Das Schloss

"Sie kommen", sagte Lucas als er in den Salon eintrat. Adriana und Simion saßen dort in dicken Sesseln und unterhielten sich leise. Die vielarmigen Kerzenhalter verbreiteten mildes Licht, das kaum den Raum ausleuchtete, im Kamin knisterte ein fast herunter gebranntes Feuer. Auf einem kleinen Tisch vor Adriana lag ein Buch, handgeschrieben und in Leder gebunden, das ihr erst vor wenigen Wochen ein Mönch aus der Klosterbibliothek abgeschrieben hatte.

Die drei wechselten Blicke - sie wussten, was das bedeutete. Sie standen einander so nahe, als hielte ihre Freundschaft schon mehrere Leben lang. Viele Jahre hatten sie in Frieden in dem abgelegenen kleinen Schloss gelebt, nun aber marschierte ein Mob den Weg herauf, um sie zu vertreiben.

Das Schloss war ein großes, herrschaftliches Haus, eine Vorform der dekadenten Schlösser der Renaissance. Neumodisch also, dennoch tausende Jahre alt. Möbel, alte und neue, bevölkern die Räume, vergangenes Leben flüsterte durch die Gänge, aber keine Menschenseele hat darin jemals eine Heimat gefunden - jedenfalls nicht für sehr lange.

Die drei gerieten nicht in Panik - dafür hatten sie in ihrem Leben schon zu viel erlebt. Gelassen traten sie in die Eingangshalle, wo sie auf ihre Verfolger warteten. Lucas hielt eine Kerze in der Hand, in deren Flamme die Blicke der drei Leute verschmolzen.

Sie drei - Adriana, Simion und Lucas - waren die letzten Nachfahren der großen Familie Robine, die einst das Schloss baute. Die vielen Gesichter der Ahnengalerie blickten untrüglich verwandt auf sie herab: schmale Gesichter, mindestens kinnlange Haare in allen Variationen von blond; bronzene Haut mit einem Hauch von Patina; lange schmale Finger, die zu beweglich aussahen, in dünnen Handschuhen. Nicht alle hatten sich hinter Schlossmauern verborgen; viele reisten durch die ganze Welt und brachten Kunstwerke, Kuriositäten und Neuigkeiten zurück. Doch die Zeiten verdüsterten sich und nun mussten die drei Erben der Dynastie einen großen Schritt tun, um zu überleben.

Draußen ertönte dumpfes Getrappel und Schreien. Beides näherte sich schnell. Die drei fassten sich an den Händen, die Kerze schwebte in ihrer Mitte. Das Trampeln rückte näher, beharrlich, hastig. Schon erreichte die Meute das Tor und überwand es leicht - es stand offen und unbewacht.

Sie erkannten eine Stimme, die sich über all das Geschrei erhob: Der Priester der winzigen Grafschaft hielt im Laufen eine Hetzrede gegen die drei Schlossbewohner. Die Stimmung der Dörfler kochte: "Hängt sie!" "Auf den Scheiterhaufen!", "Hexenpack!", "Teufelsdiener!" schallte es im Hof. Der Priester strahlte in seinem Element: Ihm als erfolgreichem Diener des gerechten Gottes, als hochgeachtetem Anführer dieser entschlossenen Schar Teufelsaustreiber gebührte Ruhm und Respekt.

Die Menschen erreichten das Portal zur Halle: Einige schleppten einen Baumstamm als Rammbock heran, andere schichteten Feuerholz auf. Der Priester hielt eine kurze Ansprache, immer wieder von der johlenden Menge unterbrochen. Er geißelte das satanische Treiben der Robines, rief zum gerechten Gottesurteil auf. Der Mob tobte, wollte endlich handeln, wo der Priester noch redete.

Der Graf, mit seiner Frau am Arm, hielt sich im Hintergrund. Seiner Sticheleien wegen ging der Priester nun gegen die Schlossbewohner vor. Leicht konnte er Gerüchte über Schwarze Messen und Hexerei auszustreuen. Die Schlossbewohner hatten ihm dabei mit ihrer unnahbaren Zurückgezogenheit sehr geholfen. Sein gesamtes Volk - in den zwei Dörfern und fünf Einzelhöfen - glaubte inzwischen, dass dieses kauzige Trio unheilvolle Beschwörungen im Schloss abhielt.

Dem Fürst war das egal, aber das Schloss gefiel ihm: ein großes, schönes Haus wie kein anderes weit und breit. Das stand doch wohl ihm zu, nicht diesen hochnäsigen Schnöseln! Sein Diener, der Sohn des Priesters, hing an den Lippen seines Vaters. Er freute sich, dass der dem Volk drei weitere Hexen vom Hals schaffte.

Das Geschrei schwoll an. Dumpfes Pochen erschütterte die Tür zur Eingangshalle des Schlosses. Nicht, dass sie abgesperrt war; doch das merkten die aufgebrachten Erstürmer erst später. Die Türflügel splittern. Die drei Leute in der Halle bewegten sich nicht. Als die Tür vollends barst, schlossen sie wie auf Verabredung die Augen.

Die aufgebrachte Meute ergoss sich in die Halle auf den schönen Teppich aus Persien; Bauern mit Sensen und Sicheln, Fackeln und Flegeln, Mistgabeln und Rechen. Sie umzingelten die Robines in einem großen Kreis.

Adrianas Stimme dröhnte durch die Halle, obwohl sie die Lippen nicht bewegte:"Hütet euch vor eurer Gier und eurem Hass: Eure Nachkommen werden euch verfluchen, denn kein Menschen kann in diesem Haus glücklich sein!"

Bevor die Angst in der Menge um sich greifen konnte, rief der Priester vom Türrahmen aus: "Schwarze Zauberei! Ergreift sie!", indem er theatralisch auf die drei Personen deutete. Der Bauernmob fiel über die drei her, während sich der Priester vorsichtshalber wieder nach draußen schob.

***

Dann öffneten sie die Augen wieder. Allein standen sie in der Halle, wie zuvor. Doch nicht ganz wie zuvor - die Halle sah anders aus: Fremder Nippes drängte sich auf der Anrichte aus dem Salon, die wuchtige Garderobe fehlte. Unvertraute Möbel aus vielen verschiedenen Epochen ersetzten die lange Regalwand an der Rückseite der Halle.

Es war noch immer Abend, aber grelle Lichter blendeten ihre Augen. An den Wänden und der Decke hingen Lampen, die nicht rußten und flackerten, Kerzen und Fackeln fehlten.

Die Tür zum Salon öffnete sich und ein älterer Mann in Livree trat heraus. Die drei erkannten in ihm sofort den Nachkommen des Priesters, dessen Familie offenbar seit Generationen die Diener der Schlossbewohner stellte.

Der Bedienstete griff in seine ausgebeulte Westentasche. Scharf fragte er: "Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?"
"Wir schauen uns das Schloss an", sagte Adriana.
"Dies ist Privatbesitz, Sie dürfen nicht einfach hereinkommen", fuhr der Diener sie an, "und jetzt gehen Sie, sonst rufe ich die Polizei."

"Wir sind harmlos", sagte Lucas lächelnd. "Wir wollen mit dem Hausherren sprechen. Sicher wird er uns zuhören."
Der Butler versteifte sich, seine Hand nahm er nicht aus der Tasche. "Wen darf ich melden?"
"Wir melden uns selbst an", erwiderte Simion.

Schneller, als der Butler reagieren konnte, gingen die drei an ihm vorbei auf die Salontür zu, aus der ein Lichtstrahl fiel. Der Diener folgte ihnen verstimmt.
Der Hausherr öffnete die Tür vollständig. "Gibt es Probleme?" fragte er seinen Butler. "Wer sind die Herrschaften?"
"Wir möchten mit Ihnen und Ihrer Frau sprechen," sagte Adriana. Die Frau des Schlossherren legte ihr Buch nieder und trat neugierig näher. Die drei Fremden betrachteten sie ebenso intensiv wie ihren Mann.

In beiden floss das Blut des Grafen - soviel stand fest. Die Frau sah zwar nur nach einer entfernten Verwandten aus, doch die Familienbande existierten, samt der aufrechten, aristokratischen Haltung und dem herrischen, ja hochmütigen Blick. Auch die Nachkommen des Grafen zeigten stolz ihre adelige Herkunft.

"Kommen Sie", sagte Adriana, indem sie die Hand der Frau ergriff. Diese wollte die Hand entziehen, doch Adriana hielt sie eisern fest.
"Was wollen Sie? Lassen Sie mich los!", kreischte die Frau. "Sie haben es auf mich abgesehen, alle haben es auf mich abgesehen! Aber sie kriegen mich nicht!" Sie zitterte so stark, dass sie den letzten Satz kaum mehr herausbrachte.

Der Butler zog die Hand aus seiner Tasche; darin hielt er ein knubbeliges Metallding mit einem kurzen Rohr. Er zielte auf Adriana und zischte: "Lassen Sie sie los! Lassen Sie sie los, oder es passiert was. Sie darf sich nicht aufregen, lassen Sie sie SOFORT LOS!" Seine Stimme gewann unerwartet an Dichte, als hielte er sich für den wiederauferstandenen Rächer der Enterbten persönlich.

Der Schlossherr hingegen verabschiedete sich sanft in eine Ohnmacht, nur Simions Zugreifen verhinderte seinen Aufprall auf dem Marmorboden. Lucas rang mit dem Butler und ein Schuss fuhr klirrend in den künstlichen Lüster, bevor er ihn in einen festen Griff zwang.

Die drei ungebetenen Besucher zerrten, schoben oder schleiften die Schlossbewohner in die Mitte der Halle. Als alle einen Moment ruhig hielten, tauschten die Fremden tiefe Blicke. Ein Schleier zog vorbei. Der Schlossherr erwachte wieder, sah aber genauso abwesend drein wie seine Frau und sein Diener.

Willig ließen sie ihre Hände miteinander verbinden, warteten geduldig auf ihr Schicksal. Noch einmal versenkten die drei Fremden ihre Blicke, diesmal länger und intesiver. Abermals schlossen sie ihre Augen - und öffneten sie wieder. Ihre drei Opfer waren fort, und sie machten einen Rundgang durch das Schloss.

***

Der Schlossherr, seine Frau und der Butler starrten die Eindringlinge entsetzt an, die wie aus dem nichts erschienen waren. Bevor sie fliehen konnten, ergriff der Mob sie, und traktierte sie mit Püffen, Schlägen und Spucke.
"Bindet sie, bring sie hinaus! Auf den Scheiterhaufen mit ihnen!" brüllte eine überschnappende Stimme von draußen.

Bis die drei den Hof erreichten, konnten sie sich kaum mehr aufrecht halten. Sie bluteten, ihre Kleider hingen zerfetzt herunter. Der Butler gab einen vergeblichen Schuss aus seinem Revolver ab. Die eisenbeschlagene Spitze eines Dreschflegels zerschmetterte seine Hand, der Revolver - das Teufelszeug - verlor sich in der Menge. Sein einziges Opfer trug man hinaus, wo es seinen Märtyrertod sterben durfte. Nichts konnte die Masse jetzt noch überzeugen, dass alles mit rechten Dinge zugehe.

Der Priester überlies das Feld seinen Schergen und gesellte sich zum Graf. Dieser grinste fröhlich, seine Frau wirkte eher gelangweilt.
Während die drei Gefangenen auf den Scheiterhaufen gebunden wurden, glänzte der Priester in einer weiteren Sternstunde: Pathetisch forderte er die drei auf, alles zuzugeben und der dunklen Hexerei abzuschwören, rief noch mal alle Engel und Heiligen an, bemühte die großen Inquisitoren jener Zeit und forderte zuletzt seinen Gott auf, Gerechtigkeit walten zu lassen. Dann verstummte er.

Mit ölgetränkten Lumpen entfachten die selbsternannten Henker das Feuer. In seinem auflodernden Schein zeigten sich endlich die Gesichter der drei Leute deutlich. Die Meute schien es nicht zu stören, dass die drei plötzlich anders aussahen als noch am Tag zuvor. Es waren schließlich Zauberer, nicht wahr? Der Antichrist musste brennen - in welcher Gestalt auch immer.

Doch der Graf erbleichte, ebenso seine Frau und der Priester: Auf dem Scheiterhaufen vor ihnen standen fast ihre Ebenbilder. Die Gefangenen blickten sie entsetzt übers Feuer an, erkannten ihre Verwandtschaft. Sie verstanden nichts, schrien in Agonie und Zorn. Auch der Graf begann zu schreien. So schnell schon traf ein, was die Hexe prophezeit hatte: "Deine eigenen Nachfahren werden dich verfluchen"

Von dem Tag schwebte der Wahnsinn in seiner Familie nur einen dünnen Schleier entfernt. Das Schloss aber wurde nur einige Jahrhunderte von Menschen gestört, bis seine unirdischen Erbauer zurückkehrten.

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Julia Bergius

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