Gespräch mit einem Dämon

Eines Sonntags sass ich in meinem Zimmer, spielte ein dämliches Computer-Spiel und hörte dabei eine CD mit Hits aus den 70ern. Irgendwann kam ,Hotel California', dessen Bass-Intro mich schon immer fasziniert hatte.
"Dm - dm,dm,dmm -", summte ich selbstvergessen, als sich jemand hinter mir räusperte.

Hastig fuhr ich herum: außer mir sollte niemand in der Wohnung sein. Trotzdem stand da einer. Er sah fast aus wie ein Mann - abgesehen von den kleinen Hörnern auf seinem Kopf und dem langen, dünnen Schwanz, der sich auf dem Boden ringelte. Dampf und Rauch stiegen von ihm auf. Der Kerl trug seltsame Kleider: rote und schwarze Seide züngelte über seinen Leib, die stark behaarten Arme steckten in hellen, mit verrenkten Figuren bedruckten Ärmeln, seine Hose durchdrangen lange schwarze Haare - oder war das der Stoff? Die Ränder seiner Kleidung konnte ich kaum ausmachen, sie verschmolzen optsch mit seiner Haut. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

"Du hast mich gerufen." sagte er. "Was ist dein Begehr?"
"Äh, was?!" stammelte ich. "Wer...?"
"Wo ist eigentlich dein Pentagramm?", unterbrach mich der Mann, der sich nun suchend umblickte.
"Mein ... - wieso?"
"Weisst du nicht, dass man einen Dämonen nur in einem Pentagramm beherrschen kann?"
"Einen Dämonen beherrschen? Wer sind Sie überhaupt?" fragte ich mißtrauisch.
Nun blickte mein uneingeladener Besucher verdattert. "Ich bin natürlich Ysdradel, zumindest ist das mein Ruf-Name", sagte er. "Das mußt Du doch wissen! Man kann einen Dämonen nicht rufen, ohne seinen Namen zu kennen." er zögerte einen Moment und fand sich dann wieder in seine Rolle zurück. "Darf ich auch den werten Namen meines Beschwörers - Entschuldigung! - meiner Beschwörerin erfahren?" seine Augen glitzerten hoffnungsvoll.
"Nenn mich einfach... Annette." Dämonen darf man natürlich nie seinen wahren Namen sagen, und man konnte ja nie wissen.

"Du kennst Dich also mit der Beherrschung von Dämonen aus", sagte Ysdradel triumphierend. "Du hast mich gerufen." Das schien sein Weltbild zu retten.
"Ich will niemanden beherrschen und ich habe niemanden gerufen", widersprach ich. "Also: was willst du?"
Das verwirrte den Dämon. Noch nie hatte ihn jemand gefragt, was er wolle. Stets verlangten andere Leute Dinge von ihm.
"Äh...", sagte er nun zweifelnd, "eine schöne heiße Tasse Tee?"
"Okay, kommt sofort. Setz...", fing ich an. Der Teppich unter izhm begann schon zu schmoren. "Nimm bitte diesen Stuhl", sagt ich, während ich ihm meinen einzigen Metallstuhl hinschob. Ein Glück, dass ich dieses unbequeme, avantgardistische Ding besaß.

Als ich den Tee brachte, glühte der Stuhl schon schwach. Der Teppich schmorte unter heftiger Rauchentwicklung.
"Warum hörst du diese Musik, wenn du gar keine Dämonen beschwören willst?", fragte Ysdradel.
"Bist du wegen der Musik gekommen?", fragte ich zurück.
Er nickte.
"Du warst nicht zufällig mal ein Engel?" vermutete ich.
"Doch, woher weißt du das?" der Dämon war verblüfft. "Verhalte ich mich zu undämonisch? Sollte ich dich vernichten?"
"Nein, nein", wehrte ich schnell ab. "Dämonen wenden sich nur gegen ihre Beschwörer, aber du bist ja aus eigenem Willen gekommen."
"Aus eigenem Willen!" rief er. "Wie ist das möglich?"
Darauf wusste ich auch keine Antwort. Ich hoffte nur, dass es eine Ausnahme war.

"Schön kühl ist es hier", bemerkte Ysdradel, diskret das Thema wechselnd. Wenn man unerwartet feststellte, einen uneingeschränkten freien Willen zu besitzen, sollte man das lieber nicht hinterfragen oder gar anzweifeln.
"Ich dachte, Dämonen lieben die Hitze."
"Nun, wie du ja weisst, bin ich noch nicht lange Dämon, erst seit ein paar Wochen. Man muss sich erst an die Temperatuern gewöhnen - und an alles andere: das Schreien und Stöhnen. Aber das Schlimmste ist die Langeweile. Da kommt man schon in Versuchung, mal zur Abwechslung eine verdammte Seele zu quälen."

Ich nickte mitleidig - und zugleich vorsichtig. "Tun dir die Verdammten leid?" fragte ich so neutral wie möglich.
"Oh, nein! Ich beneide sie. Die meisten müssen nur eine bestimmt Zeit verbüßen. Danach dürfen sie in den Himmel. Aber gefallene Engel sind auf ewig verbannt."
"Weshalb bist du denn gefallen, wenn du dich gar nicht auflehnen wolltest?"
"Gefallen... ich wurde hinunter geworfen. Alles wegen nichts. Mitten in einen Schlammpfuhl."
"Wegen nichts?" bohrte ich nach. "Einfach so?"

"Ich erzähle es dir." Ysdradel warf mir einen resignierten Blick zu.
"Eine geläuterte Seele kam kürzlich in den Himmel; ein sehr interessanter Engel, hatte lange in der Hölle geschmort. Wir freundeten uns gleich an, und da ich selbst noch nicht so lange im Himmel war, wollte ich alle Neuigkeiten von der Erde hören.
Die alten Engel interessiert das nicht mehr, aber wir Jungen haben unser Herz noch dort unten. Jedenfalls redeten wir über alles, was so in den letzten Jahren passiert war.

Wie du vielleicht weisst, vergehen für einen Sünder in der Hölle viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte der Buße während rundherum die Zeit (vom Verdammten aus gesehen) stehen bleibt. So war es also für mich, als sei jene Seele eben erst gestorben.

Er erzählte mir viel aus seinem Leben, auch von einem Spiel, dass er häufig gespielt hatte. Er nannte es ,Rollenspiel'. Und ich verstand nicht - wie naiv! - dass dies der Grund für seinen ungewöhnlich langen Aufenthalt in der Hölle war."
"Rollenspiel?" fragte ich ungläubig nach, "du meinst das, wo man so tut, als sei man jemand anderer, der durch eine Fantasie-Welt zieht und Abenteuer erlebt? Das mit den vielen bunten Würfeln?"
"Ja, das." sagte der Dämon. Er weinte fast.

"Ich selbst schmorte nicht lange in der Hölle", erzählte er weiter. "Christlich erzogen, behütet aufgewachsen, nie den Glauben verloren. Nur manchmal sündigt man eben doch. Oft weiss man ja gar nicht so genau, was erlaubt ist, und was nicht."
"Welch ketzerischer Gedanke" warf ich halb ironisch ein. Ysdradel schickte einen bösen und zugleich zustimmenden Blick herüber.
"Damals hätte ich das natürlich nicht gesagt, und erst recht nicht geglaubt." fuhr er fort. "Wie auch immer, von Rollenspiel hatte ich noch nie etwas gehört und auch nicht davon, dass es verboten ist. Obwohl wir in der Kirchengruppe oft über Okkultismus gesprochen haben.

Ach übrigens", unterbrach er sich, "machst du noch mal das Lied an? Ich frage micht, warum das auch verboten ist. Mir gefällt's jedenfalls."
Während ich am CD-Spieler hantierte, sprach er weiter: "Der neue Engel erklärte mir, was Rollenspiel bedeutet, und wir probierten es mit ein paar anderen jüngeren Engeln aus. - Es machte einen Heidenspaß!"
In Erinnerung versunken lachte der Dämon fröhlich. Er richtete sich auf, fiel aber gleich wieder in sich zusammen, als ihm die Bedeutung seines letzten Wortes klar wurde.

"Ja, ein Heidenspass", murmelte er, "und unser Verhängnis. Ohne Vorwarnung flogen wir aus dem Himmel, direkt in die größte Schwefelgrube der Hölle hinein.
Wenn wir wenigstens dort unten weiter spielen könnten. Aber Satan hat uns getrennt, damit wir keine Unruhe stiften. Als wäre Unruhe nicht der Sinn der Hölle!"

"Warum gründest du keine neue Gruppe?" fragte ich. "Du hast es ja schon mal gespielt und weißt, wie es geht. Jetzt kannst du meistern und dir einen neue Welt ausdenken. Bestimmt findest du auch viele Rollenspieler unten in der Hölle."
"Hm", überlegte Ysdradel. Er sah schon wieder etwas glücklicher aus. "Da hast du recht. Und die Erfahrungen der verdammten Seelen geben bestimmt genug Stoff für viele, viele Abenteuer."
Er wurde richtig vergnügt.
"Ich danke dir", sagte er glücklich. "Wenn ich irgend etwas für dich tun kann ..."
Er hätte mich umarmt, wenn nicht der Teewagen zwischen uns gestanden hätte, der unter seiner Berührung langsam zu Holzkohle verkokelte.
"Ruf mich, wenn du mich brauchst", schloß er, "du weißt ja wie es geht." Er zwinkerte mir noch mal zu und verschwand in einer Rauchsäule.

Nachdenklich setzte ich mich hin und schrieb ein Abenteuer, in dem ein trauriger Dämon die Hauptrolle spielte.
"Wir sehen und wieder..." murmelte ich.

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Julia Bergius

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