingen aus, das wußte er. Und Edward wußte, daß James sich mit Saubermachen auskannte. Wie es vereinbart war, kehrte er erst den Boden seiner Hütte, bevor er James hineinbat. Dann setzten sie sich um den runden Tisch und warteten auf das Loch.
Als es dann schließlich die Hütte verschlang, wurde James nervös, aber Edward beruhigte ihn. "Es ist der Krumpler, glaub mir! Ein singuläres Kataklysma. Spring einfach rein!" Aber James, höflich wie er war, wollte seinem Bruder den Vortritt geben. Schließlich hatte er den bei Mama auch schon gehabt, und er wollte die Dinge beim Alten lassen. Das ließ das Loch aber nicht zu und verschlang beide zugleich. Als der Golfball zu sich kam, war das Loch ziemlich weit weg. Das war ja auch der Sinn der Sache. Der Golfball rollte ein wenig hin und her, so als wolle er sich warmrollen. Dann machte er einen blitzartigen Ausfall und kam haarscharf vor dem Loch zum Stillstand. Er neigte sich leicht über die Kante, mit tänzerischer Anmut und kullerte mit verblüffender Präzision am Lochrand entlang. Dann ließ er sich wieder ein paar Zentimeter zurückrollen und schien zu überlegen.
Plötzlich hüpfte er erschrocken zwei Fingerbreit in die Luft. Die Fahne über dem Loch hatte gezittert! Das Loch kam ihm auf einmal etwas größer vor, als vor wenigen Sekunden. Wuchs es etwa? Und dann geschah etwas, was in die Geschichte der Golfbälle als der "incredible burning ballrun" einging, nämlich das scheinbar grundlose, panikartige Davonhopsen eines Golfballes. Dieser Jameson-Ball wurde jedenfalls im ganzen Land gesehen, über Hecken sausend, durch Pfützen schliddernd, geschoßartig über Wiesen pfeifend. Es soll Zeitgenossen geben, die davon überzeugt sind, daß der Jameson-Ball noch heute rund um den Globus rast, wie ein winziger Trabant, von Panik erfüllt.

Reinhard Wissdorf
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