Mahlzeit
(SF, Marc Albrecht, Mai 1987)

Ich tippte wie ein Besessener. Der Chef wollte bis heute abend alle Daten verfügbar haben. Mit zwölf Mann saßen wir an den Terminals und hauten die endlos erscheinenden Listen in die Tastaturen. Kneipen, Restaurants, Bahnhöfe, Hotels und so weiter und so weiter. Fehler kosteten nur Zeit. Wie immer, wenn man es mit Kollege Computer zu tun hat. Das Blöde an diesen Elektronen-Schleudern ist, daß sie alle Daten, die man später von ihnen verlangt, erst einmal schlucken müssen, was uns armen Tippern elf wunde Finger verschafft...

Ich war gerade mit einem Absatz fertig und lehnte mich zurück, da bemerkte ich eine Umstellung auf dem Schirm. Irgendetwas stimmte da nicht. Ich konnte die faule Stelle aber leider nicht genau lokalisieren. Also strengte ich eine Rückverfolgung an. Sollte der große Rechner doch gefälligst selber seine Verdauungsprobleme aufspüren. Er spürte und spürte... und fand nichts. Zumindest eine ganze Weile lang nicht. Ich wollte gerade wieder mit Tippen anfangen, da sah ich, wie ein Datum auf dem Schirm verschwand. Einfach gelöscht. Ich überprüfte die entstandene Lücke und entdeckte, daß ich tatsächlich eine Kneipe zweimal eingetippt hatte. Zu dumm. Naja... Irgendwie ging es langsamer. Der tolle neue Computer sollte doch eigentlich bei zunehmender Speicherauslastung nicht langsamer werden ! Er wurde es aber. Ich hielt nochmals inne und ging in die Menüs zurück. Der Kerl war mit irgendeiner Aktion beschäftigt.

Nun, ich kannte mich mit dem System genügend aus, um ihm eine Status-Meldung abzuverlangen. Aha... Mein Fehler von vorhin hatte anscheinend einige andere Irrtümer aufgedeckt bzw. akut gemacht. Der Computer war augenblicklich in der Eleminierung von Folge- bzw. Ursache-Fehlern engagiert. Ich liess ihn, ging aber zurück in meine Daten-Leiste.

Einige Zeit (so etwa 10 Sekunden lang) geschah nichts auf dem Schirm, was nicht weiter verwunderlich war. Ich wartete nur auf die Vollzugsmeldung. Dann sah ich, wie erneut eines der sichtbaren Daten gelöscht wurde. Langsam wurde es mir zu bunt. Jetzt sollte der Chef sich einschalten, schließlich war der bei der Systementwicklung maßgeblich beteiligt. Vielleicht hatte man ja ein Netzprogramm eingebaut, sodaß all meine schönen Daten nicht auf immer verloren waren...

Ich suchte mir das Unterverzeichnis Personen und ging die seltsam kurze Liste von System-Programmierern durch. Mein Chef war nicht dabei. Irgendetwas (ich weiß, ich wiederhole mich) war hier faul - oberfaul. Die Liste Institutionen zeigte ebenfalls ein kümmerliches Bild. Immerhin "gab" es unsere Firma noch. Aber entweder mein Kollege für diesen Datenbereich war verdammt faul gewesen oder unser schöner Rechner arbeitete gegen uns.

Ich rief in der Zentrale an. Die Nummer weiß schließlich jeder unserer Mitarbeiter auswendig. Das heißt, ich versuchte, in der Zentrale anzurufen. Die gab es bereits nicht mehr. Ahem...

Wenn es die Zentrale im Compuddel nicht gibt, so ist das noch lange kein Grund dafür, in der Realität inexistent zu sein. Mir begann einiges arg zu mißfallen. Ich stand auf und rannte regelrecht zwei Etagen unseres Wolkenkratzers hinunter, um den Chef persönlich auf ein kleines Problem an- zusprechen. Sein Büro war leer. Mit leer meine ich ganz leer, es stand nicht mal ein Stuhl darin. Ich flog mit klopfendem Herzen in meine Abteilung zurück und griff dorthin, wo normalerweise das Telefon stand. Nichts.

Der Computer arbeitete wie ein Wilder weiter an der Auslöschung aller eingegebenen Daten. Ich begann zu hoffen, daß die Abteilung Personen noch nicht bei ihren Mitarbeitern angelangt war, sonst... Nein. Hoffentlich waren die schon gelöscht, dann konnten wenigstens die noch uneingetippten Menschen weiterexistieren.

Ich hatte Angst.

Eine neue Statusmeldung verriet mir das Vorgehen des Löschprogrammes. Alle Verbindungen zwischen fehlerhaften Daten und normalem, "sauberem" Material ergaben eine Löschung beider Enden und damit eine Unstimmigkeit an der Stelle der gelöschten "sauberen" Daten - weiteres mußte verschwinden. Hoffentlich war ich noch nicht in den Rastern dieser Maschine gefangen. Ich verspürte absolut kein Verlangen nach der Aufgabe meiner Existenz.

Länger sitzen zu bleiben schien mir unmöglich. Die Welt ausserhalb meines Bürofensters war trostlos. Kaum ein Haus stand noch da, wo es hingehörte und Massen von Menschen liefen auf den unasphaltierten Straßen herum. Seltsam, daß es noch soviele Menschen gab. Vielleicht wurden nur die Bosse entfernt, deren Verbindungen dank ihrer Positionen weitreichend genug waren... Ich wußte nicht, wie ich mir all das erklären sollte. Ich wußte nur, daß ich in einem Bungalow am Fenster stand und mich wunderte, wohin der tolle Skyscraper verschwunden war, der einst meine Arbeitsstelle bildete.

Jetzt begannen die Menschen da draußen weniger zu werden. Ich mußte mich doch wieder setzen, denn auf einmal fühlte ich mich schwach... Tötlich schwach. Das Terminal vor mir existierte noch immer. Leider. Meine Augen fielen zu, ich vergaß beinahe alles um mich herum...

Eine Hand auf meiner Schulter weckte mich auf. Einer meiner Kollegen stand neben mir und sprach zu mir. Was denn los sei, wollte er wissen und ob ich mich überarbeitet habe. Ich sah auf den Bildschirm vor mir, doch bevor ich noch irgendetwas klar erkennen konnte, hatte ich im Blickwinkel das Telefon entdeckt. Die Daten auf dem Schirm bestätigten meine Hoffnung... Mein letzter Eintrag war vor einer halben Stunde gewesen. Ich hatte offensichtlich sehr fest geschlafen. Meinem Kollegen sagte ich, es sei alles in Ordnung und ich würde nur gleich einen Kaffee trinken gehen, woraufhin er mich in Ruhe ließ.

Ich lag in meinem Stuhl und starrte fast glücklich auf die ermüdende Mattscheibe. Alles, was ich eingetippt hatte, stand da, ohne einen Fehler und ohne Löschung. Auch das doppelte Datum, mit dem der Alptraum begonnen hatte. Ich ging mit dem Cursor in die entsprechende Zeile und wollte den Löschbefehl eingeben, da verschwand die Zeile bereits von selber. Mein Herz blieb einen Moment lang stehen...

Dann stand ich auf und wanderte langsam in die Kantine, um mir einen starken, schwarzen Kaffee zu besorgen...

... solange es noch welchen gab.

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
www.Elerion.de

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