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(SF, Marc Albrecht, 1991)

Janina setzte ihren Comptec--Helm auf und aktivierte durch einen mentalen Befehl den Computer ihres Intruders. Die Elektroniken setzten mit leisem Rauschen ein, erfüllten ihren Kopf mit Knistern und Brummen. Durch das Chaos hörte das Mädchen die Statusmeldungen und den Raport des Gefechstandes.

Zielaufnahme. Kat-Start in 10 Sekunden. Countdown läuft.

"Kadettin Janina übernimmt Kontroll-Panel. Erbitte Realmodus zur Qualifikation."

Kadettin Janina anerkannt. Qualifikation in 30 Minuten. Countdown läuft. Geben Sie ihre Medi-Nummer an.

Janina realisierte ihre Nummernkette und wies damit gleichzeitig den Computer an, medizinische Notversorgungen von ihrem Konto abzubuchen. Sollte sie jedoch im Gefecht zerstört werden, so würden ihre Freundinnen und Kolleginnen den Restbetrag gutgeschrieben bekommen. Guthaben mußten verbraucht werden, der Krieg ließ kein Sparen zu.

Als die glühend roten Zahlen vor ihren Augen der Null entgegenliefen, spannten sich Janinas Muskeln an. Kribbeln durchlief ihren Körper, als der große Sichtschirm vor ihr zum Leben erwachte und den Blick freigab auf die tiefe Schwärze des Alls.

Lichtpunkte schimmerten eisig in unerreichbaren Fernen. Aber der Feind war nahe. Sie alle wußten um die Bedrohung, die da draußen auf sie wartete. Das Böse, konzentriert in einer Form des menschlichen Daseins. Alle, die kämpfen konnten, taten dies. Janina war jung und unerfahren. Aber sie flog ihren Intruder seit sie acht Jahre alt und somit fähig war, die mentalen Befehle des Computers zu verstehen. Und heute wollte sie ihre Qualifikation zum Leutnant machen. Das hieß, sie würde da draußen sechzehn Feinde zerstören müssen. Ihre Körper zerlegen in Glieder, ihre einzelnen Glieder in Zellen auflösen und die Zellen zu Molekülen zersprengen. Ein einzelner Volltreffer mit dem AM-L57 würde all dies im Bruchteil eines Augenblicks tun.

Wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllte, würden mit ihr drei Mädchen umkommen. Und zwölf rechnerinterpretierte Dummies würden gelöscht werden. Das konnte ihre egal sein --- aber der Feind hätte dann einen kaum noch wettzumachenden Vorsprung. Sie würde nicht versagen. Ihr Haß war groß genug. Die Männer, auf die sie heute schießen würde, verdienten den Tod. Sie waren das Böse. Nicht einen Moment dachte sie daran, daß es ein winziger Zufall gewesen war, der über ihr eigenes Geschlecht entschieden hatte.

Der Countdown zeigte Null. Die Gurtspangen schlossen sich um ihren Körper, die Injektion wurde augenblicklich durchgeführt und alle ihre Sinne konzentrierten sich auf die kommenden 30 Minuten Gefecht. Danach war sie entweder Leutnant --- oder sie würde nie wieder einen Intruder fliegen können.

Die Schleuse der Station schloß sich hinter ihr, der Schutzschirm wurde wieder aufgefahren. Das zeigte die optische Induktion. Doch im gleichen Moment, in dem sie diese gewohnten Informationen beachtete, kreischten die Alarme auf und ihr Comp ließ den Gleiter herumschwenken. Hinter der Station hatte sich eine Gruppe von Fightern verdeckt gehalten und nur auf ihr Auftauchen gewartet.

Sie zog den Gleiter hinab, um unter der Station durchzutauchen und mitten in die Gruppe zu stoßen -- doch schon zu spät, der Feind eröffnete sein Feuer. Drei mal zwei Traktorlaser schossen sich auf das wendige kleine Ziel ein. Zunächst trafen sie nicht, endlich zerfetzte jedoch ein Schuß den Rückkontroller ihres Gleiters. Der Bildschirm für die Sicht nach hinten wurde dunkel.

In ihrem Kopf dröhnte die Stimme des Hauptrechners.

Wesentlicher Treffer nach einer Minute dreizehn. Rang niedrig. Rückflugangebot.

"Nein. Ich mache weiter."

Taktik ?

"Bestimmt nicht wie Ariane."

Ariane hatte vor einigen Wochen versucht nach einem wesentlichen Treffer in das Quartiert der Feinde einzudringen. Ihr Gleiter war dabei zerstört worden, aber ein Abfangtraktor hatte sie in ihrer Rettungskapsel erwischt und in die Station gezogen. Der Mann, der den Strahl gesteuert und die Aktion kontrolliert hatte, war nicht mehr dabei. Ariane konnte natürlich auch nicht mehr kämpfen. Dabei war sie die beste Schützin, die die Frauen gehabt hatten.

Janina konnte jetzt den Gedanken nicht mehr nachhängen. Sie feuerte aus allen Reserven und jagte einen der Feinde nach dem anderen hoch. In hellen Feuerbällen zerplatzten die komplizierten Fighter. Drei Opfer nach vier Minuten Kampf. Janina rief den Rapport ab.

Kein Rapport nötig. Drohnen.

Wütend schrie sie auf. Sie hatte auf Compgesteuerte Drohnen geschossen und wertvolle Energie vergeudet. Der Feind war nicht geschwächt.

Mit Hochgeschwindigkeit jagte der Gleiter der einzigen bekannten Stützposition der Feinde entgegen. Die Daten waren veraltet --- aber Janinas einzige Chance, doch noch einen Soldaten aus Fleisch und Blut vor ihr Fadenkreuz zu bekommen...

Sie hasste die Wesen, die sie bekämpfte. Die Männer nahmen den Frauen alles. Freiheit, Lux-Cons, Rechte auf Arbeitseinheiten und so vieles mehr. Sie verdammten die Frauen dazu, ihren Hobbies nachzugehen, statt sich mit anstrengenden, dreckigen Jobs abgeben zu können, an denen sie ihre Aggressionen auslassen konnten. Und sie waren --- wenn sie den Geschichtsaktionen glauben konnte --- früher ebenfalls nur im Vorteil gewesen. Nie hatten die Frauen sich selbst ein Imperium der Macht aufbauen können. Sie waren dazu verdammt, Kinder aufzuziehen, "ihre Männer" zu umsorgen und nett auszusehen. Nun endlich mußten sie nicht mehr im Hintergrund bleiben, jetzt konnten sie kämpfen, zerstören und vernichten.

Zielpunkt erreicht. Kein Status.

Janina fluchte kurz. Die Daten waren zu alt. Hier war längst niemand mehr. Und ihre Zeit ging zu Ende. Sie hatte noch zwei Minuten Kampf und mußte den Rest für die Rückreise sparen. Ein Alarm schrillte.

Feind ausgemacht.

Der Gleiter sprang zur Seite, als die Formation hinter Janina auftauchte und das Feuer eröffnete. Sie ließ ihn trudeln und versuchte, dem Comp Informationen über Zahl und Status zu entlocken. Aber der Rechner half ihr nicht viel weiter.

Status unbekannt. Fehler. Kadettin Janina in Qualifikationsbonus.

Sie mußte die Fighter dort vernichten -- dann wäre sie Leutnant. Der Rechner hatte einen Fehler festgestellt. Wahrscheinlich waren die Daten für den Stützpunkt doch nicht zu alt gewesen und der Comp hätte sie warnen müssen.

Sie fing an zu feuern. Ohne Rücksicht auf ihre Energiereserve schoss sie alle Energie durch die AM-L. Zwei Angreifer hörten auf zu existieren. Da meldete der Comp:

Vier Fighter in Angriff. Energielimit überschritten. Sofortige Heimkehr.

"Ist die Feindstation in der Nähe ?"

Keine Feindstation. Abstand Heimstation in Traktorreichweite.

"Dann bleibe ich hier. Die Leute zu Hause können mich heimziehen. Ich mache diese hier fertig."

Da traf ein Schuß ihre Bordkamera. Um sie herum wurde es dunkel. Sie konnte jetzt weder heimkehren noch gezielt schießen, sondern war den Angreifern wehrlos ausgesetzt. Entweder deren Comp meldete ihren Schaden und sie konnten Janina entern... oder zerstören.

"Kreisel."

Warnung. Kreisel darf nur von Offizieren ab...

Sie unterbrach den Comp. Wenn sie geentert würde, war es aus. Wenn sie jetzt getroffen würde, war es auch aus. Also mußte sie darauf vertrauen, daß sie mit einem Kreisel ALLE Angreifer treffen könnte und somit in den Status des Leutnants geriet. Das würde die Entscheidung rechtfertigen.

"KREISEL."

Der Gleiter begann zu routieren und schoss aus allen Rohren. Als die Drehung die höchstmögliche Geschwindigkeit erreicht hatte, übertrug er alle Restenergie der Steuerung auch noch in die AM-L. Der Gleiter würde, wenn er nicht durch einen Traktor gestoppt oder heimgezogen würde, bis in alle Ewigkeit weiter routieren.

Zwei Fighter zerstört.

"Na also."

Ziehe Energie aus Lebenserhaltungssystem.

"Was ? Halt ! Sofort stoppen..."

Die Gurte zogen sich enger um ihre Brust. Sie spürte, wie die Luft knapp wurde. Der Gleiter wollte doch nicht etwa seine Pilotin vernachlässigen, um den Kreisel durchführen zu können. Da erinnerte sie sich an die Instruktionsaktion, die sie immer zu früh abbrach. Ja. Genau das würde er tun --- deshalb durfte er nur von Offizieren eingesetzt werden. Und wenn, dann gingen die Pilotinnen hinterher --- vorausgesetzt, sie überstanden es --- in den Stationsdienst.

Als ihre Energieanzeige grün aufleuchtete, glaubte sie schon, wahnsinnig geworden zu sein. Der Comp plärrte in ihrem Kopf:

Doppelter Volltreffer.

Ein doppelter Treffer! Sie hatte zwei Menschen aus dem Dienst verbannt! In Janina stieg Hoffnung auf. Sie würde vielleicht...

Doppelter Volltreffer. Status leer. Energie verbraucht. Random.

Nach fünf Sekunden bangen Schweigens blitzte der Schirm vor ihren Augen auf und die Zahlenkolonnen enthüllten ihren neuen Rang.

Leutnant Janina wird durch Traktorstrahl gerettet. Bestandene Gefechtszeit 17 Minuten.

Janina entspannte sich. Die Gurte ließen sie los und sie griff an ihren Comptec-Helm, um ihn abzusetzen. Sie hatte alle Steuerfeinde vernichtet. Die Drohnen würden sich dadurch selbst zerstören. Sie zog sich den Helm vom Kopf und öffnete die Luke des Intruders. Auf dem Schirm flimmerte der Abspann und das positive GAME OVER füllte die Sicht aus.

Als das Mädchen aus dem Simulationsgerät stieg und wieder eintauchte in den Lärm der Spielhalle, mußten ihre Sinne sich erst wieder daran gewöhnen, nicht mehr direkt vom Computer, drogenunterstützt, alle Informationen vorgesetzt zu bekommen.

Sie vertrieb die Taubheit aus ihren Armen, betrachtete die Verbrennungen an ihrem rechten Arm, die ein Feind ihr geschossen hatte und humpelte dann, das blutüberströmte Bein hinter sich herziehend in die Medi-Kammer, um die Ärztin zu bitten, ihre Wunden zu flicken.

Gegenüber wurden von Robotern die vier Jungen aus ihren Simulatoren entfernt. Einer war noch bei Bewußtsein und sah Janina mit Tränen in den Augen nach. Die drei anderen wurden nur noch von ihren Meditecs am Leben erhalten. Sie konnten nun nie mehr Jagd auf Mädchen machen --- weder im All, in ihren Fightern, noch in einer der anderen Simulationen.

Als Janina die Spielhalle verließ und durch die Gänge der Station zum Transferrer humpelte kamen ihr Ariane und ihr Mann entgegen. Zwischen den beiden jungen Menschen sprang fröhlich ihr erstes Kind, Maria, auf und ab und griff nach der Prothese, die Ariana seit ihrem letzten Kampf anstelle der rechten Hand trug.

"Ich bin zum Leutnant befördert worden!" rief Janina den dreien entgegen.

"Und, hast Du Aaron erledigt ?" fragte Arianes Mann sie.

"Klar. Ihr könnt uns Frauen ja doch nicht widerstehen..." grinste das Mädchen und versuchte, trotz ihrer Verletzungen, selbstbewußt an der Familie vorbeizukommen.

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Marc Albrecht
Mehr seiner Werke gibt es bei
www.Elerion.de

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